Heidi Grundmann: Zur Verwendung des Sounds in den Installationen von Antoni Muntadas
1987 bestand Antoni Muntadas in Madrid bei seiner Installation “Situacion” im Centro Reina Sofia in Madrid trotz des wechselhaften Februarwetters auf weit offenstehenden Fenstern. Die Installation bezog sich auf die Geschichte des Centro Reina Sofia, das früher einmal ein Krankenhaus war. Doch was durch die offenen “Spital-” Fenster” hereinströmte, war der Straßenlärm der späten 80er Jahre des 20. Jahrhunderts, eine Geräuschkulisse also, die sich ( - wie wir wissen, ohne einen tatsächlichen Vergleich anstellen zu können - ) seit den Zeiten, als das Gebäude noch ein Krankenhaus war, viel radikaler verändert haben muß, als das zum Museum umfunktionierte Gebäude selbst. Trotzdem ist es durchaus möglich und sogar wahrscheinlich, daß so manche(r) BesucherIn die Straßengeräusche gar nicht als Teil der Installation aufgefaßt hat sondern sie als Alltags-Hintergrund nicht weiter beachtete.

Diese Eigenschaft von Geräuschen, zum selbstverständlichen (“natürlichen”) Hintergrund zu werden, der nicht weiter bewußt wahrgenommen wird, ist wahrscheinlich ein Grund dafür, daß wir das Fernsehen fast immer als visuelles Medium begreifen und beschreiben. Die Rundfunkanstalten selbst allerdings wissen nur allzu genau über die Bedeutung des Soundtracks im Fernsehen Bescheid: “Stille”, Ton-Losigkeit ist im Fernsehen noch viel stärker verpönt als im Radio.

Antoni Muntadas hat in den letzten 10 Jahren bei seinen Installationen den Ton von der Bildquelle Monitor getrennt. Zuvor benützte er den Monitor wie einen Fernseher als Bild- und Tonquelle und ging in der Installation “The Board Room” sogar so weit, in den Porträts von Religionsführern den Mund jeweils durch einen kleinen Videomonitor zu ersetzen.

In den Installationen “Stadium”, “Home, Where is Home” und “Worte: Die Pressekonferenz” ist der Monitor ausschließlich Bildquelle, u.zw. Quelle sehr spezifischer, nämlich massenmedialer Bilder, während der Sound aus eigenen, sorgfältig plazierten Lautsprechern kommt. Das bedeutet allerdings nicht unbedingt, daß Muntadas in seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit den Massenmedien, dem Fernsehen das Radio als akustisches Äquivalent gegenüberstellen will. Im Gegenteil, selbst wenn er Popsongs als Material verwendet, bezieht er sich auf einen Begriff von “Massenmedien”, der wesentlich mehr umfaßt als Zeitung, Radio und Fernsehen. Wird es doch immer klarer, daß (auch) diese Medien einer radikalen Wandlung unterworfen sind, seit sie durch die Digitalisierung mit einer weltumspannenden Landschaft von Kommunikationstechnologien vernetzt und in diese Landschaft bereits so weit integriert sind, daß sich das Zukunftsbild eines einzigen Hyper-Kommunikationsmediums abzeichnet, das zweifellos den Transport von Ideologie noch weit effizienter betreiben wird als die großen Sende und Printmedien das bisher taten und tun.

In der Installation “Worte: Die Pressekonferenz” z.B. weiß Muntadas zu verhindern, daß diese Arbeit in die drei klassischen Massenmedien zerfällt, indem er den Sprecher/Verkünder als Nicht-Anwesenden aber in seiner Austauschbarkeit und Ersetzbarkeit doch Immer-Präsenten visualisiert, als einen, für den immer und überall schon Mikrophone installiert sind, über die jeder seiner Inputs aufgenommen und im digitalen Zeitalter eben in Daten verwandelt, übertragen, in verschiedener Form abgerufen und als Material weiterbehandelt/manipuliert werden kann.

Die nostalgisch materielle “Zeitung” wird in der Installation zu einem Teppich, den man gleichsam als historische Schicht begehen kann, die die Oberfläche nur dürftig bedeckt, von der aus wir uns in die immaterielle digitale Präsenz/Gegenwart begeben, die auf dem Bildschirm flimmert oder im Raum widerklingt.

Der Ton aus den Lautsprechern und die Bilder auf dem Monitor wurden vom Künstler aus Fragmenten von “vorgefundenem Material” speziell für diese Installation komponiert. Es wird aber kein Versuch gemacht, Ton und Bild zu synchronisieren, jede Komposition steht vielmehr für sich selbst. Die Herkunft des Materials ist unspezifisch: die bewegten Bilder stammen aus Filmen und Fernseharchiven, der Ton aus Radio- und Fernsehsendungen sowie aus Filmen und Tonarchiven. In jedem Falle aber handelt es sich um Aufzeichnungen von Lautsprecher-verstärkten, ausgestrahlten Reden, die an ein zu manipulierendes Massenpublikum gerichtet waren. Die Collage aus den Bildern und die Collage aus den Tönen werden zu Spuren der Geschichte der Verbreitung von Ideologien im 20. Jahrhundert. Während die Videocollage trotz ihres Tempos additiv und daher linear bleibt, steigert sich der den/die BesucherIn von allen Seiten einhüllende Sound - u.a. durch die Technik des Layerings, des Schichtens von verschiedenen Tonspuren, - zu dem Bild eines Raumes des simultanen Wahnsinns, der mit den Stimmen von Politikern gefüllt ist, die sich in einem Inferno von Versprechungen und Halbwahrheiten gegenseitig mit ihren erschreckend ähnlichen Litaneien zu überschreien versuchen...

Der Sound zu der komplexen Arbeit “Stadium” vereint Fragmente aus Aufzeichnungen von Massenveranstaltungen aus den Bereichen Sport, Politik, Religion, Popmusik etc. Schon das kleinste Fragment dieser Aufnahmen - und das heißt, jede Stelle im Soundtrack - ist imstande, im Rezipienten die Erinnerung an das Genre der Massenveranstaltung im allgemeinen und an die vielen verschiedenen Arten von Zusammenkünften in Stadien im besonderen hervorzurufen, eine Erinnerung also, die “kollektiv” geworden ist und sich sogar in jenen von uns festgesetzt hat, die selbst noch nie in einem Stadium gewesen sind. Jedes kleine aufgezeichnete Ton-Fragment enthält sowohl die lange Geschichte der Massenveranstaltungen in einem Stadium wie auch die viel kürzere ihrer Aufzeichnung und Sendung. Die Collage aus vielen Klangfragmenten, die von ganz verschiedenen Orten und aus ganz verschiedenen Zeiten stammen, verlängert und vertieft zusammen mit den visuellen und taktilen Teilen der Installation den Augenblick des (Wieder-) Erkennens, das sich in den ersten Sekunden des Hörens einstellt. In jüngster Zeit beschäftigen sich wissenschaftliche Studien damit, unsere Fähigkeit zu untersuchen, Töne - vor allem solche, die durch die Massenmedien kodiert sind, immer schneller zu erkennen, und Literaturwissenschafter versuchen, eine Geschichte und Morphologie der öffentlichen/gesendeten Rede und Stimme zu schreiben. Antoni Muntadas erforscht Fragestellungen dieser Art seit Jahren in seiner Kunst.

In “Home, Where is Home?” verwendet Muntadas eine Collage aus Popsongs als Soundtrack und evoziert damit den allgegenwärtigen nostalgischen Wunsch nach Geborgenheit, nach Heimat, nach einem Happy End. Wieder gelingt es dem Künstler mit kleinen Soundfragmenten an etwas wie eine kollektive Vorstellung von den Begriffen Heimat und Glück zu appellieren. Gleichzeitig weist er auf eine sehr reichhaltige populäre Musiktradition hin, die durch Aufzeichnungsmedien geprägt ist, und in den letzten dreißig Jahren, zumindest an ihren Rändern, immer wieder Bezüge zum Bereich avancierter Kunst hatte. Die Soundkomposition wird, indem sie den ganzen Raum und alle Elemente der Installation sozusagen umhüllt und durchdringt, wieder eingesetzt, um eine Atmosphäre zu erzeugen, die das Werk zu weit mehr als zur Summe seiner Teile werden läßt. Mit dem Schritt, den Sound aus dem Fernsehmedium herauszulösen und zu einem eigenständigen und raumfüllenden Teil seiner Installation zu machen, brockte sich Muntadas nicht nur die Mehrarbeit zweier voneinander unabhängiger Kompositionen für den Fernseher und für das Lautsprechersysten ein, er eroberte sich damit auch ein neues Medium, nämlich die CD. Diese CD - selbst die Verkörperung der neuesten Aufnahmetechnologie - dient als ein Souvenir an die Installation und an den Diskurs, den diese ingangzusetzen versucht. Dieser Diskurs findet sowohl in der wie auch als die Erinnerung an bestimmte Arten von Massenphänomenen und ihrer Manipulation in und durch die Massenmedien statt. Zugleich wird die Geschichte jener Technologien, die dabei als Speicher- und Sendemedien dienen, zu einem der Themen und zu Material in den vielschichtigen Arbeiten von Antoni Muntadas.

Die Installationen von Antoni Muntadas sind bewußt in einem Feld angesiedelt, das einen Schritt hinter der jüngsten gesellschaftlich-technischen Entwicklung zurückbleibt, von der Bill Viola sagt: “memory replaces sensory experience”, “das (Maschinen)-Gedächtnis ersetzt die sinnliche Erfahrung”. In den Installationen von Muntadas gibt es sehr wohl noch sinnliche Erfahrung - allerdings eine, die vom (kollektiven, mediatisierten und maschinengespeicherten) Gedächtnis handelt. Das Souvenir an diese Erfahrung ist eine CD: das kompakte Bild eines als Datenspeicher definierten Gedächtnisses ...

Heidi Grundmann


aus TRANSIT#2
Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum

  • Index

  • Beschreibung

  • Romana Froeis: Antoni Muntadas - Worte: Die Pressekonferenz

  • Antoni Muntadas Biographie

  • Bildmaterial

  • Skizzen


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