thomas feuerstein:
notationen am laufenden band
über das bei-läufige in ewald spiss tonbandarbeiten
“I try to remember but I can’t.
That’s why I got married to my tape recorder.”

(Andy Warhol)


Der Wunsch Geschehnisse zu notieren, geht mit der Idee der Aufzeichnung und Einschreibung von Beobachtungen in Gegenständen einher. Beobachtungen werden aufgeschrieben, indem sie Gegenständen eingeschrieben werden. Die beschriebenen Gegenstände werden dabei Gegenstand der Beschreibung im oberflächlich transformativen Sinn ihrer Informierung und im kulturell weit wichtigeren symbolischen Gehalt einer Welt als Gedächtnis. In der Obsession die Welt zum Gedächtnis zu machen, liegt die eigentliche Bedeutung der Notiz. Denn er-innern kann man sich nicht an das, was in einem ist, sondern nur an das, was mit einer Notiz belegt wurde, d.h. erst durch die Notiz (noscere-erkennen) gelangen wir zu Bedeutungen und schafft sich unser Inneres ein Äußeres, sprich “Realität”.

An der funktionalen Stellung zwischen Vergessen und Erinnern wird die Unschärfe der Notiz ablesbar. Einerseits stellt die Notiz, als die einem Gegenstand eingeschriebene Information den Garant des nicht mehr Vergessenkönnens dar, andererseits muß jedes Geschehen/Gegenstand usf. erst vergessen (eigtl. nicht greifbar) werden, um zu Information transformieren zu können. Die Notiz als Instrument Phänomene zu markieren und zu speichern, schafft ständig neue Bedingungen für unsere Rezeption von Welt und konstituiert somit unsere Wirklichkeit. Im Notieren als Markieren eröffnet sich das gesamte Spannungsfeld der Notiz im Sinn etwas zu bezeichnen und in der Bedeutung etwas vorzutäuschen. Die letztere Eigenschaft der Notiz wäre schließlich nicht mehr in irgendeinem Verweischarakter auszumachen, sondern im vollständigen Tausch des Geschehens/Gegenstandes gegen die Notiz als nominalistische Zeichenkette, d.h. das Bild, die Tonfolge, die Erzählung einer Sache wird wichtiger als die Sache selbst, verdrängt sie und wird Selbstzweck.

Der Automat kopiert nicht, er realisiert, 
um über seine technische Konstitution die 
Wahrheit des Lebendigen ontologisch zu ergründen.
Spiss Notizen aus Nordindien liegen spekulativ zwischen der dokumentarischen Aufzeichnung akustischer Atmosphären und abstrakter Klänge. Die Strategie des “Bei-läufigen” von Ewald Spiss operiert auf dieser Zwischenebene, indem beiläufig ein Band eine bestimmte Situation mitschneidet. Die Poesie des “Bei-läufigen”, wie sie im sparsamen und hintergründigen Einsatzes des Mediums Tonband bei Spiss entsteht, beruht dabei weder auf der Illusion von Authentizität noch auf der Schaffung musikalischer Klänge. Spiss notiert und dokumentiert nicht Situationen, um sie prometheisch wiederaufleben zu lassen. Seine künstlerische Praxis ist genau in der genannten Unschärfe zwischen Erinnern und Vergessen - der medialen Praxis des Notierens auf Magnetband - angesiedelt. Bereits im 18. Jhd. stößt man bei dem französischen Militärarzt Lamettrie auf Gedanken zu Ton- und Geräuschautomaten (Vaucanson’s Maschinen ließen nach dem Flötenspieler und seiner berühmten Ente auch einen künstlichen “Sprecher” nicht mehr unmöglich erscheinen), künstliche Tonwiedergabesysteme nicht als bloße mimetische Imitationen des natürlich Lebendigen zu verstehen. Es klingt bei Lamettrie die Vermutung an, daß die Repräsentation des Natürlichen durch das Künstliche, das Technische, die natürliche Wahrheit einsehbar mache. Der Automat kopiert nicht, er realisiert, um über seine technische Konstitution die Wahrheit des Lebendigen ontologisch zu ergründen. Spiss führt dieses Denken, das bis heute unsere Technikgläubigkeit fundamentiert, in seiner Arbeit nicht fort, sondern er konfrontiert beziehungsweise integriert es mittels seines künstlerischen Gebrauchs der Tonbandmaschine in ein buddhistisches Weltbild. Der Begriff des Mediums fächert sich hierbei in seiner gesamten Bandbreite auf und beansprucht nicht zuletzt auch eine Vermittlerrolle zwischen verschiedenen Kulturen.

Spiss spielt mit der technischen Präzision der magnetischen Notation seines Recorders, um Differenzen zwischen unseren Möglichkeiten von Wirklichkeitsperzeption aufzuspüren. Daraus resultiert die Poesie als paradoxe Konvergenz von Erinnern und Vergessen, die das Replay des Bandes erst zuläßt. Wer zwischen den Zeilen eines Buches und den Rillen einer Schallplatte zu lesen und zu horchen gelernt hat, wird Spiss Arbeit zwischen den Tonspuren zu suchen wissen. Die digital gesampelten Stellen zwischen den einzelnen Klangsequenzen stellen dafür die nötigen Interpunktionen und Zeilenumbrüche dar.


aus TRANSIT#1, Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum

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