bernhard vief: digitaler raum
Ich will mit einem Satz beginnen, der Leibniz zugesprochen wird: es gibt Null und Eins und den Lieben Gott. Der Satz ist sehr christlich. Er steht in der Tradition des Bilderverbots des Alten Testaments, wonach Gott etwas ist, was nicht abgebildet werden soll bzw. kann. Gott repräsentiert die nicht-abbildbare Welt, Null und Eins repräsentieren die abbildbare Welt. Die Frage ist: was haben beide Welten miteinander zu tun?

Ich will nicht über die Welt Gottes reden, ich will über den zweiten Teil reden, die sogenannte Realität, über Null und Eins. Dabei handelt es sich allerdings um eine amputierte Realität, die reduziert ist auf ihre abbildbaren Aspekte. Über diese abbildbaren Aspekte kann ich kommunizieren. Das heißt nicht, daß es nicht eine andere Wirklichkeit gibt, die sich einer Abbildung und Formalisierung entzieht.

In der Theorie der Neuen Medien gibt es, grob gesehen, zwei Ansätze. Der erste erklärt die Neuen Medien aus dem Warencharakter der Wahrnehmung. Z.B. folgt Walter Benjamin diesem Ansatz, und m.E. ist Walter Benjamin damit auch sehr aktuell. Vordergründig könnte man sagen, bei Walter Benjamin sind Fotografie und Film Neue Medien, und das sind mechanische Medien - ist das heute noch ein Thema? Wir reden heute über den elektronischen und digitalen Raum, was hat das mit mechanischen Medien zu tun? Das Bindeglied, denke ich, liegt darin, daß Walter Benjamin sich mit der Reproduzierbarkeit beschäftigt, und zwar einfach mit dem Phänomen der Reproduzierbarkeit schlechthin, gleich, ob es sich nun um das Kunstwerk oder um etwas anderes handelt... Ich will das weiterführen: Heute geht es um die Reproduzierbarkeit von sinnlicher Erfahrung, wie sie sich im Computerzeitalter stellt. Der Computer kann als gigantische Kopiermaschine gelten, die nicht nur Industrieprodukte und Konsumartikel, sondern auch Aspekte unserer Wahrnehmung zu vervielfältigen vermag und dieser Wahrnehmung so ihren Warencharakter verleiht.

Der andere Ansatz geht von der Elektronik als technischem Medium aus und hebt vor allem die Eigenschaft der Elektronik hervor, Daten mit Lichtgeschwindigkeit zu transportieren. In dieser Lichtgeschwindigkeit des Datentransports liege das spezifisch Neue der Neuen Medien. Die Lichtgeschwindigkeit schaffe eine neue Raum-Zeit-Struktur und führe zur Schrumpfung des Raumes zum “globalen Dorf”. Ein solcher Ansatz wird z.B. von Marshall McLuhan vertreten, ebenso von Neil Postman oder auch von Paul Virilio in seiner Dromologie, die ja eine Beschleunigungstheorie ist. Ich folge diesem letzteren Ansatz nicht und sehe das Problem der Neuen Medien nicht darin, daß Zeichenträger beschleunigt werden, also in einer physikalischen Eigenschaft. Das ist zwar ein Problem und als solches auch ernst zu nehmen, aber dieser Ansatz handelt vom sogenannten elektronischen Zeitalter, das vom letzten Jahrhundert bis zur ersten Hälfte dieses Jahrhunderts datiert, und es kommt darin nicht zum Ausdruck, was spezifisch neu an den Neuen Medien ist. Wir haben die Schwelle des elektronischen Zeitalters längst überschritten, und der elektronischen folgt heute eine digitale Revolution. Anders gesagt, ich betrachte die elektronischen Medien nicht per se als Neue Medien: das analog codierte Fernsehen z.B. ist für mich kein Neues Medium. Das spezifisch Neue beginnt erst mit der Digitalisierung. Heute geht es nicht um ein physikalisches, sondern um ein semiotisches Problem: darum, daß die traditionelle Elektronik umcodiert wird, und zwar von dem analogen Code in den binären Code: in Null und Eins. Darin liegt das spezifisch Neue der Neuen Medien.

Was hat das mit dem Warencharakter der Wahrnehmung zu tun? Da komme ich auf zwei Eigenschaften der Bits, die etwas mit Waren, mit Austausch, mit Geld zu tun haben und damit auf die Ökonomie verweisen. Die Bits sind nicht irgendwelche Zeichen, sondern Elementar- und Universalzeichen, mit deren Hilfe andere Zeichen und Zeichensysteme abgebildet und ineinander übersetzt werden können. Die Bits sind z.B. keine auditiven, visuellen oder taktilen Zeichen, sondern etwas völlig Abstraktes. Sie können zwar in eine lautliche oder visuelle Haut schlüpfen, aber es ist nicht das Wesen der Bits, daß sie hörbar oder sichtbar sind. Die Bits bilden also kein spezielles Sinnesorgan ab wie den Augensinn oder den Gehörsinn oder irgendeinen anderen Sinn. Vielmehr liegt das Wesen der Bits darin, daß die verschiedenen Sinnesebenen ineinander verrechnet werden. Durch diese Verrechnung entsteht ein synästhetisches Wahrnehmungsfeld - kein “elektronischer”, sondern ein digitaler Raum. Ich möchte das in einer ökonomischen Metapher, nämlich der des Zeichengeldes, zusammenfassen: Die Bits sind Zeichengeld, d.h., sie sind eine Recheneinheit, in der alle Zeichensysteme verrechnet werden können - ein “allgemeines Äquivalent” der Zeichen. Das Besondere ist also diese Verrechnung - “interchange” heißt es bei Talcott Parsons. Mit den Bits wird eine Schnittstelle zwischen verschiedenen Zeichensystemen und verschiedenen Medien geschaffen, die bisher getrennt voneinander existieren. Die Integration dieser isoliert voneinander existierenden Medien ist nur möglich aufgrund eines gemeinsamen Codes und einer gemeinsamen “Sprache”. Dieser gemeinsame Code ist der Binärcode, und diese gemeinsame Sprache ist die Maschinensprache. Um es noch einmal zu betonen, es geht nicht um ein physikalisches, sondern um ein semiotisches Problem.

Wenn ich von der Metapher des Zeichengeldes ausgehe, so hat das eine linguistische Tradition: da kann ich mich einmal auf Saussure berufen, und zwar meine ich seine sogenannte Wertmetapher. Wertmetapher heißt, daß Saussure die Sprache mit dem Geld vergleicht, und das hat auch Roland Barthes aufgegriffen, wenn er sagt, vom Standpunkt der Sprache aus sei das Zeichen gleichsam ein Geldstück. Allerdings liegt in dem Wort “gleichsam” eine Entschärfung Saussures. Demzufolge ist die Sprache vergleichbar, nicht identisch mit Geld. Es handelt sich also nicht um Identität, sondern nur um Ähnlichkeit, nur um eine “Metapher”. Wenn ich Saussure mit den Augen eines Wirtschaftswissenschafters lese, dann sind da einige Dinge über das Geld so prägnant formuliert, daß man meinen könnte, das habe ein Ökonom, das habe ein Geldtheoretiker geschrieben. So sagt Saussure, es sei nicht das Metall eines Geldstücks, das seinen Wert bestimme. Der Geldwert sei, wie der sprachliche Wert übrigens, etwas ganz Relatives. Z.B. ist der Geldwert einer Währung definiert durch seine politische und wirtschaftliche Umgebung. Wenn diese Umgebung sich ändert, ändert sich auch der Geldwert. (Die Deutsche Einheit ist hierfür ein Beispiel.) Hier habe ich eine relative Definition des Geldes, von der ich sagen kann: das ist eine moderne Geldtheorie. Ich versuche, Saussures sogenannte Wertmetapher nicht als Metapher, sondern wörtlich zu nehmen, und behaupte, daß Saussures Auffassung von “Sprache” nicht inhaltlich, sondern ganz formal ist. Es geht bei Saussure nicht um natürliche, sondern um künstliche Sprache. Das, was Saussure als “Sprache” und “sprachlichen Wert” bezeichnet, ist ein Informationswert. “Langue” ist identisch mit Maschinensprache, und der sprachliche Wert ist ein Bit. Außerdem, und hier komme ich auf die Beziehung von Sprache und Geld zurück: Unter den Bedingungen des elektronischen Zahlungsverkehrs, also des reinen Zeichengeldes, ist auch der Geldwert ein Informationswert. In Saussures formalem Sprachbegriff verschmelzen drei Dinge: sprachlicher Wert, Geldwert und Informationswert verschmelzen zur Maschinensprache.

Diese Art, Saussure zu lesen, ist neu und mag für einige Linguisten eine Zumutung sein. Der Sprachbegriff erfährt hier eine Verformung, ebenso wie der Geldbegriff, was beides in die Nähe der Informatik rückt und es erlaubt, Sprache und Geld auf Information zurückzuführen - und zwar, um mit McLuhan zu sprechen, auf “reine Information”. Es geht also, näher betrachtet, um zwei Identitäten: erstens um die Identität von sprachlichem Wert und Informationswert, zweitens um die Identität von Sprache und Geld. Die erste Identität berührt die Eigenschaft der Bits als Elementarzeichen, die zweite ihre Eigenschaft als Universalzeichen und damit ein Wesensmerkmal des Geldes, nämlich Dinge kompatibel und austauschbar zu machen und so ihren Warencharakter zu entfalten. Beide Aspekte, Elementarisierung und Universalisierung, sind nur gedanklich voneinander zu trennen. Beides sind Aspekte der digitalen Revolution.

Wenn ich mich jetzt dem Aspekt der Elementarisierung zuwende, so drängt sich auch hier ein Vergleich mit der Linguistik Ferdinand de Saussures auf. Da ist z.B. seine Schnittmetapher: Er vergleicht die Sprache mit einem Blatt Papier; auf der einen Seite steht das Lautzeichen, auf der anderen Seite steht die Bedeutung oder die Vorstellung. Wenn ich jetzt dieses Papier zerteile, dann wird einmal die Zeichenebene zerteilt, aber es wird auch das Bedeutungsfeld zerteilt. Das nennt er ein Wertesystem. Das Wertesystem fragt danach, wie sich die Sprachelemente untereinander verhalten, also nicht, wie sie auf ein Bedeutungsfeld verweisen, sondern wie ihre Beziehung zueinander definiert ist. Wenn ich nun das Papier weiter zerteile, also den Vorgang der Zerlegung fortsetze, ohne die Wertebene zu verlassen, so stellt sich die Frage nach der kleinsten Einheit: Wo endet der Prozess der Zerlegung? Die Schnittmetapher fragt also nach der kleinsten Einheit der Sprache bzw. nach der kleinsten Einheit der Zeichen, was für Saussure m.E. dasselbe ist. Dabei folge ich einer bestimmten Rezeption, denn es gibt einen Streit um die Frage: Ist das, was Saussure betreibt, interne oder externe Linguistik? Einerseits sagen die hartgesottenen Linguisten, seine allgemeine Sprachwissenschaft sei reine Linguistik und habe mit einer Semiologie nichts zu tun. Das andere “externe” Lager sagt, Saussure habe anhand der Sprache eigentlich eine allgemeine Semiotik begründet. Er habe sich der Sprache bedient, weil er Linguist war. Er hätte sich genausogut eines anderen Zeichensystems bedienen können, z.B. des Geldes - auch das Geld ist ein System von Zeichen und Werten, dazu macht er auch Andeutungen, wie wir gesehen haben. Was er begründet hat, ist nicht eine allgemeine Sprachwissenschaft, sondern eine Semiologie. Ich zähle mich zu diesem zweiten Lager.

Um auf Saussures Schnittmetapher zurückzukommen: wenn ich das Papier weiter zerteile, dann lande ich auf der Rückseite irgendwann bei der kleinsten Bedeutungseinheit, dem Morphem, und auf der Vorderseite des Papieres lande ich bei der kleinsten lautlichen Einheit, dem Phonem. Was passiert, wenn ich jetzt noch weiter teile? Um die Frage zu wiederholen: Was ist die kleinste Einheit der Sprache? Bleiben wir beim Phonem, das - beim ersten Hinsehen - als “kleinste lautliche Einheit” zunächst etwas Lautliches ist. Und nun behauptet Saussure, das Phonem sei nichts Lautliches. Das ist eine sehr mysteriöse Aussage, über die schon mancher Linguist gestolpert ist. Kann man sich etwas Lautlicheres vorstellen als das Phonem? Und dennoch behauptet Saussure, das Phonem sei nicht lautlich. Was ist es dann? Um es vorwegzuschicken, das Phonem ist ein sprachlicher Wert. Aber was ist darunter zu verstehen, unter dem Wert des Sprachzeichens? Hier tritt Saussures formale Sprachauffassung klar hervor, und das legt den Vergleich mit der Maschinensprache nahe, denn Saussure hat immer betont, er rechne den Laut nicht zur Sprache (und das Metall nicht zum Geld). Die Sprache bediene sich zwar eines Klangkörpers, sie klinge, aber dieser Klangkörper sei nur etwas Sekundäres, ein Stoff, mit dem sie umgehe. Was macht dann das Wesen des Phonems aus? Nicht, daß es klingt, daß es etwas Lautliches ist und etwas physisch Meßbares, sondern daß es sich von anderen Phonemen unterscheidet. Dasselbe gilt für das Alphabet. Das Alphabet ist annähernd eine Lautschrift und somit vergleichbar mit den Phonemen. Und auch für das Alphabet gilt, daß es keinesweg etwas Lautliches ist. Das Alphabet zerteilt sowohl einen Klangkörper wie auch einen Schriftkörper. Die besondere Leistung des Alphabets besteht also nicht darin, daß es lautlich oder visuell ist, sondern daß es zwei Felder zerteilt, ein Schriftfeld, d.h. ein visuelles Feld, und ein Sprachfeld, ein lautliches Feld also. Und dieser Prozeß der Zerteilung schafft eine spezifische Verbindung zwischen diesen Feldern und erlaubt es, das eine in das andere zu übersetzen - also kleinsten lautlichen Einheiten Schriftzeichen zuzuordnen und umgekehrt. Das Spezifische ist also nicht, daß der Buchstabe visuell ist oder das Phonem lautlich, sondern daß das eine in das andere übersetzt werden kann. Demnach steht das Alphabet in der Mitte zwischen Laut und Schrift. Und ein Wort für Mitte, das lateinische Wort für Mitte, heißt Medium. Der Vorgang der Teilung selber ist das Medium. Und das ist eine ganz aktuelle Definition von Medium. Medium heißt soviel wie Teilung. Der Prozeß der Teilung und Elementarisierung, der selber nichts Sinnliches ist, führt dazu, daß etwas übersetzbar wird.

Das Wesen des Alphabets liegt also nicht in einem lautlichen oder visuellen Aspekt, sondern darin, daß es etwas zerteilt und dadurch das eine in das andere übersetzbar macht, also Laut in Schrift und umgekehrt. Das berührt jetzt nicht nur die äußere Ordnung zwischen auditiven und visuellen Zeichen, Phonemen und Buchstaben, sondern auch ein inneres Wahrnehmungsfeld, daß nämlich der Gehörsinn in den Augensinn verrechnet wird und umgekehrt. McLuhan bezeichnet das als die Aufwertung des Augensinns durch das Alphabet. Ich kann also etwas, was vorher nur mündlich war, in Schrift transportieren, in etwas Visuelles, ich kann es visualisieren, und dadurch bekommt der Augensinn in einer Kultur einen hohen Stellenwert.

Bei dem Alphabet handelt es sich um einen Transformationsmechanismus, und es geht schlichtweg um den Vorgang der Teilung, unabhängig davon, was geteilt wird, besteht doch die Wirkung der Teilung gerade darin, daß sie das, was sie teilt, austauschbar macht - Laut und Schrift. Allerdings ist das Feld dessen, was das Alphabet teilt, verhältnismäßig beschränkt, gemessen an dem, was der Binärcode zu teilen vermag. Der Vergleich von Alphabet und Bits legt den Gedanken nahe, das “Feld der Teilung”, also das Sprachfeld bzw. das Medium, über Laut und Schrift hinaus auf beliebige Zeichen auszudehnen, d.h., den Radius der Austauschbarkeit zu erweitern sowie die von den Zeichen getragenen Inhalte, Bedeutungen und Nachrichten austauschbar zu machen.

Das trifft auch den Kern der Aussage Saussures, die Sprache sei eine Form und keine Substanz. Und es geht konform mit McLuhans Formel: the medium is the message. Dieser Vorgang wurde durch die digitale Revolution längst eingeleitet. Unter anderem erfüllen die Bits auch die Funktion des Alphabets, indem sie Laut und Schrift abzubilden in der Lage sind. Keineswegs beschränkt sich jedoch ihre Funktion darauf. Neben der Metapher des Zeichengeldes will ich mich deshalb einer zweiten Metapher bedienen, um das zu beschreiben, was die Bits sind, nämlich der des Grundalphabets. Wenn ich nämlich - und darauf läuft Saussure eigentlich hinaus - die 26 Werte des Alphabets nehme und sage, das Wesen des Buchstaben A ist nicht, daß er einen bestimmten Laut hat, sondern sein Wesen ist einfach, daß er sich von 25 anderen Werten des Alphabets unterscheidet, so ergibt das eine binäre Opposition. Wenn ich das radikal nehme, dann heißt das, daß ich jedes Wertesystem im Sinne Saussures in einem zweiwertigen Wertesystem darstellen kann. Jedes beliebige Zeichensystem ist in Null und Eins ausdrückbar, das ist eigentlich die Grundaussage Saussures. Um noch einmal auf das Problem zurückzukommen, ob Sprache etwas Lautliches ist - Saussure gibt selber ein Beispiel, bei dem sich der Vergleich mit der Maschinensprache aufdrängt, und zwar sagt er, die Sprache bediene sich nicht nur der Laute, sondern auch des Wegfalls von Lauten. Dazu gibt er ein Beispiel aus dem Slawischen, wo der Genitiv Pluralis durch den Wegfall einer Endung definiert ist. Das nennt er ein Nullphonem. Also, wenn ich ein Wort dekliniere, dann habe ich, je nachdem, in welchem Fall ich mich bewege, eine bestimmte Endung, und ich kann das Wort zerteilen in Wortstamm und Suffix. Und jetzt gibt es einen bestimmten Fall, in dem das Suffix wegfällt, und da sagt Saussure, das ist eigentlich kein Wegfall, sondern ein Nullsuffix, ein Nullphonem. Denn das Wegfallen dieses Suffixes hat dieselbe Bedeutung, als ob es positiv ein Suffix gäbe. Und das ist für ihn der Beweis dafür, daß die Sprache nichts Lautliches ist, sie bedient sich vielmehr, wie er sagt, der Gegenüberstellung von Etwas mit Nichts. Sie kann mit dem Laut operieren, sie kann aber auch mit dem Wegfall von Lauten operieren. Das Wesentliche ist, daß die verschiedenen konventionellen Zeichen sich voneinander unterscheiden und nicht in sich zusammenfließen.

Diese Gegenüberstellung von Etwas mit Nichts hat der sprachliche Wert, von dem Saussure redet, mit der Maschinensprache gemeinsam. Auch ein Bit ist die Gegenüberstellung von Etwas mit Nichts. Das ist übrigens ein Grund dafür, zwischen der Elektronik und dem Binärcode zu unterscheiden, oder zwischen Energie und Information. Ein Bit ist nicht Energie, das ist m.E. ein Irrtum, der in der postmodernen Rezeption stark verbreitet ist. Ein Bit ist die Gegenüberstellung von Energie und Nicht-Energie, und der Wegfall von Energie ergibt genauso einen Informationswert wie die Energie, wie der positive Impuls. So gibt es auf einem Magnetband magnetisierte und nicht-magnetisierte Zustände, und selbstverständlich sind die nicht-magnetisierten Zustände ebenfalls Informationswerte. Ich kann Bits also mithilfe von Energie und Nicht-Energie darstellen, die Bits sind deshalb nicht mit dieser Energie identisch, und das ist ein triftiger Grund, zwischen Energie und Information zu unterscheiden: Energie ist Hardware, Information ist Software. Die “Immaterialität” der Neuen Medien beruht nicht auf der Elektronik, sondern auf dem Binärcode, nicht auf Energie, sondern Information. Der Binärcode selber - das ist auch ein historisches Argument - ist wesentlich älter als die Elektronik. Er kommt aus der Mechanik. Hier kann ich auf Leibniz zurückgreifen. Leibniz hat nämlich zwei Rechenmaschinen konstruiert, die eine beruht auf dem Zehnersystem und wurde tatsächlich gebaut, vergleichbar mit einer Registrierkasse der 50er Jahre. Diese Maschine kann addieren und subtrahieren und, ich glaube, auch multiplizieren und dividieren. Danach hat Leibniz eine diadische Rechenmaschine konstruiert, die nicht gebaut worden ist. Sie beruht auf dem Binärsystem. Diese diadische Rechenmaschine ist also ein Beispiel dafür, daß es den Binärcode, daß es Bits innerhalb der Mechanik gibt. Ein anderes Beispiel ist die Spielwalze einer Spieluhr. Wenn ich nämlich die Zacken dieser Walze durch magnetisierte Stellen ersetze und die Nicht-Zacken, also die flachen Stellen, durch nicht-magnetisierte Stellen, dann habe ich ein digitales Tonband, im Prinzip jedenfalls. Ein drittes Beispiel ist die Webplatte des Jacquard-Webstuhls. Sie diente Hermann Hollerith als Vorbild für die von ihm auf mechanischer Grundlage, nämlich auf Pappe, entwickelte Lochkarte. Heute gibt es den Jacquard-Webstuhl immer noch, nur sind die Webplatten aus Plastik und funktionieren praktisch wie ein Lochstreifen... Ich will damit sagen, daß der Binärcode älter als die Elektronik ist. In der Computertechnologie wird beides miteinander verschmolzen: die Elektronik und die von ihr realisierte Lichtgeschwindigkeit treffen mit der Binarisierung zusammen. Man muß das dennoch voneinander unterscheiden, und es sind auch historisch verschiedene Stränge, die da zusammenkommen und diese spezifische Verbindung schaffen, die im Begriff ist, die herkömmliche Elektronik aufzubrechen - zu einem digitalen Raum.

Erst wenn ich zwischen Elektronik und Binärcode unterscheide, kommt ein Vergleich mit Saussures Schnittmetapher in Betracht. Um das auf die Spitze zu treiben: das, was Saussure als sprachlichen Wert bezeichnet, als die Gegenüberstellung von Etwas mit Nichts, ist mit einem Bit identisch. Wenn ich ein Sprachfeld zerteile, wie Saussure dies in seiner Schnittmetapher tut, und frage, was ist die kleinste Einheit der Sprache, dann lande ich bei der Maschinensprache und bei den Bits. Weiter geht es nicht, und das ist damit gemeint, wenn ich sage, die Bits sind Elementarzeichen. Elementar heißt nicht weiter teilbar.

Der zweite Aspekt der Bits ist der des Universalzeichens, und jetzt komme ich noch einmal zur sogenannten Wertmetapher, also dem Vergleich von “Sprache” und Geld. Um die Identität von beidem zu untermauern, also die Behauptung, der sprachliche Wert sei ein Bit und die Bits seien Geld, möchte ich zuerst etwas dazu sagen, was Geld überhaupt ist. Darüber kann man sich streiten. Verbreitet ist die Vorstellung, Geld sei entweder Metall, oder Geld sei Papier in Form von Banknoten, und heute sind vielleicht auch Elektronen Geld. Das sind alles Geldbegriffe, die materiell sind, die Geld als Hardware betrachten. Das ist aber eine völlig falsche Vorstellung. Geld ist nicht Hardware, sondern etwas gänzlich Immaterielles. Geld ist, um mit Saussure zu sprechen, eine Relation. Der Geldwert ist ein relativer Wert.

Dies rührt an einen alten Streit in der Geldtheorie, der bis auf Platon und Aristoteles zurückgeht. Aristoteles hat die Meinung vertreten, der Wert des Geldes sei ein Metallwert, und das nennt man in der Geldtheorie den sogenannten Realismus oder Metallismus. Karl Marx z.B. war auch Metallist. Sein “Kapital” fußt auf der Voraussetzung, Gold sei allgemeines Wertäquivalent, was für seine Zeit auch stimmt. Marx geht also davon aus, der Wert des Geldes sei ein Goldwert, Gold sei Geld, und das ist ein ganz großer Irrtum. Er leitet das übrigens auch etymologisch ab: Das deutsche Wort Geld komme von Gold, was nicht stimmt. Es kommt nicht von Gold, es kommt von Geltung. Allerdings gibt es das Gegenbeispiel im Französischen: l’argent kommt von lat. argentum, Silber, aber es geht hier nicht um einen etymologischen Streit. Der Irrtum besteht darin, daß der Wert des Geldes nicht ein Metallwert ist, und das sagt Saussure auch ganz klar. Ein Metallwert ist ein Realwert, dieser Realwert ist abhängig von den Produktionskosten des Goldes, Silbers, Kupfers oder irgendeines anderen Münzmaterials. Spätestens bei der Banknote wird offensichtlich, daß der Geldwert nichts zu tun hat mit dem Wert seines Materials.

Daneben gibt es die Nominalisten in der Geldtheorie, und dazu gehört auch Platon. Die Nominalisten sagen, der Wert des Geldes ist ein Nominalwert, d.h., der Wert des Geldes beruht nicht darauf, daß es selber Wert ist, sondern daß es Wert repräsentiert. Das betrifft den Unterschied zwischen Präsenz und Repräsentation: Der Geldwert ist im Geldmaterial nicht anwesend, sondern abwesend. Anders ausgedrückt: Geld muß nicht wertvoll sein. Geld ist, modern gesprochen, eine Zeichenreferenz, und das, worauf das Geld verweist, kann mehr oder weniger wertvoll sein. Aber das Geld muß nicht selber wertvoll sein. Dieser Punkt ist ganz entscheidend, denn er besagt, daß ein Zeichen nicht identisch ist mit dem, was es bezeichnet. Es gibt demnach einen Abstand zwischen Zeichen und Realität, und die Implosion der Realität im Zeichen findet nicht statt. Das heißt, daß ich das Geld nominal, relativ und funktional definiere. Historisch gesehen, läßt sich dies mit dem Übergang von der Metallmünze zur Banknote verdeutlichen. Die Banknote ist ja eigentlich eine Notiz, also ein Zeichen, eine Urkunde für hinterlegte Barschaft. Barschaft heißt Bargeld, und das war vom Mittelalter bis ins letzte Jahrhundert hinein immer Metallgeld. Bar heißt nämlich glänzend. Die Banknote war ein Zettel, auf dem der hinterlegte Metallwert “notiert” wurde, zuerst als Tratte - das ist eine Form des Wechsels - und ursprünglich auf Pergament. Später kam das chinesische Papier nach Europa bzw. die chinesische Kenntnis der Papierherstellung, erst nach Italien, dann nach Deutschland, und dieses Papier hat den Geldumlauf beschleunigt, weil der Umlauf metallener Münzen etwas sehr Schwerfälliges ist. Die Metallmünzen mußten ständig geprägt und zusammengeschmolzen und wieder umgeprägt werden, je nachdem, in welchem Fürstentum man gerade war und welche Münze dort Geltung hatte. Daneben gab es auch Münzen wie den Maria-Theresien-Taler - der wurde allgemein anerkannt -, aber es gab keine einheitliche Währung außer den Gold- oder Silberbarren, und das ist auch eine sehr schwerfällige Angelegenheit. Mit dem Papier wurde das Geld verschriftlicht. Und mit dieser Verschriftlichung übernahmen die Papierzettel Geldfunktion, stellvertretend für Edelmetall. Das Metallgeld wurde ersetzt durch eine Urkunde seiner selbst, und das ist exakt das, was das Wort “Notiz” oder “Note” beinhaltet. Die Banknote ist ein Zeichen, ein unbares Zeichengeld. Wenn wir heute die Auffassung haben, Banknoten seien Bargeld, dann liegt darin ein Wertewandel. Denn auf der Entwicklungsstufe, von der ich rede, kann man noch gar nicht davon ausgehen, daß Papiergeld Bargeld ist. Papiergeld war selbstverständlich bargeldlos. Und das ist ein historischer Trend: Was früher bargeldloses Geld ist, wird später Bargeld, und künftig werden wir elektronisches Geld als Bargeld betrachten. Bis sich also die Vorstellung durchsetzt, Banknoten seien Bargeld, bedarf es einer Entwicklung, die das Metallgeld zurückdrängt und die Bindung des Geldes an das Gold aufbricht. Im letzten Jahrhundert war das Geld noch an das Gold gebunden, das war der sogenannte Goldstandard, bei dem die Banken jederzeit die Umtauschbarkeit der Banknoten in Gold garantierten. Der Goldstandard ist in Deutschland das erste Mal 1914 zusammengebrochen, weil nämlich mit Ausbruch des 1. Weltkrieges alle Deutschen ihre Einlagen bei den Banken gleichzeitig einlösen wollten. Sie wollten also ihre Banknoten in Gold umtauschen, und die Deutsche Reichsbank war zahlungsunfähig.

Das war ein bißchen Theoriegeschichte des Geldes, aber dahinter, daß Gold eigentlich nicht Geld ist, steckt ein semiotischer Sachverhalt. Der Goldstandard, den Keynes z.B. für rückständig hielt, gründet sich auf der zweifelhaften Vorstellung, es gebe ein originales Geld, in dem das stellvertretende Geld gedeckt sein müsse. Tatsächlich aber gibt es nur stellvertretendes Geld. Es ist ein Wesensmerkmal des Geldes, an die Stelle von etwas anderem zu treten und dieses, die Warenwelt nämlich, zu repräsentieren. Das hat das Geld mit jedem anderen Zeichen gemeinsam: Aliquid stat pro aliquo, das eine steht für das andere, so lautet die scholastische Definition eines Zeichens. Und wenn Geld Surrogat für anderes Geld wird, so heißt das nichts anderes, als daß das alte “originale” Geld seine Geldfunktion verliert, von dem neuen Geld abgelöst wird und in die repräsentierte Warenwelt abwandert. Gold ist deshalb heute eine ganz gewöhnliche Ware, wie Zahnpasta oder Erdöl. Vom Standpunkt des “originalen Geldes” ist das zwar etwas ganz Fieses, was die Deutsche Reichsbank damals gemacht hat, und als großer Betrug anzusehen, aber es ist gar nicht das Wesen des Geldes, daß es in Gold gedeckt ist. Das ist einfach eine alte überkommene Vorstellung, eine magische und irrationale Bindung, daß man davon ausgeht, Geld müsse in Gold oder irgendetwas gedeckt sein. Der Sinn des Geldes besteht darin, daß es auf eine Warenwelt verweist und diese Waren austauschbar macht - sie ineinander transformieren kann. Diese Transformationsfunktion, daß Geld Ware 1 in Ware n übersetzen kann, ist also das Wesen des Geldes. Dazu muß das Geld nicht wertvoll sein, wie wir gesehen haben. Man kann sogar noch weiter gehen: die Eigenschaft von Geld, selbst Wert zu haben, ist sogar hinderlich für die Entfaltung seiner Geldfunktion. Edles Geld ist unentwickeltes Geld. Streng genommen muß Geld “wertlos” sein, im Sinne seines Produktionswertes, und zwar aus folgendem Grund: Geld greift sich im Handel ab, Geld wird von Hand zu Hand gereicht. Wenn ich eine Goldmünze von Hand zu Hand reiche, dann wird sie abgegriffen, darin liegt ein Wertverlust. Dieser Wertverlust, je erheblicher er ist, stellt sich dem Handel entgegen und erweist sich als Hemmnis - darauf hat Karl Marx übrigens hingewiesen. Und es ist dann notwendig, daß sich der Realwert vom Nominalwert trennt, auch schon beim Metallgeld, und zwar in der sogenannten Scheidemünze, in der edles durch minderwertiges Metall ersetzt wird. Wenn ich jetzt eine Kupfermünze oder eine andere Legierung anstatt des Goldes nehme, dann ist das minderwertiges Metall, dann muß diese Münze nicht den Wert haben, den sie repräsentiert, d.h., der Nominalwert und der Realwert dieser Münze können völlig auseinanderfallen. Es vollzieht sich also schon beim Metallgeld, was sich später im Übergang zur Banknote fortsetzt - die Scheidung von Präsenz und Repräsentation als Wesensmerkmal und höhere Entwicklungsstufe des Geldes. In der Geldtheorie entspricht das dem nominalistischen Ansatz, der besagt, daß der Wert des Geldes kein Realwert ist, sondern ein Nominalwert. Nomen est omen.

Und jetzt werde ich eine Verbindung zu sonstigen Zeichensystemen ziehen und versuchen, das Geld semiotisch zu fundieren. Wenn man bei Saussure und anderen nachliest, was ein Zeichen ist, dann wird ein Zeichen meistens definiert als die Relation von Bezeichnendem und Bezeichnetem. Das ergibt eine lineare Bedeutungsrelation. Einem Zeichen wird also eine bestimmte eindeutige Bedeutung zugeordnet. Und das ist beim Geld nicht der Fall, das Geld begründet ja keine lineare Bindung. Das wäre Naturaltausch. Das Geld folgt vielmehr einer Netzstruktur, d.h., es kann Ware 1 in jede beliebige Ware n transformieren, es kann also innerhalb einer gegebenen Warenmenge n alle Punkte miteinander verbinden, und diese Verbindung von n Punkten ergibt keine Linie, sondern ein Netz. Das Geld erhält zwar Geltung und Bedeutung, aber diese Bedeutungen, diese hinter dem Geld liegenden Zwecke, auf die das Geld hindeutet und zu denen es als Mittel und Medium eine Verbindung herstellt, diese Bedeutungen also sind nicht linear, sondern ergeben ein ganzes Bedeutungsfeld. Es sind n mögliche Bedeutungen.

Ich kann eine beliebige Ware, wie gesagt, in jede beliebige Ware übersetzen. Und mit der Binarisierung passiert eine Entsprechung, daß nämlich lineare Sinnbindungen durch den digitalen Code sozusagen aufgebrochen werden und eine lineare Bedeutungsrelation durch ein ganzes Bedeutungsfeld ersetzt wird. Anders ausgedrückt: die Bedeutung wird austauschbar, und genau das macht die digitale Revolution aus. Das heißt in ganz ökonomischem Sinne, es handelt sich nicht um einen Bedeutungsverlust, wie die Implosionsthese Jean Baudrillards annimmt. Implosion heißt, die Realität implodiert in Zeichen, es gibt keine Bedeutung mehr, der bedeutungslose Fernseher wird zur Lampe, und der Computer wird zur Heizung - und das ist absurd, aber folgerichtig. Und zwar liegt das daran, daß man Energie und Information gleichsetzt, was typisch ist für die postmoderne Rezeption. Wenn ich zwischen beiden Dingen einen Unterschied mache, dann geht die Bedeutung nicht verloren, sondern sie wird gewandelt, im ganz ökonomischen Sinne von Handel und Wandel. Es ist gleichgültig, was die Bits bedeuten, aber sie müssen bedeuten. Wenn sie das nämlich nicht tun, verlieren sie ihren Charakter als Zeichengeld. Das ist zwar nicht auszuschließen, und das wäre dann abzuhandeln unter der Rubrik semiotischer Müll oder Entsorgung der Zeichen. Ökonomisch gesprochen wäre das eine Währungskrise, aber es ist doch unsinnig, vom Börsenkrach als Normalfall auszugehen. Ich sehe das Problem nicht in erster Linie darin, daß die digitale Revolution sozusagen Müll produziert. Das ist auch ein Problem, zugegebenermaßen, aber verhältnismäßig geringfügig gegenüber dem Problem, daß sie störungsfrei funktioniert. Das Problem des Computers liegt darin, daß er funktioniert, nicht darin, daß er nicht funktioniert. Deshalb interpretiere ich das im ökonomischen Sinne von Handel und Wandel.

Der Übergang von der analogen zur binären Abbildung, also von analog zu digital, ist vordergründig gesehen nur ein technisches Problem. Dahinter aber steckt ein gesellschaftlicher Wandel, der ganz tiefgreifend ist, vergleichbar etwa mit der Reformation. Vor der Reformation wurde der Zehent von einer Naturalrente in eine Geldrente umgewandelt. Und das war nicht nur eine ökonomische Tatsache, sondern betraf die Änderung eines ganzen Weltbildes. Der Übergang vom Naturaltausch zum Geldtausch vollzieht sich heute auf einer höheren Stufe von neuem. Ich meine also, daß die digitale Revolution das zum Inhalt hat: den Übergang vom Naturaltausch zum Geldtausch. Wenn ich vom Naturaltausch ausgehe und jemandem einen Zehn-Mark-Schein leihe, und der gibt ihn mir eine Woche später zurück, hieße das, daß ich auf den Geldschein schaue, die Nummer überprüfe und sage: “Das ist ja gar nicht der Geldschein, den ich dir letzte Woche gegeben habe. Das ist nicht das Original, sondern ein anderer Geldschein. Du hast meinen Geldschein veruntreut.” Das entspricht dieser nostalgischen Definition von Simulation, die besagt, Simulation beruht auf Täuschung oder Dissimulation. Simulation ist etwas, das sich am Original orientiert. Es gibt so etwas wie einen originalen Geldschein, und diese Originalität muß ich erhalten. Nur, das ist Naturaltausch, das ist nicht Geldtausch. Der Sinn des Geldes liegt darin, daß das Original zerstört wird, also der Geldschein austauschbar ist - dann wird das Geld erst Geld, dann kann es seine Geldfunktion entfalten. Was heißt das, wenn ich das auf den Binärcode übertrage? Der Warencharakter der Wahrnehmung entfaltet sich erst, wenn die Bedeutung austauschbar wird, wenn an die Stelle der reinen Reproduktion - oder des Klebens am Original -, wenn an diese Stelle der Austausch der Wahrnehmung tritt.

Damit ändert sich auch der Maßstab, und darin liegt der eigentliche gesellschaftliche Wandel, nämlich der Wandel eines inneren Maßstabs. Was heißt nämlich “das Original”? Das Kleben am Original heißt, daß ich eine inzestuöse Beziehung zu meiner Umwelt aufbaue. Denn, was ist das Original? Es ist die erste Liebe, es ist die Liebe zur Mutter, und mit der Mutter darf ich nicht schlafen, das verbietet das Inzesttabu. Die Mutter ist die erste Liebe, und an der kann ich mein ganzes Leben lang hängen und kann sagen, jede Frau - und vielleicht auch jeder Mann, psychoanalytisch gibt es dafür Erklärungsmuster - ist eine Wiederholung dieser ersten Liebe, nur ein Plagiat der ersten Liebe, die mir leider versagt wurde, und das ist eine inzestuöse Beziehung. Geldtausch heißt die Tötung des Originals, mythisch gesprochen die Tötung der Mutter. Ich will damit sagen, daß dieser äußeren Realität eine innere Realität entspricht: es geht um einen inneren Maßstab, darum, ob ich an einem Original klebe. Ich will das mit der Mutter und der Muttertötung, die ein Mythos ist, nicht überstrapazieren; im Prinzip aber kann ich das, was auf die Traumfrau zutrifft, auch auf die Konsumwelt übertragen, auf das Traumauto, die Traumwohnung, den Traumurlaub, und ich kann sagen, die inzestuöse Beziehung führt dazu, daß jede Realisierung meines Traumes eine Reproduktion meiner Vorstellung ist. Daß ich an diesem inneren Maßstab hänge, führt in ein Dilemma: Sobald der innere Maßstab realisiert wird, ist die Realität nur ein Plagiat, eine abgegriffene Münze. Dem entspricht ein Realitäts- und Wirklichkeitsverlust. Das heißt, ich programmiere die Realität und kann sie, wenn ich sie auf den Vollzug eines Planes reduziere, nur in der Wiederholung wahrnehmen. Das bewußt handelnde Subjekt ist also eine ewig wiederkäuende Kuh. Doch bekanntlich schmecken Mahlzeiten nicht dadurch besser, daß man sie mehrmals ißt, und um der Mahlzeit ihren Neuigkeitswert wiederzugeben, muß ich mich von diesem alten Maßstab lösen. Mythisch gesprochen ist das die Tötung der Mutter.

Was hat das alles mit dem Binärcode zu tun? Das hat offenbar etwas mit dem Verlust des Originals zu tun und damit, welche Einstellung ich habe: Ist dieser Verlust etwas Schlimmes, oder ist er etwas Produktives? Ich würde sagen, das Kleben am Original ist Nostalgie, ist vielleicht auch Kitsch. Es ist jedenfalls eine bestimmte Einstellung zur Welt, die jedes Ergebnis an dem mißt, was ich schon erlebt habe. Es ist also Sicherheitsbedürfnis und Wiederholung und eigentlich die Rückführung von Neuem auf Bekanntes. Innerhalb dieses Schemas gibt es keine Öffnung gegenüber Neuem, das Neue wird seiner Einmaligkeit und Aura entkleidet, d.h., das Neue wird trivial. Deshalb ist die Reproduktion nicht nur ein äußerer Vorgang, äußerlich sichtbar als die Reproduzierbarkeit von etwas, von Industrieprodukten oder von Kunstwerken, sondern auch ein innerer Vorgang. Ich kann z.B. nicht sagen, dieser oder jener Konsumartikel ist an sich reproduziert, also die Wiederholung eines früheren Ereignisses. Überhaupt ist Wiederholung kein objektives Merkmal einer äußeren Realität, sondern eine Relation zwischen innen und außen. Die Objektwelt ist der Abdruck eines inneren Auges, d.h. eines geistigen Prozesses. Und deshalb möchte ich auch betonen, daß es keine reine Reproduktion gibt. Jede Reproduktion ist auch eine Gestaltung, es verändert sich dabei auch etwas. Und die Frage ist, vom inneren Vorgang her gesehen: welchen Maßstab lege ich an das an, was hier neu passiert? Ist der Maßstab ein alter, dann ist es Nostalgie, und wenn der Gestaltungsaspekt gegenüber dem Reproduktionsaspekt hervortritt, dann ist es vielleicht Kunst. Die Industrie, die Konsumwelt vermitteln ein Sicherheitsbedürfnis. Das Konsumprodukt ist in Griffnähe, der Konsum ist berechenbar. Ich weiß, wie das Konsumprodukt aussieht. Ich kann in den Laden gehen und mir dieses Konsumprodukt kaufen. Ich habe, bevor ich mir das Konsumprodukt kaufe, eine Vorstellung von diesem Produkt, und der Konsum ist eine Wiederholung meiner Vorstellung. Alles ist berechenbar und ohne Risiken. Was ich mir vorher im Kopf ausgemalt habe, das wird jetzt in der Realität wiederholt. Das ist eine bestimmte Lebenseinstellung, ich würde sagen, die des Massenkonsumenten. Dieser Blickwinkel des Massenkonsumenten ist nicht identisch mit dem Blickwinkel des Künstlers. Und dem Objekt alleine, z.B. einer Cola-Dose, kann ich den Blickwinkel nicht ansehen, der darauf gerichtet ist. Beim Künstler sollte der Gestaltungsaspekt eine Rolle spielen.

Der Computer bringt jetzt die Chance und vielleicht auch die Gefahr, daß der Verlust des Originals vollständig ist. Dafür will ich ein Beispiel geben, das des Sprachgenerators. Der Sprachgenerator ist die technische Konsequenz der Linguistik eines Ferdinand des Saussure. Der Sprachgenerator zerhackt nämlich die Sprache in Phoneme und setzt sie anschließend wieder zusammen. Und er macht das nicht nur mit 26 Werten, sondern erhöht die Anzahl von 26 auf ca. 40 Phonemklassen, die noch einmal unterteilt sind. Jedes Phonem wird binär verschlüsselt und kann in beliebiger Reihenfolge zusammengesetzt werden. Das führt dann dazu, daß Schrift in Sprache übersetzbar wird - und umgekehrt. Es gibt auf englisch bereits funktionierende Systeme, die in der Lage sind, Sprache in Schrift zu übersetzen. Das sind die mündlich gesteuerten Schreibmaschinen: Man spricht in ein Mikrofon, und es kommt Schrift heraus. Und diese Systeme arbeiten nicht nur mit Phonemen, sondern mit einer Grammatik, d.h. einem Regelsystem, das es erlaubt, die Phoneme sinnvoll zusammensetzen, damit sinnvolle Wörter und sinnvolle Sätze entstehen. Ein solches System ist z.B. in der Lage, lautgleiche Wörter wie im Englischen die drei “tu”s (two, too, to) zu unterscheiden, und zwar durch eine Kontextanalyse und vor allem durch die Grammatik. Es wird nicht nur der Klangkörper untersucht, sondern auch die Relation, in der der akustische Aspekt steht, also die Satzstruktur, und aufgrund dieser Untersuchung kann das Programm fehlerfrei zuweisen, um welches “tu” es sich jeweils handelt. Der Sprachgenerator, mit dem ich gearbeitet habe, ist primitiver, er kann nur Schrift in Sprache übersetzen. Ich gebe also an der Tastatur den Satz “How are you?” ein, übergebe das an den Sprachgenerator, und dieser gibt mir die Stimme mit der richtigen Intonation aus. Und hier passiert das, was Saussure beschreibt, wenn er zwischen Klangkörper und Sprache unterscheidet. Es wird anschaulich, daß der Laut nur ein Stoff ist, mit dem der Sprachgenerator umgeht. In dem Fall, den ich hier beschreibe, handelt es sich um die Stimme eines Oxford-Sprechers, der sein sprachliches Material zur Verfügung gestellt hat. Diese Oxfordstimme wurde in Phoneme zerhackt, und ich kann jetzt der Stimme beliebige Sätze unterlegen - was sehr unterhaltsam ist und mich zu der Überlegung führt: Was wäre, wenn das mit der Stimme von Herrn Helmut Kohl geschähe, wenn man Herrn Kohl Sätze unterlegte, die er nie gesagt hat, und diese Sätze mit der Stimme von Herrn Kohl über den Sender schickte? Was heißt das? Da ist etwas berührt, was mit dem Verlust des Originals zu tun hat und was radikal anders ist als herkömmliche Elektronik, also z.B. die Tonkonserven Tonband und Kassette. Hier passiert etwas anderes, hier passiert synthetische Sprachverarbeitung. Es gibt zwar noch ein empirisches Material, also einen Sprecher, der seine Stimme zur Verfügung stellt, wie ein Schauspieler in einem Film seine visuellen Reflexe zur Verfügung stellt. Aber man kann jetzt noch einen Schritt weiter gehen: auch diesen Sprecher brauche ich nicht, ich kann die Stimme vollständig generieren, also sozusagen eine fiktive Stimme generieren, die nie ein Mensch gesprochen hat. Und dann, denke ich, ist der Verlust des Originals vollständig, dann ist es eine rein synthetische Stimme. Damit ändert sich auch der Maßstab: wir richten an diese Stimme erst gar nicht die Erwartung, daß sie natürlich oder echt sein muß. Bei Helmut Kohl kann vielleicht noch diese mimetische Verwirrung entstehen: ist das jetzt der echte Kohl oder ist das nur seine Stimme, oder hat Helmut Kohl das tatsächlich gesagt, oder muß Helmut Kohl dann etwa gegenzeichnen, daß er das zwar nicht gesagt hat, daß er dem jedoch zustimmt, was der Sprachgenerator sagt. Da haben wir wieder das Problems des Vergleichs, daß das Original als Maßstab dient und daß man an dem Original noch klebt. Der nächste Schritt wäre zu sagen, das ist völlig unerheblich, ob das die Stimme von Helmut Kohl ist, das ist einfach ein Sprachgenerator, das ist eine synthetische Stimme, und diese synthetische Stimme sagt etwas, und das, was sie sagt, ist sinnvoll. Und der Sprachgenerator erlaubt mir einfach, Schrift in Sprache zu übersetzen und umgekehrt. Er macht auf einer technologisch höher stehenden Ebene das, was das Alphabet macht und was die Phönizier circa 2000 Jahre vor Christus erfunden haben - eine geniale Erfindung der Phönizier, mit zwei Dutzend Werten eine Sprache abzubilden.

Dieses Alphabet sind heute die Bits. Das Alphabet ist heute ein Grundalphabet, das nur aus zwei Werten besteht und das sich von dem bisherigen Alphabet sehr unterscheidet. Ich habe versucht, das auszudrücken. Das heißt z.B., daß die alphabetische Schriftkultur entwertet wird, und die Aufwertung des Augensinnes, die mit der Verschriftlichung zu tun hat, wieder zurückgeht und entthront wird. Das ist ein Phänomen, das auch McLuhan beschrieben hat: die elektronische Kultur wertet den Gehörsinn auf. Ich will die beiden Sinne nicht gegeneinander ausspielen, entscheidend ist, daß diese Sinne ineinander verrechnet werden, daß also das, was der Binärcode abbildet, eigentlich gar nicht etwas Sinnliches ist. Es geht nicht um einen speziellen Sinn, den Gehör- oder Augensinn oder den Tastsinn, sondern um das Zusammenwirken der Sinne, ökonomisch gesprochen um das Ineinanderverrechnen, den Geldtausch der Sinne. Für dieses Zusammenwirken der Sinne gibt es bestimmte Vokabeln wie Synästhesie, Synergie oder - philosophisch gesehen - Kants synthetisches Urteil a priori oder McLuhans Taktilität. McLuhan hat immer betont, die Taktilität der Neuen Medien sei nicht der Tastsinn, sondern das Zusammenwirken der Sinne. Sie berühre keinen besonderen, sondern einen allgemeinen Sinn, den Common Sense. Andere Umschreibungen sind Fingerspitzengefühl, Intuition, und in der Künstlichen Intelligenz spricht man vom nicht weiter rückführbaren Alltagswissen. Die Frage lautet heute, ist dieses Alltagsbewußtsein, ist dieser nicht mehr weiter rückführbare Sinn - jetzt verstanden als nicht-besonderer, nicht-spezialisierter Sinn -, ist dieser Common Sense überhaupt abbildbar und formalisierbar? Und da gibt es Ansätze in der Künstlichen Intelligenz, die besagen, er ist mit der zweiwertigen Logik nicht abbildbar. Deshalb haben wir die Fuzzy Logic erfunden, das heißt übersetzt soviel wie “krause”, “wirrköpfige” Logik. Sie hat die Fähigkeit, zwischen Null und Eins, wahr und falsch beliebige Abstufungen zu schaffen. Das Problem ist nur, daß diese Fuzzy Logic wieder zurückgeführt wird auf die zweiwertige Logik, ich muß die Fuzzy Logic also zweiwertig abbilden. Damit stehe ich vor dem Paradox, daß ich mit dem Computer, der auf dem Prinzip der Trennschärfe beruht, und zwar auf der Trennung zweier Ereignisse - Null und Eins sind diskret -, daß ich also mit dem Prinzip der Trennschärfe Unschärfe abbilden will. Darum geht es heute in der KI, und ich habe dazu eine bestimmte Meinung. Ich bin nämlich der Auffassung, daß diese sogenannte Unschärfe der KI - und interessant ist, daß auch in die Informatik wie zuvor in die Physik ein Unschärfeprinzip Eingang gefunden hat -, daß also diese sogenannte Unschärfe eine unechte Unschärfe ist. Sie beruht darauf, daß die Trennschärfe der menschlichen Sinne unterschritten wird, d.h., es werden die Illusion des Fließens und die Illusion der Bewegung erzeugt. In Wirklichkeit bewegt sich nichts. Wenn ich das zoome, wenn ich das vergrößere, haben diese Systeme eine endliche Struktur. Oder mathematisch gesprochen, sie sind determiniert und diskret. Unschärfe aber ist immer undeterminiert und beruht auf dem Fließen von Grenzen. Die Trennschärfe der menschlichen Wahrnehmung wird unterschritten, wie beim Film die des Auges - nicht durch Unschärfe, sondern Überschärfe. Wenn ich Momentaufnahmen möglichst schnell hintereinander schalte, entsteht die Illusion der Bewegung, aber in Wirklichkeit ist der Film kein bewegtes Bild. Das klingt vielleicht haarspalterisch, und was ist dann der Unterschied zwischen einer echten Bewegung und einer abgebildeten Bewegung? Der Unterschied ist, daß die “Bewegung” in der digitalen Abbildung immer diskret ist, es handelt sich also um das Vortäuschen einer Bewegung, und wenn der Begriff Simulation im Sinne von Täuschen oder Vortäuschen eine Aussagekraft haben soll, dann höchstens in diesem Zusammenhang, daß Fließen, daß eine Bewegung vorgetäuscht wird. Da hat der Begriff der Täuschung einen Sinn, und daraus - das ist auch ganz hoffnungsvoll - ergibt sich ein Kriterium, um Mensch und Maschine zu unterscheiden. Mit Maschine meine ich jetzt den informatischen Begriff der Maschine, also nicht eine Maschine, die ich anfassen kann wie die Dampfmaschine, keine Hardware, sondern im Sinne der Turing-Maschine ein zweiwertiges Sprachsystem, einen Formalismus, der durch den Computer vollzogen wird. Und diese Maschine ist diskret, und die von ihr vollzogenen Abbildungen sind diskret. Aber die Realität ist nicht diskret. In der Wirklichkeit sind die Grenzen fließend. Es gibt für mich keinen Anhaltspunkt, zu glauben, die Realität sei diskret. Letztlich läuft es auf die Frage hinaus, ob Unschärfe abbildbar ist, und da, denke ich, deuten sich heute in der KI die Grenzen der Abbildung an. Wo die Informationstechnologie am weitesten fortgeschritten ist, da werden Grenzen auch am ehesten sichtbar, die Grenzen dessen nämlich, was überhaupt abbildbar ist.

Daraus entsteht ein Problem: Wie kann ich über das Nichtabbildbare kommunizieren mit Hilfe von Mitteln, die ja offenbar etwas mit Abbildung zu tun haben, und Sprache ist ja auch Abbildung... Ich denke, die digitale Revolution liegt darin, daß ich erstens einen Universalcode habe, in dem ich alles abbilden kann, was abbildbar ist, und daß dies zweitens nicht heißt, alles sei abbildbar. Das wäre ein großer Irrtum. Die Frage lautet, was ist mit dieser nicht-abbildbaren Welt, und wie gehen wir in Zukunft damit um? Dafür habe ich keine Lösung. Rezepte wären auch unpassend. Aber ich denke, die Beziehungen zwischen den Zeichen und der Welt, die sie bezeichnen, befinden sich im Umbruch - dergestalt, daß die abbildbaren und nicht-abbildbaren Aspekte immer deutlicher voneinander geschieden werden. Präsenz und Repräsentation sind immer weniger vereinbar. Damit kündigen die Bits das Ende der Säkularisierung an. Vorher war das Zeichen ein Symbol im Sinne von Goethe, in dem Sinne nämlich, daß das Symbol über sich selbst hinausweist und Unendlichkeit zu transportieren vermag. Und jede analoge Abbildung enthält eine unendliche Struktur, und zwar ganz wortwörtlich. Wenn ich nämlich eine analoge Abbildung daraufhin betrachte, aus welchen Elementen sie besteht, dann treffe ich auf unendliche Strukturen, auf Kurven und Kontinuen. Die digitale Abbildung beruht auf dem Prinzip der Endlichkeit. Alles wird in eine endliche Struktur übersetzt. Es entsteht zwar der Eindruck der Unendlichkeit und des Fließens, aber die Übergänge sind in Wirklichkeit nicht mehr fließend wie in der analogen Abbildung, sie sind diskret. Es handelt sich also um einen seriellen Übersetzungmechanismus, der die Realität in kleinste Einheiten teilt. Das Prinzip der Teilung erweist sich als universelle Weltaneignung und vermittelt eine synthetische Welterfahrung: Ein Sprachfeld wird in diskrete Ereignisse geteilt, bis es nicht mehr weiter geht, bis zu den Bits, und anschließend wieder zusammengesetzt. Und diese Figur des Zerlegens und Zusammensetzens ist mit dem Prinzip der Maschine identisch. Der Computer ist die Maschine, die das am besten kann, er ist darauf hochgezüchtet worden, Dinge in kleinste Problemeinheiten zu zerlegen, genauer gesagt in Bits, und diese Einheiten nachher wieder zu synthetisieren. Das ist das Prinzip der Maschine, und dieser Bewegung entspricht auch das Sprachbild, das dem deutschen Wort Mitteilung zugrunde liegt. Mitteilung ist eine Art der Teilung, und Saussure nennt das “Artikulation”. Artikulation heißt, daß ich die Sprache als teilbaren Körper betrachte und sie in kleine Glieder, in articuli, zerteile - wie in Atome. Doch, wenn ich das tue, gibt es dann nicht einen Synergieverlust? Synergie heißt, das Ganze ist mehr als die Summe der Teile. Wenn ich also etwas zerlege und anschließend wieder zusammensetze, ist da der Begriff des Ganzen überhaupt noch anwendbar, also Ganzheitlichkeit? Ich denke, das ist ein Ansatzpunkt, wie man das heutige hyperreale Grundgefühl und den Wirklichkeitsverlust, der mit Abbildungen irgendwie immer einhergeht, erklären kann - durch einen Mangel an Synergie: Die Montage führt nicht zum selben Punkt zurück, von dem die Demontage ausging. Es gibt demnach keine Kopie, es gibt nur Variationen.

Mit dem Computer hat die Abbildung ein Ende erreicht, es geht nicht mehr weiter. Abbildung im Sinne von Artikulation, von Teilung eines Sprachfeldes hat hier wirklich einen Endpunkt erreicht. Die Bits sind die kleinsten Einheiten der Zeichen. Und ich stoße da an eine Grenze genau wie mit der Lichtgeschwindigkeit. Das sind die beiden Grenzen, die in den Neuen Medien erreicht werden. Hier entfalten sie Wirkung und Wirklichkeit. Kann man da von der Auflösung der Medien reden? Ich habe da Schwierigkeiten. Die Auflösung der Medien ist nur eine Art, das auszudrücken - aus der Verlegenheit heraus, daß man das, was neu entsteht, nicht bezeichnen kann. Es verschwindet etwas, und es entsteht etwas Neues, und eine zusammenfallende Welt zu beschreiben, ist leichter, als positiv zu formulieren, was neu entsteht. Für mich ist die Formel von der Auflösung der Medien nur ein Aspekt der Neuen Medien. Was löst sich auf? Es lösen sich die bisher voneinander getrennt existierenden Medien auf, und es hat keinen Sinn mehr, von visuellen, auditiven, audio-visuellen oder sonstigen Medien zu reden, weil der Binärcode diese Medien ineinander verrechnet. Es hat keinen Sinn mehr, das, was wir bisher als Fernsehen, Radio, Printmedien, Schriftmedien kennen, an einer bestimmten Wahrnehmung festzumachen. Das Neue Medium, um das es geht, verrechnet diese Sinnesebenen. Insofern hören die herkömmlichen Medien auf zu existieren, und ich könnte von der Auflösung der Medien reden. Aber es entsteht da auch etwas Neues, es entstehen Neue Medien, die miteinander interagieren, die ein gemeinsames synästhetisches Wahrnehmungsfeld aufbauen, und vielleicht ist diese Wahrnehmung auch anästhetisch. Wahrscheinlich ist sie beides. Dem entspricht eine innere Realität. Es werden nicht nur Medien, es werden Sinnesorgane verrechnet. Wenn ich z.B. von dem Übermaß des Augensinns gesprochen habe, so stellt sich ein neues Gleichgewicht der Sinne her. Der Augensinn wird entthront, und andere Sinne wie der Gehörsinn werden aufgewertet. Das ist das spezifisch Neue, das passiert, und um dafür eine Sprache zu finden, habe ich die beiden Metaphern, die des Zeichengeldes und die des Grundalphabets, herangezogen. Das Zeichengeld ist eine ökonomische Metapher, und die des Grundalphabets stammt aus dem elektronischen Bauhaus, d.h., sie deutet an, daß hier kein besonderer Sinn abgebildet werden soll, sondern ein ganzes Wahrnehmungsfeld - kurzum: ein digitaler Raum.

(Abschnitt eines mündlichen Referats. Vom Autor überarbeitet)

aus der Diskussion

  • die auflösung der medien im elektronischen raum (index)

  • intro

  • teilnehmer

  • stefan banz: die auflösung der medien im elektronischen raum

  • heiko idensen/matthias krohn: pool processing

  • heiko idensen/matthias krohn: bild-schirm-denken

  • matthias krohn: bemerkungen zur telematik

  • stichworte der schlußdiskussion


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