matthias krohn:
bemerkungen zur telematik
Telematik ist ja nichts anderes als ein Kunstbegriff aus Telekommunikation und Informatik, der telematische Raum ist als solcher erst mal gar nicht vorhanden. Technisch gesehen besteht er aus mehreren Computern, die untereinander vernetzt sind durch Telekommunikation, und an den einzelnen Enden haben wir die Informatik, die Datenverarbeitung in Form eines Computers. Dieser elektronische oder telematische Raum ist ein öffentlicher Raum, er ist ein privater Raum, er ist z.T. auch ein esoterischer Raum, er ist ein Kommerzraum, er ist ein Kunstraum. Es passieren dort also Dinge, die wir in unserer Realität ebenso haben. Ich meine damit, daß sich dort gesellschaftliche Bereiche nicht nachbilden sondern herausbilden. Und zwar wandert das in telematische Netze ab, was sich dort effektiver erledigen läßt, z.B. der Geldverkehr. Das war eine der ersten Anwendungen in der Telematik, solche Transaktionen vorzunehmen, und es handelt sich um Transaktionen.

Der Künstler muß sich fragen, wie komme ich in diesen Raum, bzw. wie kommt der Raum zu mir. Dieser Raum öffnet sich erst über den Bildschirm, über die Tastatur, über irgendwelche Interfaces, und ich rede in diesem Zusammenhang immer von visuellen interaktiven Oberflächen. Der Künstler wird sich darum bemühen müssen, die Gestaltung dieser Oberflächen zu übernehmen . Er wird sich darum bemühen müssen, auch die Interaktivität zu gestalten, die in diesen Netzen passieren kann. Die Künstler werden sich bemühen müssen, die Schnittstelle zwischen dem Datenwerk und sich selbst zu gestalten. Sie müssen das Interface als Filter begreifen, in denen also Ereignisse, Handlungen, Beeinflussungen, Aktionen passieren können. Der Künstler ist damit auch Akteur. Der Künstler muß Telepräsenz zeigen, er hat die Aufgabe, in diesen telematischen Netzen präsent zu sein. Der Computer als telematisches System ist Rezeptions- und Produktionsapparatur. Er ist zudem noch ein polymediales Darstellungsmittel geworden und wird es zunehmend mehr, d.h. er kann jede Art von Daten bearbeiten, Text, Sprache, Bild, Sound aber auch synchronisierte Medienmischungen, und er ist zudem noch ein Steuerungs- und Organisationsmedium, d.h. man kann kommunizieren, und das nicht nur in Echtzeit sondern natürlich auch zeit- und ortsungebunden. Zeitungebunden meint: ich kann durchaus zeitversetzt damit arbeiten. Der Computer ist gewissermaßen auch eine Mischung aus Fernsehen - Fernsehen gesehen als so etwas wie Medienmischung - und Telefon, wie das das Projekt “Piazza Virtuale” von Van Gogh TV deutlich gezeigt hat, die den genialen technischen Griff gemacht haben, wirklich Telefon mit Fernsehen zu verbinden. Dazwischen steht noch der Computer. Was Van Gogh TV macht, ist wirklich ein benutzergesteuertes Fernsehen über das Telefon: das hat es vorher nicht gegeben , vorher gab es den TED, aber jetzt ist es so, daß die Tastatur des Telefons die Kamera steuern kann, Spiele steuern kann usw.. Und dieser Zusammenschluß von Telefon und Fernsehen ist erst mal ein Zusammenschluß von analogen Medien, die zwar über den Computer gesteuert werden, aber das ist noch nicht das, was in der Telematik passieren kann. In der Telematik ist es ja so, daß diese Medien tatsächlich auf der Ebene des binären Codes ineinander geschaltet werden. Das bedeutet auch, daß wir es mit ganz anderen Handlungsmöglichkeiten zu tun haben als das, was wir von Van Gogh TV gesehen haben.

Ich möchte drei Aspekte für die künstlerische Arbeit in der Telematik benennen:

So etwas wie ein Kunstnetzwerk muß über die reine Verwaltung und Verbreitung von relevanten Informationen für und von Künstlern hinausgehen. Es darf also nicht in der Präsentation von künstlerischen Ergebnissen enden. Ein Kunstnetzwerk läßt den Benutzer, d.h. den/die KünstlerIn zum/r AkteurIn seiner eigenen Ideen werden, es steht ihm/ihr gleichzeitig aber auch als multimedialer, dialogischer Ideengenerator zu Verfügung; Ideen heißt hier z.B., daß man tatsächlich gemeinsam Ideen an einer interaktiven Oberfläche entwickelt, an zwei verschiedenen Orten. Hierfür müssen erstens ästhetische Modelle entwickelt werden. Zweitens bedarf es interaktiver Programme, die den Benutzer nicht in seiner Aktivität als AkteurIn behindern sondern emanzipieren und anregen. Es gibt z.B. in der ganzen Informatik keine Programme, die wirklich gute Groupware sind, wo zwei wirklich interaktiv zusammenarbeiten können. Kooperative Programme gibt es kaum, es sind alles eigentlich nur Einzelanwendungen. Drittens muß das Netzwerk öffentlich sein und auch in jeder denkbaren Weise offen, um damit über breite soziale Rückkopplung neu interkulturelle Gemeinschaften zu bilden. Das klingt sehr einfach, ist es aber nicht. Es gibt Beispiele, etwa im Amateurfunk, wo tatsächlich ein Code gefunden worden ist, den es in der Realität eigentlich gar nicht gibt. Die verstehen sich untereinander alle wunderbar, denn sie haben einen Code entwickelt, der nur in diesem Medium passieren kann. Diese Entwicklung eines Kommunikations-Codes, eines Umgangs muß jedenfalls im Bereich der künstlerischen Telematik erst entwickelt werden.

Zur Beunruhigung: Seit es Hypertextsysteme und avancierte telematische Netzwerke gibt, ist man dabei, Konzepte der Linearisierung und Hierarchisierung sowie automatisch gestaffelte Nutzungs- und Zugangsrechte zu entwerfen. Es ist offensichtlich so, daß das Trauma, sich im Datenwerk zu verlieren oder das Datenwerk zu verlieren zum Antrieb wird, mit ausgefeilten Landkarten, Führungs- und Kontrollsystemen die Programmreisenden auf die Geradlinigkeit einer Pauschalreise zu abonnieren. Die Navigateure im Hypertext wie im telematischen Datenraum bleiben oftmals nur tastendrückende Subjekte, denen auf den Oberflächen multimedialer Information lediglich touristisches Verhalten abverlangt wird. Frei von Überraschungen sollen sie sich nur mit jenem Fremden beschäftigen, das sie nicht befremdet. In den Worten der Unterhaltungsindustrie heißt das: “You push the button, we do the rest”. Und es ist äußerst wünschenswert, daß diesen expandierenden Konnektionsmöglichkeiten wirklich eine elektronische Gemeinschaft antwortet, sonst wird das ein Selbstläufer, wo wir gar nicht mehr teilhaben.

(Abschnitt eines mündlichen Statements)

  • die auflösung der medien im elektronischen raum (index)

  • intro

  • teilnehmer

  • stefan banz: die auflösung der medien im elektronischen raum

  • bernhard vief: digitaler raum

  • heiko idensen/matthias krohn: pool processing

  • heiko idensen/matthias krohn: bild-schirm-denken

  • stichworte der schlußdiskussion


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