lukas gehrmann: kommentar
Das Projekt befaßt sich vorrangig mit den beiden Hauptthemen “öffentlicher Raum” und “Transport bzw. Transformation von Informationen”.
Bernhard Kathan liefert im Projektentwurf sowie in einem Text, der die Eindrücke vom 21.9.1992 reflektiert, dazu selbst einige Interpretationen bzw. Hinweise. Auf sie sei im folgenden zurückgegriffen.
Im Projektentwurf heißt es:
“Die einfachste Definition des öffentlichen Raumes bezeichnet diesen als jenen Ort, an dem man das Zusammentreffen mit fremden Personen nicht verhindern kann. Diese Definition ist sowohl für Fernsehen und Radio unbrauchbar, sie trifft aber auch nur sehr bedingt auf einen Bergsee zu, der wegen der Mühe des Anstieges oder auch wegen seiner Bedeutungslosigkeit (nicht in Karten eingezeichnet) nicht frequentiert wird.
Während eine Bahnhofshalle nach obiger Definition ganz klar als öffentlicher Raum gesehen werden kann, ist eine Schweineschlächterei nur sehr schwer als solcher zu sehen, sind doch eine Unzahl von Tierkadavern bestenfalls mit einem gut eingespielten Ensemble, welches noch aus verhältnismäßig wenigen Personen zusammengesetzt ist, konfrontiert.
Die Metaphorik des öffentlichen Raumes 
wie auch der Medien wird sich irgendwo 
beim Transport ansiedeln müssen. 
Da wir aber wissen, daß sich die Dinge - 
und dazu zählen auch Informationen - 
während des Transportes verändern und 
spätestens beim 
Rezipienten eine neue Qualität aufweisen, 
müßte man eher von Transformationen sprechen.

Ich denke, die Metaphorik des öffentlichen Raumes wie auch der Medien wird sich irgendwo beim Transport ansiedeln müssen. Da wir aber wissen, daß sich die Dinge - und dazu zählen auch Informationen - während des Transportes verändern und spätestens beim Rezipienten eine neue Qualität aufweisen, müßte man eher von Transformationen sprechen.
Alle vier Geräusche sind dementsprechend vier verschiedenen Orten der Transformation zugeordnet, und nicht der Bewegung. Einwand: Der Konsument des Produktes könne diese Überlegungen nicht mehr nachvollziehen. Das stimmt, aber das ist ja auch nicht notwendig, handelt es sich doch nicht um eine didaktische Veranstaltung. Weiterer Einwand: Um die oben erwähnte Transformation direkt umzusetzen, wäre es notwendig, das Sichtbare zeitgleich zu den vier Tageszeiten an einen bestimmten öffentlichen Ort zu übertragen. Zum einen erscheint mir dies schon oft genug durchgespielt, aber auch zu aufwendig, zum andern wird die Transformation deutlicher, wenn sie gerade nicht zeitgleich erlebt wird.” Zum Thema Transformation von Informationen bzw. der Bedeutung von Dingen hat sich Bernhard Kathan auch schon an anderer Stelle geäußert.
“Die oben erwähnten Transportprobleme gründen 
auch in jenen Verständigungsschwierigkeiten, 
die sich aus dem Zusammentreffen zweier 
unterschiedlicher Logiken ergeben...”

In seinem Aufsatz “Jetzt tauchen Transportprobleme auf” (in: Semiotische Berichte 3/1990, S 199-206) nimmt er den Gegenstand “Pfeil” als Beispiel für die Verschiebung von Bedeutungsebenen durch dessen Translokation von der Hand seines ursprünglichen Benützers in diejenige eines Völkerkundlers: “Wenn Ethnologen Dinge abtransportieren, dann denken sie an einen äußeren Bedeutungszusammenhang... Wenn wir an einen Pfeil denken, so handelt es sich einmal um ein Gerät, um damit zu überleben, es dient dem Nahrungserwerb und der eigenen Verteidigung, in einem ethnographischen Zusammenhang wird es zu einem Belegstück, zu einem Dokument... Jetzt sage ich einmal, die oben erwähnten Transportprobleme gründen auch in jenen Verständigungsschwierigkeiten, die sich aus dem Zusammentreffen zweier unterschiedlicher Logiken ergeben...” (S 200, op.cit.)
Diese unterschiedlichen Logiken gründen sich offenbar in unterschiedlichen Sichtweisen, die die Dinge in verschiedene Bedeutungsebenen einbetten. Sichtweise könnte in diesem Sinne auch wörtlich genommen werden, als ein vom Standort der jeweiligen Bezugsperson abhängiger Faktor. Im Rahmen des Projektes wird dies nicht nur durch die unterschiedliche Provenienz der verwendeten bzw. erzeugten Geräusch- und Textinformationen deutlich, es manifestiert sich auch in den einzelnen Gegebenheiten des Projektortes (Berg, See, Zelthaus, Luft etc.), die bei direkter Wahrnehmung andere Qualitäten aufweisen als am Ort ihrer indirekten Rezeption. Bernhard Kathan schildert dies anhand der Eindrücke, die er am Projektort gesammelt hatte:
“Irritation des Wassers: In der Vorstellung von einem kleinen Bergsee denkt man an klares, reines Wasser. Gerade der Zusammenhang zwischen Wasser und metaphysischen Vorstellungen lebt von der Reinheit, von der Reinigung letztlich. Als ich dann allerdings beim Aufstellen des Tempelchens in diesen Tümpel hineinwatete, wurde nicht nur eine trübe Brühe aufgewirbelt, vielmehr verbreitete sich über der Wasseroberfläche ein beißender, fauliger Gestank, der dem in Kläranlagen gewohnten Gestank in keiner Weise nachsteht. Diesen Gestank kann man heute nur noch über ökologisches Wissen deuten, über fehlende Zuflüsse, fehlenden Wasseraustausch, über einen heißen Sommer, der die Wassermenge auf weniger als die Hälfte reduzierte, über Sauerstoffverbrauch etc.. Metaphysische Deutungen sind ausgeschlossen. Eigenartigerweise nimmt die Bereitschaft dazu mit der Entfernung zu, also wenn man sich auf einen Hügel setzt und hinunterschaut oder wenn man sich in der Stadt herunten diesen Ort vorstellt.
Kürzlich habe ich bei Petronius gelesen, wie einer jammert, früher seien die Frauen noch bedeckten Hauptes und barfuß zum Kapitol gewandert, aber wer habe denn heute noch einen Glauben und die Götter hätten Watte in den Ohren und die Felder...
Die Vorstellung, die Götter hätten Watte 
in den Ohren wie auch die Vorstellung, 
ein Tempelchen für Götter aufzustellen, 
die es gar nicht gibt, 
hat mir den ganzen Tag über gefallen. 

Die Vorstellung, die Götter hätten Watte in den Ohren wie auch die Vorstellung, ein Tempelchen für Götter aufzustellen, die es gar nicht gibt, hat mir den ganzen Tag über gefallen. Nur einmal hat mich mein Bedürfnis nach einem konkreten symbolischen Austausch gestört. Ich hätte in der Mitte des Sees ein kleines Gerüst aufstellen können, auf welchem sich rohe Fleischbrocken stapeln ließen. Fütterung der göttlichen Raben und Dohlen, die über dem See ihre Kreise ziehen, sich durch Aufwinde herauftragen lassen und gern an dieser Stelle die Seiten wechseln. Natürlich haben die Krähen und Dohlen ein Auge auf die Rucksäcke und möglichen Abfälle, die zurückbleiben, aber die Vorstellungen der Tibetaner mit ihrer Himmelsbestattung sind uns fremd. Bei uns stünde die Fütterung mit rohem Fleisch in der Nähe zum Vogelhäuschen.
Es gibt über der Inzinger Alm (am Mundstalsee) ein auf den ersten Blick ähnliches Projekt. Seit einigen Jahren bauen einige an diesem See an einem Apollotempel. Mir gefällt zwar die Idee, über Jahre hinweg ohne technische Hilfsmittel ein Gebäude aufzustellen, also Steine, die in der Landschaft herumliegen, als Gebäude zu ordnen und dieses Spiel gegen den (kostspieligen) Widerstand der Bundesforste weiterzutreiben, aber letztlich ist es eine Vogelhäuschengeschichte, weil der symbolische Austausch nicht mehr funktionieren kann, der früher - wie man weiß - auch dann funktionierte, wenn es die Götter gar nicht gab.
Interessant ist einzig das Loch, das Bedürfnis nach einer bestimmten Ordnung, und diesbezüglich braucht man nur ganz einfache Codes.”


aus TRANSIT#1
Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum

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