die texte der performance

1.
Ich habe die Zeit des geduldigen Spiels erwartet.
Ich habe gewartet, daß die Lilie im Wald aufblühe.
Sie ist aufgeblüht.
Ich schenke den Blick der Überraschung und dem Schweigen.
Ich schließe die Vorhänge zum Meer hin. 
Das Meer schläft. Das Meer lebt.
Das was drinnen und das was draußen ist.
Öffne die Flügel, nun,
und jetzt halte dem Atem an.
Du bist
im Gang, der vom Zimmer ins Bad führt.
Entschleiere die Doppelwege Deine Seele
aber fordere weder Dunkelheit noch Licht. 
Dir möge der Blick genügen.
Durchdringe den Raum, der übrigbleibt:
zwischen Dort und Dort, nur diese Transparenz.

2.

3.
  In der Sicherheit vor dem Hier, weit weg, zwischen Stoffen und 
    Röhricht, bestärkt diese Frau neue Jugend.

Ich habe keine Wohnung
  schlage ein wenig die Augen nieder, die dünnen hellen Wimpern
    in den Augen wie Weizenmalz lassen ein Magnificat erklingen
Ich habe nicht einmal eine Stadt
  es ufert aus im Schatten, das ihr Gesicht umwölbt nach jeder 
    Sonnenfinsternis

Ich bin geboren als Häsin
  ihrem hübschen Schlangenmäulchen kann ich nichts nachsagen

Häsin/ ich bin als Häsin geboren


zählend die Gewissensbisse auf der Hand, die mich verletzte

4.

5.
Der Jahrtausendtraum auf der Anhöhe, der Traum von uralter Finsternis und 
vom Licht, zwischen den Schlachtreihen und dem gebeugten Haupt, nachdem 
man Äste und Damm, das Alphabet, die Worte umgangen, abgelegt hat, 
jenseits des normalen Ganges der Dinge und Wege, aber bevor man noch zum 
Hügel kommt, dort wo sich die Straße ellbogenmäßig krümmt und dann im 
Strahlenschein liegt, außerhalb der Mauern - sich zu begnügen mit einer 
elementaren Leidenschaft, mit einem unvollendeten Gedanken, der endlich einsam ist 

und stolz.	              Lass mich erraten - weites Gestein -
Und in dieser Kindheit des Gedankens einen Laut wiedererkennen, einen Geruch,
als einziges Zeichen	   die machtvolle Proportion
des Daseins, ein plötzliches Altern

und die Zeit ist da,	   den Umfang der Meere
und sie ist reine Finsternis, reines Licht.
                        und lass mich heute von ihren Ufern aus
                        mit der Hand die Hypothenuse des rohen
                        Bluts und der Schmerzen zart berühren.

6. 
Nicht das, was wir gesehen und dann vergessen haben, kehrt jetzt unvollständig 
ins Gedächtnis zurück, sondern wir schreiten auf jenem Punkt voran, den 
es noch nie gab, zur Vergeßlichkeit als Heimat des Gewissens. Deshalb ist 
unser Glück durchtränkt von Nostalgie:Das Gewissen enthält in sich das 
Vorgefühl der Verantwortungslosigkeit, und dies Vorgefühl ist vielmehr seine 
Perfektion.

7. 
Zuhause zu sein im Wunderbaren und in der Entzweiung.


              Die Zeit, in der auch derjenige wohnt, der kein Zuhause hat,
       wird
       für den Wanderer, der
       kein Haus 
       hinter sich hat,
       zum Palast.

8. 
Was habe ich jemals gewußt vor den flammenden Weidenbäumen, 
die nachmittags mit ihren lichtglänzenden Zungen die Festungsmauer bewachen, 
welche die Stadt umgürten?
Nie vorher haben sich Sonne und Mond so emporgehoben auf
der Scheibe meines Fensters;
Nicht die Zeit, nicht der Mensch haben die Sträucher des 
atemlosen Gartens verunreinigt...
Zwei Dämmerungen kreuzen sich über ihnen, sie teilen sich den Besitz, 
wie den der Wolken...
Die Mauer, an die ich mich lehne nimmt teil am Geheimnis des Olivenbaums.

9.

10.
Leben
in der Intimität eines fremden Daseins,
und dies nicht, um sich ihm anzunähern, um es bekannt zu machen,
sondern um es fern zu halten, mehr noch, um es nicht-erscheinend zu lassen, so 
NICHTERSCHEINEND, daß sein Name sein ganzes Sein enthält.
Und auch in der Mühsal, tagtäglich, nichts andres sein als ein stets offener Ort,
ein unvergängliches Licht,
in dem jenes Eine, jenes Ding stets und für immer 
exponiert und
zugemauert bleibt.

11.
Das Wahre hat keine Fenster,
das Wahre schaut nicht hinaus in Universum.

Jetzt, in dieser Stunde ist die Wahrheit übervoll an Zeit, bis zum Zerbersten.

12.
In seinen verschmutzten und trüben Spiegeln tauschen die Dinge mit dem 
Nichts einen Blick.
Ich habe die Tür geöffnet und habe sie im Zimmer gesehen.
Sie hatte die äußere Sicherheit dessen, der schon in sich geschaut hat. 
Dann sah ich eines Tages in ihrem Zimmer wie von der Decke herab die bunt modellierte 
Waage sich in der Luft bewegte.
Sie ist schließlich erst sechs Jahre alt! 
So dacht ich erleichtert bei der Vorstellung, daß diese kleine Frau das Wesen 
ihres Alters oder wenigstens die Nachsicht mit sich selbst und dem eigenen 
Kindsein bewahrt habe. Sie hat mich mit nahezu kugelrunden Augen angesehen 
und  mit dem Hauch, nur mit einem Hauch, hat sie mich in ihrer alltäglichen 
Sprache angesprochen. Mehr als die Worte habe ich die Ökonomie ihrer 
Sprache verstanden, die von seltener Schönheit erglänzt.
Geschützt von der damenhaften, klar umrissenen Erscheinung, eine Seifenblase, 
die das empfangene Licht zurückwirft, hat sie es verstanden, in meinen Groll 
einzudringen, den ich deshalb hege, weil ich nicht mehr Kind sein kann wie sie.
Sie hat ihre Beine bewegt, sie hat die Flügel geschlagen, sie ist weggegangen. 
Sie hat in mir einen unsichtbaren Einschnitt hinterlassen, eine Wunde durch 
welche ihre ganze Existenz getreten ist. Sie herausgemeißelt hat in nur einem 
Augenblick die Luft um sich bewegt, eine Stockung der Worte, grenzenlose 
Vereisung des Fleiches von einem unsichtbaren Schnitt, mit einem Hauch nur hat 
sie Knochenmark, genetisches Material der Rebellion und der Nachgiebigkeit aufgesogen. 
Ist die Erinnerung Tor zu einem Geheimnis, das ihre Augen rund werden läßt, 
zu den am Fenster versprochenen Perspektiven eines Landes, das sie - kaum geboren - 
verlassen mußte? Kai nur ein Jahr alt, von Portorico nach New Mexiko? 
Das Gelbe, das Graue, das Braune, das Grüne, das Rote...
Die Erinnerung unterstreicht die Substanz des Gegenwärtigen.
Ein Regenbogen menschlicher Eile.

13.
Nun bin ich wiedergetauft.
Ich trage einen anderen Namen. Eine andere Substanz.
Durch die Risse in Sand und Erdkruste, drinnen im Gelben und Grauen und 
Braunen sauge ich die Hitze und den Durst auf.
Der Gedanke leistet mir Widerstand, aber der Gedanke ist seinem Ziel ergeben.
Ich trage einen anderen Namen, eine andere Substanz, einen Körper, 
der der umgepflügt ist von in existenten Gerüchen, Launen, Pronomen.

14.
Bin ich der, der W. B.heißt ? Oder heiße ich nur W.B.? 
Dies ist tatsächlich das Geheimnis, das zum Personen - Namen führt. 
Hängt von uns der Name ab oder wir vom Namen? 

15.
Kai wiederbegegnet in der Wüste
reversibler Spiegel der Schönheit.


Übersetzung:
Dr. Roland Walther, Italienisches Kulturinstitut
Innsbruck, 11. 12. 92

aus TRANSIT#1, Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum

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