heidi grundmann: vorwort
Mit TRANSIT #2 legt der gleichnamige, in Innsbruck angesiedelte Verein bereits zum zweiten Mal einen Report über seine Tätigkeit vor, obwohl das kontinuierliche Programm mit künstlerischen Projekten im elektronischen/digitalen Raum und/oder theoretischen Veranstaltungen, das TRANSIT sowohl in Tirol wie auch - vor allem in den Massenmedien - über Tirol hinausreichend anbietet, erst im Oktober 1992 begonnen hat. Aus den Beiträgen zu diesem Heft, von denen wiederum ein Teil von jenen KunsthistorikerInnen erstellt worden ist, die an einem TRANSIT-Forschungsauftrag über “Kunst und Telekommunikation in Österreich” arbeiten, läßt sich von neuem ablesen, daß KünstlerInnen, KomponistInnen, LiteratInnen, aber auch TheoretikerInnen, die diesen Bereich betreten, dabei sind, sich - und uns - ein ungeahnt vielfältiges Feld der Auseinandersetzung zu erschließen.

Wie schon in TRANSIT #1 wird auch diesmal wieder ein Kunstgespräch zitatweise dokumentiert, bei dem TheoretikerInnen und KünstlerInnen ohne Publikum aufeinandertrafen. Im Gegensatz zum ersten TRANSIT-Kunstgespräch aber war das zweite - hier dokumentierte - Teil eines übergreifenden Kunst-Projektes von Bruno Beusch und Tina Cassani. Sie machen die Theorie zum Gegenstand ihrer Arbeit und zwingen Theoretiker und KünstlertheoretikerInnen zur praktischen, ja hautnahen Begegnung mit ihren eigenen theoretischen Aussagen. Indem Beusch/Cassani alles, was gesprochen wurde, auf Harddisk aufnahmen, und der Runde manchmal gezielt gerade erst aufgenommene Sätze zuspielten, nahmen sie manche der Teilnehmer im wahrsten Sinne beim - vielleicht leichtfertig niedergeschriebenen oder ausgesprochenen - Wort, wie z. B. jenem, daß durch Digitalisierung alles zum jederzeit abrufbaren, manipulierbaren, vom Erst-Kontext ablösbaren und abgelösten Material werde: es war für die Diskussionsteilnehmer keineswegs immer angenehm, die eigene, gerade erst abgegebene Rede als Material - eines von Beusch/Cassani eingeführten elektronischen Moderationssystems REFLECTOR - an die eigenen und vor allem die Ohren der anderen dringen zu hören. Der Beitrag der beiden in Paris lebenden Schweizer zu TRANSIT #2 wurde übrigens bis ins letzte Lay-Out-Detail von Beusch/Cassani selbst gestaltet. Im Sommer wird die Arbeit fortgesetzt und im Herbst werden Fragmente des Projektes im Radio gesendet werden.

Auf eine ganz andere Art wurden die von Albert Mayr zu einer “Gesprächsrunde” ins Hörspielstudio des Landesstudios Tirol Geladenen zu Materiallieferanten für den Künstler, und zwar für eine - sanft, aber doch - stark vom Autor bestimmte radiophone Kollektivkomposition. Albert Mayrs Text in diesem Heft gibt einige jener Überlegungen zum Zeit-Design wieder, die der in Florenz lebende Künstler seit Jahren auf vielfältige Art in die Praxis umzusetzen versucht.

Auch der Text von Jon Rose in diesem Heft ist selbstverständlich Teil des Projektes, das der - seit Jahren in einem Gesamtkunstwerkhaften Work-in-Progress die Dekonstruktion des Mythos Geige (und des Mythos Kunst) betreibende - Künstler und Musiker im Innsbrucker Cafe Central begonnen hat, und zwar zusammen mit Rudi Frings und Frank Schulte. Alle drei waren im ORF Landesstudio Tirol bei der Bearbeitung jenes Videobandes dabei, das im Herbst zur Sendung und als Teil einer TRANSIT Video-Edition vorliegen soll. Diese Video-Edition wird, zusammen mit einer TRANSIT CD-Edition, jene Projekte dokumentieren, die in diesen Speichermedien als eigenständige Arbeiten bestehen können, d.h. es sollen nur in Ausnahmefällen einfache Mitschnitte von Performances und anderen Live-Projekten in die Editionen aufgenommen werden.

Während Jon Rose seinen Text durch Fiktion, Poesie und Humor anreichert, geht die Kärntner Gruppe “All Quiet On The Western Front” jenen Veränderungen und Problemen, denen ihr ursprüngliches Konzept “Personenrufe” durch das Zusammentreffen mit der Institution ORF unterworfen war, kühl dokumentarisch nach. Umso besser lassen sich aus ihrem Beitrag zu diesem Heft die Schwierigkeiten ablesen, mit denen eine Kunst konfrontiert ist, die den elektronischen Raum - auch und gerade den der Massenmedien - als öffentlichen Raum begreift. Das Projekt “Personenrufe” griff im übrigen eine Tradition des Mahnmales im öffentlichen/medialen Raum auf, die in Österreich bisher vor allem in der Steiermark entwickelt worden ist (u.a. von Fedo Ertl, Peter Gerwin Hoffmann und Richard Kriesche, bzw. bei der Ausstellung “Bezugspunkte 38/88”, Graz 1988).

Besonders deutlich verweisen jene Texte dieser Publikation auf das TRANSIT-Ziel einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit Kunst im elektronischen/digitalen Raum, die ein Work-in-Progress darstellen, welche erst begonnen haben, sich zu entfalten.

Norbert Math z. Bsp. realisierte in dem hier dokumentierten ersten Halbjahr 1993 die allererste Phase seines Work-in-Progress “Schlafradio” und F.E. Rakuschan hat gerade erst damit begonnen, das ein ganzes Jahr andauernde “Electronic Diary” von Andrea Sodomka und Martin Breindl im Auftrag von TRANSIT zu begleiten. Die Transkription des Vortrages “Über das Radio (hinaus)” von Wolfgang Hagen, der von TRANSIT veranstaltet worden ist, betont die Bedeutung, die der Verein dem theoretischen Background der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem elektronischen/digitalen Raum beimißt. (Dieser theoretische Background wird, wie in diesem Heft häufig, auch von den KünstlerInnen selbst mitformuliert.)

Vom 14. bis 17. Oktober 1993 findet in Innsbruck ein Symposion statt, das sich unter dem Titel “On The Air” als Fortsetzung zweier in Graz abgehaltener Symposien versteht: “On Line” bzw. “In Control” beschäftigten sich mit Kunst im Netz und dem Verhältnis zwischen dem menschlichen Körper und den neuesten Technologien. Die zweisprachigen (deutsch/englisch) Kataloge aller drei Veranstaltungen können bei TRANSIT zum Vorzugspreis von ÖS. 300.- bestellt werden. Der letzte der drei Kataloge “On The Air” erscheint im Jänner 1994. Der Katalog “On Line” ist bereits erhältlich und kostet ÖS. 150.-. Die Kataloge können bei TRANSIT, Wilhelm-Greil-Str. 1, 2. St., A-6020 Innsbruck, Tel. (A) 0512-58 06 01, Fax: (A) 0512-58 32 02 bestellt werden. Auskünfte zum Symposion “On The Air” erteilt ebenfalls das TRANSIT Büro.

Heidi Grundmann



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