Romana Froeis: Antoni Muntadas - Worte: Die Pressekonferenz
“Das Spektakel ist die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über sich hält, ihr lobender Monolog. Es ist das Selbstportrait der Macht in der Epoche ihrer totalitären Verwaltung der Existenzberechtigungen.” (1)

In einer seiner neuesten Arbeiten “WORTE: Die Pressekonferenz”, die im Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck zu sehen war und in Zusammenarbeit mit dem Verein Transit realisiert wurde, thematisiert der spanische Konzept- und Videokünstler Antoni Muntadas die massenmedialen Strukturen der Politstrategen. Der Künstler versucht zu zeigen, daß die Konzepte der Politik, die im Grunde nie erfüllt werden können, als bewährte “Eintopf-Rezepte” immer noch ihre Wirkung haben.

Seit die Möglichkeit besteht, die Politiker bildlich und sprachlich zu reproduzieren - also die Fotografie in Zeitungen und Bild- und Tonträger in den nicht mehr wegzudenkenden Massenmedien Radio und Fernsehen verwendet werden - haben sich die äußeren Formen und die Inhalte der politischen Statements nicht verändert. Die PolitikerInnen suchen mit Hilfe der Medien ihre zweifelhaften Konzepte als Wahrheiten an die/den Frau/Mann zu bringen. Somit zählen die Printmedien und die elektronischen Sendemedien (Radio und Fernsehen) zu den Sprachrohren und/oder Fernrohren unserer Zeit mit deren Hilfe der politische Machtapparat das Massenpublikum im Visier hat.

Bei dieser Installation bilden die auf Kunststoff geklebten Titelblätter verschiedener lokaler Printmedien einen Teppich. Die Zeitungsseiten schaffen das Text-Gewebe, während die Mikrophone und der Monitor an den Endpunkten des “Printteppichs” metaphorisch betrachtet die “Fransen des Teppichs” formen. Ein kreisrundes Scheinwerferlicht leitet die Aufmerksamkeit des Besuchers im abgedunkelten Raum sofort auf das erhöhte Podium auf dem mehrere Mikrophone befestigt sind. Alles weist auf eine bevorstehende Pressekonferenz hin, nur der Sprecher fehlt (noch?). Dem Rednerpult gegenüber befindet sich ein Monitor in dem ein Videoband mit historischen Mitschnitten von Ansprachen bekannter Politiker und Politikerinnen - ohne Ton - gezeigt wird. Das dazugehörende akustische Material (die bei solchen Pressekonferenzen geführten Phrasen) ist über im Raum verteilte Lautsprecher zu hören. Der Rezipient wird mit visuellen und akustischen Bruchstücken manipulierender politischer Agitation konfrontiert.

Auf ironische Weise konstruiert Muntadas in seiner “Pressekonferenz” ein mediales Display zur Dekonstruierung der Machtpolitik. Die vielen Mikrophone sind Kennzeichen für politische Äußerungen, sie sind die “stummen Ansager” für den kommenden Sprecher. Die akustischen und visuellen Komponenten dieser Installation, die im Grunde das System der klassischen Massenmedien wiedergeben, werden neu gewürfelt. Die bearbeiteten, historischen Materialien, Tonaufnahmen von politischen Reden auf einer CD, sowie Fernseh- und Filmauftritte von verschiedenen PolitikerInnen auf einem Video, sind nicht synchronisiert. So erscheint am Monitor z.B. das Bild John F. Kennedys während man aus den im Raum plazierten Lautsprechern die Stimme Hitlers oder Mussolinis zu hören vermeint.

Muntadas analysiert in dieser Arbeit das politische Dispositiv im Zusammenhang mit den Massenmedien. Dabei wird für ihn der “unsichtbare Teil der Medienbilder” wichtig, denn im sichtbaren Teil eines jeden Medienbildes visualisiert sich nur eine fiktive, gestellte Form, die die eigentlichen Inhalte, bzw. die eigentlichen Absichten verbirgt. (2)

Zwei von außen identische schneckenartige Hörkabinen im ebenfalls abgedunkelten Eingangsbereich des Ausstellungsraumes, zeigen je ein Dokumentationsbild früherer Arbeiten - in der einen ein Bild eines Stadions (Installation “Stadium”), in der anderen die Darstellung eines Hauses unter einem Tempel (Installation “Home, Where is Home”) mit der jeweilig dazugehörenden Tonkulisse. Die Hörboxen werden hier zu Metaphern des öffentlichen (Stadion) und privaten (Home) Raumes, deren Trennung heute, mit der stärker werdenden Präsenz der elektronischen Medien, immer weniger erkennbar und bestimmbar ist.

Die Medien der Massen sind nicht nur gekennzeichnet durch ihr unterhaltendes Kommunikationsangebot, sie sind zur selben Zeit auch Überwachungsgeräte der öffentlichen und privaten Räume. Die Untersuchung über die permanent immanente Manipulation durch und über die Massenkanäle von den öffentlichen bis in die intimsten privaten Räume ist einer der grundlegenden Ansätze im Werk von Antoni Muntadas.

Der spanische Medienkünstler bindet in seine Projekte jene Orte (Stadion, Konferenzraum, etc.) und Instrumente (Fernsehen, Radio, Zeitungen etc.) der Machtausübung ein, die von den Politstrategen täglich verwendet werden. An diesen Orten und über die Massenmedien werden die ideologisch abgefaßten “Konzepte” der Mächtigen an die Empfänger weitergeleitet. Eine kleine Elite antizipiert sozusagen durch die Vermittlung ihrer politischen Meinungen, gesellschaftlichen Werte und Ideen über die Massenmedien das, was die Gesellschaft denkt bzw. denken soll.

Romana Froeis


aus TRANSIT#2
Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum

  • Index

  • Beschreibung

  • Heidi Grundmann: Zur Verwendung des Sounds in den Installationen von Antoni Muntadas

  • Antoni Muntadas Biographie

  • Bildmaterial

  • Skizzen


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    (1)
    Debord, Guy, Die Gesellschaft des Spektakels, Hamburg 1978 (Paris 1967), S. 12
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    (2)
    Muntadas, Antoni, aus einem Gespräch mit dem Künstler, Innsbruck im November 1992
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