Hypnerotomachia Poliphili
... Leser, wenn Du in Kürze erfahren willst, was in diesem Werk enthalten ist, wisse, daß hier Polifilo erzählt, wie er im Traum erstaunliche Dinge gesehen hat; dieses Werk nennt er auf griechisch Liebeskampf im Traum. Hier erzählt er, wie er viele altertümliche und erinnerungswürdige Dinge gesehen hat, und alles, wovon er sagt, daß er gesehen habe, erzählt er Punkt für Punkt in eigenen Wörtern und elegantem Stil: Pyramiden, Obelisken, gigantische Ruinen von Gebäuden, die Vielfalt der Säulen, ihre Maße, die Kapitelle, Basen, Epistyle, das heißt gerade Traversen, gebogene Traversen, Zophoren, das sind Friese, Umrahmungen mit deren Ornamenten. Ein großes Roß. Ein riesiger Elefant, ein Koloß, ein großartiges Tor, mit seinen Maßen und Ornamenten, ein Schreckenserlebnis, die fünf Gemütszustände in Gestalt von fünf Nymphen, eine außergewöhnliche Therme, Springbrunnen, der Palast der Königin, der der freie Wille ist; ein königliches und außerordentliches Bankett. Die Vielfalt von Gemmen oder Edelsteinen und deren Eigenschaften. Ein Schachspiel, als Ballett im Dreiermaß getanzt. Drei Gärten, einer aus Glas, einer aus Seide, einer als Labyrinth, wie das Leben der Menschen, ein Peristyl mit mehreren Seiten, in dessen Mitte die Dreifaltigkeit in Hieroglyphen, das sind ägyptische Skulpturen, dargestellt ist. Die drei Türen, durch die er kam, Polia, ihre Gestalt und ihr Ausdruck. Polia führt ihn zu vier erstaunlichen Triumphzügen des Jupiter und zeigt ihm die Geliebten der Götter, der Dichter, die verschiedenen Affekte und Effekte der Liebe. Der Triumph des Vertumnus mit Pomona. Das Opfer im Heiligtum des Priapus, ein wunderbarer Tempel, kunstvoll beschrieben, wo Opfer mit erstaunlichen Riten und Religion dargebracht wurden. Wie Polia und er zur Küste gingen um Cupido zu erwarten, wo ein zerstörter Tempel stand. Polia überredet ihn, dort hineinzugehen, um die antiken Dinge zu sehen. Und hier sah er viele Epitaphe, eine in Mosaik gefertigte Hölle. Wie er erschrocken von dort hinauslief und zu Polia zurückkam. Und wie sie dort standen, erschien Cupido auf einem Boot, das sechs Nymphen ruderten. Dort eingestiegen öffnete Amor seine Flügel zu einem Segel. Und von dort, nachdem die Meeresgötter und -göttinnen, und die Nymphen und Ungeheuer Cupido die Ehre erwiesen haben, erreichten sie die Insel Cythera, die Polifilio ausführlich und vollständig in ihren Wäldchen, Wiesen, Gärten und Flüssen und Quellen beschrieb; und Cupido wurden von den Nymphen Geschenke und Willkommensgrüße gebracht, und wie sie auf einem Triumphwagen zu einem erstaunlichen, vollständig beschriebenen Theater in der Mitte der Insel kamen. In dessen Mitte ist der Venusbrunnen mit sieben wertvollen Säulen, und alles, was sie hier taten, ist beschrieben, und nachdem sie hier Mars gesehen haben, gingen sie fort und kamen zum Bach, wo das Grab des Adonis stand. Und hier erzählten die Nymphen vom Fest, das Venus ihm in Gedenken machte. Darauf redeten die Nymphen Polia zu, daß sie von ihrer Herkunft und ihrer Liebe erzähle, und das ist im ersten Buch. Im zweiten erzählt Polia von ihrer Liebesgeschichte und ihrem glücklichen Ausgang und nachdem die Geschichte mit unzähligen und höchst ehrenvollen Details und Zusätzen beendet ist, erwachte er beim Gesang der Amsel.

(Übersetzung: Norbert Math, nach der 2. Auflage der Hypnerotomachia Poliphili, Venedig 1499.)


aus TRANSIT#2
Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum

  • Schlafradio #1 index

  • Reinhard Braun: Eins

  • Biographie Norbert Math

  • Bildmaterial


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