Reinhard Braun: Transit - Datenbank
Das Projekt der TRANSIT - Datenbank ist Teil eines Forschungsauftrages des Bundesministeriums für Wissenschaft und Kunst an den Verein TRANSIT, der sich auf einen speziellen Bereich der Medien-Kunst richtet: es geht um die Rekonstruktion, Dokumentation und Bearbeitung von künstlerischen Projekten, die besonders den kommunikativen Aspekt elektronischer und digitaler Medien in den Mittelpunkt rücken, um Projekte, die wichtige Beiträge zur Erkundung dieser neuen Sphäre von Kommunikation, einer neuen Phänomenologie des Raumes, geleistet haben und zugleich diese neuen »Räume«, Effekte einer neuen Räumlichkeit, künstlerisch besetzten und aus diesen Räumen - temporär - künstlerische Räume konstruierten. Insofern arbeitet der Forschungsauftrag - der zunächst auf den Raum Österreich beschränkt ist - an einer Differenzierung des Begriffs der Medienkunst, an der Herausarbeitung von ganz spezifischen künstlerischen und theoretischen Positionen in diesem Feld. Die Forschungsarbeit richtet sich aber nicht nur auf die Dokumentation dieser Projekte, sondern verliert auch die gegenwärtige Situation nicht aus den Augen; es werden zuerst die von TRANSIT veranstalteten Projekte begleitet, dokumentiert und theoretisch bearbeitet und Dialoge mit den Künstlern gesucht. Das gleiche gilt auch für die - mittlerweile bereits - historischen Arbeiten; durch umfangreiche Interviews mit den Künstlern - Robert Adrian X, Gottfried Bechthold, Valie Export, Seppo Gründler, Peter Gerwin Hoffmann, Richard Kriesche, Friederike Petzold, Peter Weibel u.a. - wird deren theoretisches Potential rekonstruiert und vermittelt, wobei dieses Material den Ausgangspunkt zur Entwicklung einer Geschichte und Theorie von »Kunst im elektronischen Raum« bildet.

Im Feld einer elektronischen Kunst, von MedienKunst, Kunst mit Neuen Medien, intermedialer Kunst, Computerkunst usw. zielt die Formulierung dieses »elektronischen Raumes« vor allem auf besondere Momente künstlerischer Arbeiten mit elektronischen Medien: sie versucht, die Entstehung einer Heteronomie des Raumes anzudeuten, seine Überwindung bzw. die Erzeugung einer neuen, abstrakten und zugleich konkreten Räumlichkeit durch den Einsatz verschiedener Technologien der Übertragung - welcher Signale bzw. Daten auch immer. Der durch diese kommunikativen Verbindungen erzeugte nicht lokalisierbare Raum ist ein Raum der Geschwindigkeit, der Kommunikation, der Gleichzeitigkeit, der Zusammenführung von dislozierten Ereignissen, Erscheinungen etc.. Der Begriff des »elektronischen Raumes« versucht, die Effekte jenes zugleich synthetischen und fragmentarischen Raumes vorläufig zu beschreiben.

Mit dieser Einschränkung im Gebiet der Medien-Kunst ist allerdings zugleich eine Öffnung verbunden: als reiner Signal- und Datenraum findet in ihm die Parallelität/Synthese von Kunst, Literatur und Musik statt. Mit der Dokumentation ist somit von vorneherein eine neue Aufarbeitung, Analyse und Differenzierung von Medien-Kunst verbunden: die historische Untersuchung richtet sich auf die Entstehung dieses »elektronischen Raumes« bzw. seiner Erscheinungsformen, seiner Deutungen und Besetzungen/Modifikationen als ein Raum der Kunst, auf seine Genealogie von der elektroakustischen und elektronischen Musik über die Videokunst, Fernseh- und Radiokunst bis hin zu Telekommunikationsprojekten. Die verwendeten Medien reichen von Telefon, Video, Fax, Tonträgern, BTX, E-Mail, Bild-Telefon, Voice-Boxen etc. bis hin zu komplexen Verbindungen dieser automatisierten, digitalen Systeme, die die Erzeugung jenes Raumes erst ermöglichen. Die Kriterien liegen somit nicht im formalen oder technischen, sondern vor allem im prozessualen Bereich, im Bereich der entwickelten Konfigurationen und deren Einsatz, Ziel und Anspruch. Dabei geht es nicht um eine phänomenologische Beurteilung, sondern um die Herausarbeitung, Bearbeitung und Vermittlung von bereits artikulierten Fragestellungen, Themen, Positionen, Theorien im Bereich der Kunst etc., die diesen »elektronischen Raum« und seine künstlerischen Ebenen vorbereiteten und entwickelten und die ihn immer noch weiter ausdehnen. »Kunst im elektronischen Raum« bildet einen Teil dieses Raumes und definiert ihn seit jeher mit. Das Ziel dieses Teils des Forschungsauftrags ist eine differenzierte Formulierung der Grundlagen, der Aspekte, der Theorien und der Utopien einer derartigen technologischen Kunst.

Unter diesem thematischen Horizont steht auch die Datenbank; sie bildet dabei mehr als nur ein Speichermedium für die Erfassung der Informationen zu Künstlern, Projekten, Festivals, primärer und sekundärer Literatur, Archivmaterial etc.. Zuerst benötigt ihre Konzeption eine Analyse und Systematisierung des Gegenstandes und ein Modell seiner Repräsentation (siehe Anhang). Es wurde eine Struktur der Ordnung des zu erwartenden Materials entwickelt und in Felder umgesetzt, die zusammen verschiedene Datensätze der Datenbank bilden. Weiters wurden die Verbindungen dieser Datensätze untereinander festgelegt sowie die Anforderungen an ihre Benützung: notwendige Suchbefehle und -routinen, Keyword-Listen und dergleichen.

Es entstanden vier Datenbanken zu den Bereichen Künstler, Projekte, Material und Literatur; diese sind untereinander vernetzt, vor allem die ersten drei, d.h. es bestehen zwischen diesen Bereichen Begriffs- und Feldverknüpfungen, die das gesamte Datenmaterial gliedern und zugleich eine inhaltlich orientierte Übersichtlichkeit ermöglichen. Die Datenbank ist aufwärtskompatibel angelegt, d.h. in viele Richtungen ausbaufähig, vor allem im Hinblick auf ihre Erweiterung in Richtung Multi-Media (Bild- und Tonmaterial). Abgerufen können nicht nur Informationen im engeren Sinn, sondern auch Beschreibungen von Projekten, Texte über die Projekte, Interviewmaterial usw. werden, d.h. es werden regelrechte Texte und Zusammenstellungen von Texten abrufbar sein.

Ein wichtiger Punkt ist die Frage des Zugriffs auf das Material der Datenbank, d.h. seine Dienstleistungsebene. Da das Material österreichweit - und international - präsent sein soll, wird die Datenbank netzfähig installiert, d.h. über Netzwerke zugänglich sein. In Zusammenarbeit mit dem Projekt ZEROnet der Steirischen Kulturinitiative wird diese Konfiguration entwickelt und die Datenbank über die ZEROnet-Mailbox betrieben. Dadurch wird nicht nur der Zugang für die Benützer erleichtert sondern auch eine neue Arbeitssituation geschaffen. Die am Forschungsprojekt beteiligten Kunsthistoriker schreiben von ihrem jeweiligen Standort aus (Innsbruck, Graz und Wien ) am Daten-Material dieser Datenbank und überspielen jeweils nur die neu hinzugefügten Daten zum nächsten Standpunkt der Datenbank. Diese wird an drei Orten (ebenfalls Innsbruck, Graz und Wien) ident vorhanden sein; die Daten werden wöchentlich aktualisiert, d.h. untereinander ausgetauscht und verglichen. Dies ist wichtig, um die Leitungszeiten für die Betreiber gering zu halten, um möglichst effizient die Information zur Verfügung stellen zu können und um Übertragungsschwierigkeiten möglichst vorzubeugen. Diese Konfiguration ist darüberhinaus deshalb von Bedeutung, weil das Entstehen der Datenbank und ihr Ausbau über eben jene telematischen Kanäle erfolgt, die der Forschungsauftrag zum Gegenstand hat. Die Datenbank versucht also, die Informationen auf derselben Ebene verfügbar zu machen, die sie historisch und theoretisch bearbeitet, deren Mechanismen und Effekte sie behandelt, analysiert, kritisiert etc.. Die Netze werden also auch im Hinblick auf ihre Möglichkeiten zu wissenschaftlichen Arbeiten eingesetzt; Wissenschaft und Kunst befinden sich im selben Kommunikationsraum; eine Kunst-Datenbank ist selbst Teil der Strategie, einen Kommunikationsraum, einen Datenraum mit Kunst-Daten zu besiedeln.

Realisiert wird dieses Daten-Netz - wie bereits erwähnt - über das ZEROnet. Es kann sich jeder Benützer mit einem entsprechenden Modem über die Telefonleitung anmelden und seine speziellen Informationen abfragen, das zusammengestellte Datenmaterial wird dem Benutzer dann zurückgespielt. Auf diesem Weg ist es schnell möglich, zu Informationen zu gelangen und vor allem, diese Informationen sofort zur Weiterverarbeitung in Textverarbeitungssystemen verfügbar zu haben. Ein Menü erlaubt verschiedene Auflistungen, Querschnitte und Suchroutinen, um Überblicke und/oder detaillierte Informationen abzurufen. Diese Suche und Erstellung des gewünschten Materials kann auch Off-Line erfolgen, um Telefonkosten zu sparen. Die Arbeit von Theoretikern, Historikern aber auch Kritikern, Journalisten etc. soll dadurch unterstützt werden. Die Datenbank bietet also weit über Österreich hinaus Dienstleistungen zum Thema telekommunikative Kunst (über FIDO-Net, das über die ZERO-Mailbox zugänglich ist). Daneben besteht aber auch die Möglichkeit zu einer Anfrage über Fax, Telefon und Post und auch über BTX. Anfrageformulare werden zu diesem Zweck entwickelt und auf Anfrage versandt. Die Antworten können dann über Fax oder aber mit der Post empfangen werden. Als Manual wird auch eine Diskette erhältlich sein und auf Wunsch die Software zum Netz-Betrieb zur Verfügung gestellt (Public Domain). Die Vernetzung der Datenbank erfolgt auf einer durchaus zugänglichen technologischen Ebene; weder die Anforderungen an die Computer noch an die Software überschreiten das Maß der derzeit üblichen Standards (PC, Mac und Atari); da auch andere Benützerebenen erhalten bleiben (Post), schränkt sich der Benützerkreis auch nicht auf jenen der Computerverwender ein, d.h. er wird möglichst breit und öffentlich gehalten.

TRANSIT erhält für seine weitere Arbeit einen besonderen Bereich in der ZEROnet-Mailbox für die interne Kommunikation, um Themen, Fragen, Positionen usw. zu entwickeln, aber auch den Transfer der Datenbank-Information abzuwickeln. Eine eigene Oberfläche und div. Routinen garantieren ein leichtes, sicheres und effizientes Übermitteln der Daten und Updating der Datenbank.

TRANSIT versucht mit dieser Datenbank, die traditionellen Medien der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen, Dokumentationen usw. zu überschreiten und die neuen Informations- und Kommunikationskanäle - auf die sich die Arbeit und Recherche ja richtet - für die Produktion von Informationen und für die Kommunikation zu verwenden. Der Forschungsauftrag wird dadurch Teil eines allgemeinen - internationalen - Austauschs über Kunst und Technologie. Ab Mitte Januar 1993 beginnt die Testphase der Datenbank; die praktische Arbeit wird die letzten notwendigen Modifikationen verdeutlichen.


aus TRANSIT#1 Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum



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