heiko idensen / matthias krohn: bild-schirm-denken
BILD-SCHIRM-DENKEN (die vollversion)

abschreiben - abspringen - adressieren - aktualisieren - ankommen - bild-schirm-schreiben - bild-schirm: träumen - dialogisieren - digitalisieren - einbilden - entwenden - enzyklopädisieren - finden - flaming - flanieren - fragen - fragmentarisieren - füttern - gehen - interagieren - interfacen - karthographieren - kopieren - lesen: bildschirm - memorieren - montieren - orten - passagen durchschreiten - projezieren - querlesen - reflektieren - reisen - rhizome bilden - sichtweisen einnehmen - texte öffnen - theatralisieren - transferieren - transformieren - transportieren - umherschweifen - umschalten - verbinden - veröffentlichen - verzweigen - visualisieren - zitieren

Der Computer hat das Denken schon längst infiziert. Es vollzieht sich nicht nur eine Projektion von Denkprozessen auf den Schirm durch Simulationstechniken, Visualisierungen und Dramatisierungen von Datendarstellungen, sondern der Bildschirm als virtuelle Oberfläche wird selbst zum bevorzugten Ort des Denkens: on screen thinking.

Hyperdokumente sind im Gegensatz zu Büchern keine medial begrenzten und festgeschriebenen Objekte zum Lesen, Sammeln, Katalogisieren, Kommentieren und Interpretieren, sondern als frei gestaltbare Interfaces werden sie zu Prozessoren, mittels derer Gedankenobjekte in unterschiedlichen Darstellungsweisen (Text, Bild, Ton, Animation) produziert, verknüpft und verteilt werden können.
Alles kann mit allem verbunden werden.
Die vernetzten Bildschirme können als Fortführung der Utopie eines Universums, das andere die Bibliothek nennen, gesehen werden, als “produktive Bücher“:Im telematischen Dokuversum frei verknüpfbarer Objektdateien wird die klassische Trennung von Autor / Text / Leser und die machtpolitische Kommunikationsschaltung von Code - Sender - Empfänger aufgehoben.

Lesen und Schreiben fallen in einem aktiven semiotischen Prozeß intertextueller Generierung von Texten aus Texten zusammen: Text-Netzwerk-Konzeption.
“Es funktioniert bald überall, bald rastlos, dann wieder mit Unterbrechungen....”
Es tastet, scannt, druckt, speichert, löscht, markiert, sendet, verzweigt, scrollt, blinkt, schwärmt durch die Netze der Informations-technologie ... Es ist überall.

Das elektronische Wort. Es ist immer schon da, verbreitet sich scheinbar von selbst, einem Virus gleich. Es kennt keine nationalen, kulturellen, ideologischen Grenzen. Es schwirrt durch alle Systeme, Geräte, Interfaces. Überwindung der Machtblöcke, Kampf der Betriebssysteme. Informationskrieg. Die Entstehung der Gedanken beim Reisen durch Informationsnetzwerke. ...In symbolischen Netzwerken werden beim Bild-Schirm-Schreiben und Bild-Schirm-Lesen mentale, rhetorische und poetische Modelle aktiviert, die im Gegensatz zum fixierten linearen Drucktext dialogische Verknüpfungsprozesse ermöglichen.


adressieren

Für wen schreiben wir eigentlich?
Für die, die nicht lesen können vielleicht?
Wir müssen so schreiben, daß die Texte von allen möglichen Datenbanken, Such- und Retrieval-Programmen, Mailboxen, Verlagssystemen ... gelesen, erkannt, in der Form akzeptiert und vor allem weiterverarbeitet werden können. Die kryptischen Mischungen von Namen und Adressen im Netzwerk - ähnlich Graffiti-Namenszügen - Adressen, für die es keinen Ort (auf der Landkarte) gibt.


aktualisieren

Mündliche Kommunikation basiert auf Präsenz, Unmittelbarkeit, Gedankenaustausch, Dialog. Der Buchdruck scheint schwarz auf weiß eine gewisse Dauerhaftigkeit zu produzieren (angeblich werden sehr sensible Daten durch einen Ausdruck ihres Binärcodes auf Film gesichert - Zelluloid ist geduldig!), Adressaten von Büchern sind nicht selten nachfolgende Generationen ... Bücher über Neue Technologien sind zum Zeitpunkt ihres Erscheinens wegen langer Wege in den Publikationsketten oft schon nicht mehr aktuell. Online Informationen in Netzwerken dagegen unterliegen einem permanenten update: Echtzeit-Kommunikation.
Informationsentstehung, -verbreitung, -abruf, -kontrolle, -revision passiert in immer kürzeren Zeitzyklen - ein automatisches Versioning ein- und ausgehender Datenströme wird notwendig.
Christo eröffnet seine Land-Art Schirm-Bespannung gleichzeitig in Japan und Kalifornien.
Telekommunikationsmittel heben jede zeitliche Dauer auf, weil die Verzögerung in der Übertragung von Texten und Bildern gegen Null strebt.
Diese Echtzeit-Übertragungen werfen die Frage nach dem wirklichen Augenblick neu auf: Atopie - Utopie - Teletopie. Interaktion in Echtzeit verdrängt die Intervalle, in denen sich Geschichte, Geographie, Politik organisierte. Theorie könnte sich in einem solchen Kontext als Vision auf kommende Ereignisse beziehen - Vorhersagen aus den Schockwirkungen von Ereignissen, die sie vorwegnimmt. (->reflektieren) ??


Bild-Schirm-Schreiben

Der Bildschirm gleicht einer Linse, die sich in Ausschnitten über den Text bewegt. Herkömmliche Textsysteme repräsentieren Text nach dem WYSIWYG-Prinzip, das heißt die Ausrichtung auf dem Bildschirm folgt in allen wesentlichen Funktionen den gewohnten Lese- und Schreibparametern des Buches. (->abschreiben) Gleichzeitig ist jeder elektronische Text aber auch Code, d.h. ausführbarer Text.
(->Lesen: Bildschirm) Der Text wird zum Objekt ausführbarer Operationen, bewegt sich selbst in einzelnen Bild-Schirmen, die ungeachtet jeder verlegerischen Optionen geöffnet, verbunden und verschachtelt werden können. Objektorientierte Hypertext-Schreibumgebungen werden dieser Verräumlichung des Schreibens (->orten) gerecht, indem sie zusätzlich zu den normalen Editierfunktionen Aktionen anbieten, die ein Plazieren von Textfenstern oder -karten auf dem Bildschirm ermöglichen. (->Bild-Schirm-Schreiben)


Bild-Schirm: träumen

Noch die alte Welt des Imaginären hielt (imaginäre) Abstände. ... Der Bildschirm dagegen hat es nicht mehr nötig, Raum zu simulieren. Er ist Triumpf der Fläche. ... Das Binäre ...bringt die gesamte Welt auf den Punkt einer Abfolge von Energien. ...Vielleicht bei abgeschaltetem Schirm, auf der Schwärze der Fläche, sieht man noch eine Art Spiegelbild, das aber zerfällt, sobald das Bild des Schirms erscheint. ...Die Zerstückelung, bislang ein Charakteristikum der menschlichen Erfahrung, ... taucht nun auf der Fläche des Bildschirms auf, auf der Ebene der Programme. ... Die programmatisch hochgehaltene Regie wird durch Abschalten und Umschalten der Programme konterkariert. ... Damit ruiniert sich Theorie im doppelten Sinne endgültig ... Bildschirme finden sich zunächst nicht als Bestandteile von Fernsehgeräten, sondern von psychischen Apparaten in der kindlichen Seele. Sie dienen der Angstregulierung. Überforderungen, die Verletzungen gleichkämen, werden in Bildern festgehalten und besänftigt. ... Das Zwischending zwischen Trauma und Phantasma ist der Bildschirm. Er schützt einerseits vor zuviel Realität andererseits gibt er der Erfahrung Gestalt und Form.


dialogisieren

Bild-Schirm-Dialoge - wo ist das Gegenüber? Entwickeln sich Gedanken wirklich aus einem hin und her zwischen Position und Gegenposition?
Die platonischen Dialoge scheinen bloßes Transportmittel für Gedanken zu sein, als Form taucht der Dialog in der Literatur in vielfältigen Erscheinungsformen auf: als Typus des Lehrgesprächs, Renaissance-Dialoge (Ironie, Brechung, Instrument der Kritik), reformatorisches Kampfgespräch, fiktive Gesprächsfiguren, die im Hinundherreden lebendig weit gestreute Erfahrungen strukturieren und in Zusammenhang bringen. Die dialogische Aufklärungsphilosophie verabschiedet sich vom literarischen Dialog und leitet mit ihrem Projekt der Enzyklopädie (->enzyklopädisieren) einen aktiven Dialog zwischen Buch und Leser ein. Die Popularisierung und Strukturierung des Weltwissens in der Enzyklopädie setzt auf die Vielstimmigkeit von Experten, die, versammelt als Autorenkollektiv, dem Leser nicht dialogisch zur Seite steht, sondern ihn mit Querverweisen, Wissenspfaden und thematischen Thesauri instrumentell in die Lage zu setzen versucht, den Dialog zwischen den Texten von nun an selbst in die Hand zu nehmen.
(->Lesen: Bildschirm)
Das Dialogische ist grundlegende Interaktionsform im Umgang mit Computern.
(->interagieren) Während die Druckkultur immer nur auf einen virtuellen Dialog mit dem Leser setzen kann, Bücher aber bekanntlich nicht antworten können, die Massenkommunikationsmittel an der Perfektionierung von Schein-Dialogen mit der schweigenden Mehrheit arbeiten (Telefonabstimmungen, talk-shows), warten die Informationsmaschinen tatsächlich auf unsere Eingaben. Neue Kunstformen des Dialogs haben sich für hypermediale Anwendungen entwickelt, die möglicherweise im Rückgriff auf orale, szenische Rhetoriken verfeinert werden können.


digitalisieren

All das definiert einen digitalen Raum, ein magnetisches Feld des Codes, mit Polarisierungen, Brechungen, Gravitationen von Modellen und dem ständigen Strom der kleinsten disjunktiven Einheiten (der Frage / Antwort-Zelle ... ). Man muß den Unterschied beachten, der zwischen diesem Kontrollfeld und dem traditionell repressiven Bereich der Polizei bestand, der noch einer signifikanten Gewalt entsprach. ... Vom ausdrücklichen Befehl geht man zur Programmierung durch den Code über, vom Ultimatum zum permanenten Druck, von der erzwungenen Passivität zu Modellen, die von vornherein auf die “aktive Reaktion” des Subjekts hin konstruiert worden sind, auf seine Einbeziehung, seine “spielerische” Partizipation etc. berechnet sind, bis zum Modell eines totalen “Environments” aus pausenlosen, spontanen Antworten, aus begeisterten feed-backs. ... Die Realität geht im Hyperrealismus unter, in der exakten Verdoppelung des Realen, vorzugsweise auf der Grundlage eines anderen reproduktiven Mediums - Werbung, Photo etc. - und von Medium zu Medium verflüchtigt sich das Reale ...


entwenden

Das elektronische Dokument findet seinen Marktwert nicht irgendwo zwischen Autor- und Leserschaft. Gerade die Ausblendung der Institution Verlag durch den Einsatz persönlicher miteinander vernetzbarer Metamedien nimmt den Texten ihr vermeintliches Machtzentrum und schließt die offenen Enden der Textgesellschaft kurz. (->veröffentlichen)
Alle kulturellen, technologischen, kommerziellen, philosophischen Äußerungen sind Gemeingut.
Weitergabe und Benutzen von Teilen, (->fragmentarisieren) aus dem Zusammenhang stehlen, polyperspektivischer Einsatz von Ideen und Ideenkomplexen. Technik der Ironie. Verkehrung von Zitaten. (->zitieren)
Daß die Poesie von allen gemacht wird, wissen die Programmierer seit langem. Ihre Praxis besteht in der Ökonomie, aus vorhandenen Programmbibliotheken geeignete Routinen zu entwenden, um sie in das Schriftwerk des eigenen Source-Codes einzukopieren. Der geklaute Code wird hierbei oft modifiziert, angepaßt oder optimiert und in die Programmbibliothek als Goodie zurückgesendet. Die Bibliothek wird damit nicht nur größer und vielfältiger, sondern ihre Texte gewinnen auch an ästhetischer Qualität.
Hauptoperation bleibt - analog zum Hypertext - die Kombination eines aus dem Zusammenhang gelösten Elements innerhalb eines neuen Kontextes. Alle entwendeten Elemente können zu Gegenständen neuer Zusammensetzungen werden. Das Copyright bricht angesichts digitaler Datenströme ohnehin zusammen. Ein Denken ist vor den Bildschirmen gar nicht mehr als theatralische Repräsentation möglich / nötig, sondern als Eingriff in das Material, als ein Navigieren durch die Datenanhäufungen, als Perspektivwechsel. Anzapfen und Abfangen der im Netz zirkulierenden Informationen. Findet die Stellen im Netzwerk, mit denen ihr etwas anfangen könnt. Kopiert es, scannt es, importiert es, arbeitet damit.


flaming

Unkontrolliertes (automatisches) Schreiben in telematischen Netzwerken (->verbinden), ohne Überlegung, ohne Nachdenken, frei von Rücksicht auf Normen und Kontrollinstanzen, real-time schreiben (schon bekannt als surrealistisches Schreibspiel). Konfrontationsstil, kurze knappe Formen ohne die gewohnten redundanten Formen von Höflichkeit und small talk. (->adressieren)


flanieren

Was nie geschrieben wurde, lesen.
Ein Rausch kommt über den, der lange ohne Ziel durch vernetzte Bildschirmlandschaften geht. Das Gehen gewinnt mit jedem Schritt wachsende Gewalt; der Rausch, mit dem der Tastende durch fremde Datenlandschaften zieht, saugt seine Nahrung nicht nur aus dem, was ihm da sinnlich vor Augen kommt, sondern wird oft des bloßen Wissens, ja toter Daten, wie eines Erfahrenen und Gelebten sich bemächtigen. Der Reiz der nächsten Verzweigung (->verzweigen), des Absprungs(->abspringen) ... der Bildschirm blinzelt den Flaneur an. Die Entstehung der Computerkultur aus dem Rausch des Flanierens. (->gehen) Bildschirme als Straßen und Wohnungen des Kollektivs, der Menge? Die Metapher der home-card. Der Müßiggang der Computersüchtigen?


fragen

Wohin zeigen die technischen Bilder? / Worin besteht die neue Qualität der Verknüpfungen, der Links? / Ist das überhaupt noch ein Schreiben - oder eine Unterhaltung (mit dem Computer ( mit dem Netz...)? / Wer ist verantwortlich für die Zirkulation von Hypertexten - Autor, Leser, Browser, Programmierer, Netzwerkbetreiber? / Kann ein Leser von Hypertexten wirklich etwas Neues herstellen oder rekombiniert er nur vorhandenes Material? / Ist ein Link eine Metapher? / Finden Vernetzungen direkt von Kopf zu Kopf statt - direkter Austausch von Ideenobjekten? / Bleiben die wirklichen Kreuzungspunkte, die ‘Erkenntnisse’ beim Durchqueren von Hypertexten nicht flüchtig - vorübergehend? / Sind Netzwerkstrukturen lesbar? / Wer spricht im Netz?


füttern

Früher hieß Schreiben, Informationen aufsaugen, akkumulieren und verarbeitet / verwandelt wieder herausfließen lassen - Inspirationen empfangen und über die Linien der Schrift wieder abgeben ...Der romantische Leser wird mit Erbauungslektüre gefüttert, die Aufklärungsliteratur stopft die ‘Adressaten’ mit bewußtseinsverändernden Stoffen, die Massenmedien verstopfen die Kanäle der Sinne, des Körpers und des Denkens ...
Überfütterung, ‘information overload’, kognitive Entropie ... die postmoderne Informationsflut und -wut : alles wird gespeichert, konserviert, abgelegt, beobachtet, gefilmt, jeder Moment abfotografiert, jedes Ereignis übertragen, jede Regung, jedes Gefühl kommentiert ...
Jetzt füttern wir die Computer und Datenbanken mit Weltwissen, Marktanalysen, Trendsettings, Fahrplänen, Umweltdaten, Organspenderlisten, Namenslisten, Literaturzitaten, Erinnerungsfetzen, Virusdarstellungen, Ideenfragmenten, utopischen Entwürfen, historischen Seltsamkeiten, möglichen Fragen, möglichen Antworten ... diese Fakten und Fiktionen zirkulieren in elektronischen Netzwerken. Um die Kreuzungspunkte der Informationsnetze herum bilden sich Gemeinschaften, Interessengruppen, Forscherteams, neue Öffentlichkeiten, neue Undergrounds, heterogene Kollektive wie schon früher an Verkehrs- und Handelswegen.
Die technischen Bilder können aber nicht auf die herkömmliche Art und Weise empfangen und konsumiert werden: der Anschluß und das Anschalten der Kommunikations- / Retrieval- / Hypermedia-Programme allein bewirkt noch gar nichts: die technischen Bilder müssen selbst gefüttert werden: die Vektoren zeigen jetzt nicht mehr von den Ideenobjekten auf den Menschen, sondern das technische Einbilden vollzieht sich als ein Rückkoppelungsprozess. Nur in einer Interaktion erhalten die technischen Bilder Sinn und werden mit informationeller Energie aufgeladen. (->dialogisieren)


gehen

Die Bewegungen am Bildschirm können als ein Ausprobieren, Berühren, Testen, Verfolgen, Aufspüren von Gedächtnisorten gesehen werden. Die funktionale Desktop-Oberfläche als eine Weiterführung der Gedächtniskünste.
(->memorieren) Der räumliche Aufbau einer Wissensarchitektur, die dynamisch kognitive Prozesse unterstützt, visualisiert, ortet und abspeichert.
Diskursformen, die sich aus einem solchen Denken in Bildern / Schreiben an Orten entwickeln können finden ihre historischen Vorläufer in der Enzyklopädie (->enzyklopädieren), in experimentellen Schreibweisen (->orten) und in Entwürfen ästhetisch-materialistischer Philosophiemodelle (->Passagen durchschreiten) wie Benjanims “Passagenwerk” oder Derridas “Glas”.
Der Akt des Gehens wäre eine Aktivität des Bild-Schirm-Denkens, die nur schwerlich aufzuzeichnen ist. Spuren, Notizen, (“History”-Funktionen, die den Weg eines Benutzers und seine Verweildauer speichern), Weg-Bahnen, Wissens-Pfade als vorläufige Versuche, diese Prozesse des Gehens aufzuzeichnen, auf einer Karte einzutragen.
(->karthographieren) Möglicherweise geht bei dieser Art der Aufzeichnung genau das verloren, was so charakteristisch ist beim Bild-Schirm-Denken: der eigentliche Akt des Vorübergehens. karthographieren.
Das Orientieren am Bildschirm erinnert eher an das Lesen von Partituren und an das Studium von Landkarten als an das sequentielle Lesen von Buchseiten. Die ersten mittelalterlichen Karten sind Versuche, einen unbekannten Raum auszumessen, Spuren und Routen von Entdeckungsreisen als Handlungsanweisungen für Reisende anzulegen (Entfernungsangaben, Vorschläge für Besuche von Städten, Rastmöglichkeiten, Gefahren). Narrative Figuren (Schiffe, Tiere, Fabelwesen, Personen, Wappen) stellen Markierungen für Aktivitäten während der Reise dar, Bruchstücke von Erzählungen, Reiseerlebnissen, Beschreibungen der Wegstrecke. Diese narrativen Elemente verschwinden in den modernen Landkarten. Mit Hilfe der darstellenden Geometrie wird ein Projektionssystem abstrakter Orte angelegt, die Karte als ursprünglicher Gesamtschauplatz und Projektionsfläche disparater Elemente wird lediglich zur Darstellung akkumulierter Informationen. (->gehen) (->umherschweifen)
Hypermediale Karten verbinden den narrativen Charakter alter Karten mit dem strukturellen moderner Karten: sie haben mehrere Ein- und Ausgänge, durch ihre vielfältigen Zugangs- und Verknüpfungsmöglichkeiten können sie Montagen verschiedenster medialer Aktionen versammeln, steuern, verwalten. (->Rhizome bilden) Als kleinstes Fragment vernetzter Datenbestände ist die Hyper-Karte für kompositorische, strukturelle und gestalterische Operationen offen: sortieren, suchen, exportieren, ordnen nach ... Macht Karten, keine Kopien! (->kopieren)


montieren

Die Verkettung der einzelnen kleinsten Einheiten (Karte, Storyspace, Frame, Node, Knoten ...) durch Verbindungen (Link, Relation, Schnitt-Blende ...): Montage, Bastelei, Wissenspfade, konzeptuelles Netzwerk. Gedanken / Ideenassoziationen / HyperPoesie entsteht nicht durch ein einfaches lineares Zusammenfügen aufeinander folgender Einzelheiten, sondern durch einen Zusammenprall voneinander unabhängiger Fragmente. Die Surrealisten sprechen von der Begegnung von Nähmaschine und Regenschirm auf dem Seziertisch ...
Verkettungen von Links führen zu Erzählweisen und Wissenskonglomerationen, die als eine Rhetorik der Pfade selbst das suchende Durchqueren von Wissenslandschaften (->lesen:Bildschirm) wieder als eine aktive semiotische Tätigkeit erscheinen läßt. (->einbilden)
Hypertexte erscheinen als Filme, die in Realzeit von den Benutzern geschnitten werden: Wie in der alternierten Filmmontage wechseln ständig die Bilder / Schreibräume, durch Hin- und Herschalten wird Simultanität suggeriert (typisches Beispiel: eine Verfolgungsjagd, bei der ständig zwischen Verfolgern und Verfolgten hin- und hergeschaltet wird).
Die Montage des Hypertexts ist aber mehr als die bloße Anordnung der einzelnen Knoten in einer zeitlichen Kette - im netzartigen Verweben und kreuzweise Verbinden einzelner Informations-Knoten entsteht auch eine topographische / räumliche Montage: mehrere Achsen / Ebenen verschiedener Referenzsysteme werden durchquert - (->querlesen) Hypercode, Hypersignifikat, Hyperpoesie.
Der Blick des durch Hypertexte Navigierenden ist deshalb im Vergleich zum Betrachter eines Films oder einer Collage mehrfach gebrochen: nicht nur verschiedene Sichtweisen, die er einnehmen kann, sondern sogar die Konstruktion neuer Sichtweisen ist gefragt.


Passagen durchschreiten

Das Bewegen in Computer-Netzwerken gleicht dem Umherschweifen in einer Stadt - einer Übertragung dieser Benutzermetapher sind die bisher überzeugendsten Beispiele interaktiver Systeme zu verdanken:
“Aspen movie Map” (MIT), “Wien interaktiv” (Titus Leber), “Die lesbare Stadt” (Sheffrey Shaw), “Think about the people now!” (Paul Sermon)- : aktive Mitarbeit des Lesers als Reisender, Einstieg an den verschiedensten Punkten, Wegen, Kreuzungen, Verzweigungen, Entdeckungstouren, Abschweifungen, Ziele verfolgen ... (->abspringen)
Als ästhetisches Verfahren für das Durchqueren von Materialkonstellationen, in denen eine Vielzahl heterogener Objekte auf einer simultanen Oberfläche angeordnet sind. Flanieren, zielloses Umherschweifen, als die Tätigkeit eines Lesers / Betrachters / Users durch vernetzte Datenkonstellationen: flüchtiges Stöbern, Spurensuche, Durchblicke, Gleichzeitigkeiten, plötzliches Umkehren, Zeitraffung und -dehnung, Verfolgungen, Fluchtlinien, Verkettungen, Überschneidungen, Durchblicke ...(->umschalten)
Die heutigen Flaneure und Nomaden bewegen sich sitzend vor den Bildschirmen. Der Monitor als Ankunfts- und Abflugterminal. (->ankommen)


Rhizome bilden

Im Netzwerk eines Rhizoms spielen sich Übertragungs- und Transportprozesse intensiver Zustände ab. Ladungen (poetisch / diskursiv / informativ) werden empfangen und abgeschickt (importiert und exportiert), eingefangen und verteilt, angezapft und aufgeteilt. Ein Modell, das sich gleichermaßen auf organische Wachstumsprozesse, gesellschaftliche Kommunikationsweisen, technologische Kopplungen, ästhetische Operationen und nomadisches Umherschweifen anwenden läßt: Die ganze Logik des Baumes ist eine Logik der Kopie und der Reproduktion. Sie beschränkt sich darauf, was je schon gegeben ist, von einer überkodierten Struktur oder stützenden Achse aus zu kopieren. Der Baum artikuliert und hierarchisiert die Kopien, die Kopien sind sozusagen die Blätter des Baumes. Ganz anders das Rhizom: e s i s t K a r t e , und nicht K o p i e. Karten, nicht Kopien machen ! ... Wenn die Karte der Kopie entgegengesetzt ist, so deshalb, weil sie ganz und gar dem Experiment als Eingriff in die Wirklichkeit zugewandt ist. Die Karte reproduziert nicht ein in sich geschlossenes Unbewußtes, sondern konstruiert es. Die Karte ist offen, sie kann in allen ihren Dimensionen verbunden, demontiert und umgebaut werden, sie ist ständig modifizierbar. Man kann sie zerreißen und umkehren; sie kann sich Montagen aller Art anpassen; man kann sie auf Mauern zeichnen, als Kunstwerk begreifen, als politische Aktion oder als Meditation konstruieren. Vielleicht ist es eines der wichtigsten Merkmale des Rhizoms, viele Eingänge zu haben.


Texte öffnen

Hypermediale Dokumente ermöglichen durch interne und externe Netzwerkstrukturen dynamische Schnittstellen an soziale, ökonomische und gesellschaftliche Informations-Netzwerke. Statt der immensen Reproduktion gleicher Informationseinheiten (Buch als Massenware) Publishing on demand; statt der Verzögerung, Kontrolle und zentraler Auswahlkriterien bei der Herstellung und Verteilung von Büchern eine verteilte Produktion und Rezep-tion, die in Netzwerken direkt miteinander verzahnt sind: schnelleres Updaten, Rückfragen können nachgefragt und Ergänzungen jederzeit hinzugefügt werden. Offene Texte.
Hypertextuelle Bücher produzieren eine Vielzahl von Welten, lösen die physikalische Isolation des Einzelbuches auf und ermöglichen eine Vernetzung vieler virtueller Lese- und Schreibräume:
Ideal für ein Buch wäre, alles auf einer solchen Ebene der Äußerlichkeit, auf einer einzigen Seite, auf ein und derselben Fläche auszubreiten: wahre Ereignisse, historische Bedingungen, Ideenentwürfe, Individuen, gesellschaftliche Gruppen und Konstellationen.


theatralisieren

Jenseits literarisch und sprachlich ausgerichteter Paradigmen und Bedienungsmetaphern (commandline, Befehlsworte) entwickeln sich im Design neuer Interaktionskonzepte (Direktmanipulationen von Ideenobjekten auf der Monitoroberfläche) allmählich auch neue Metaphern für das Interface (->interfacen): Der Computer wird nicht mehr als bloßes Werkzeug, Denkzeug, sondern als Medium gesehen, statt bloßer Menus, sprachorientierter Befehlseingaben wird die Aufmerksamkeit mehr auf den Prozeß der Interaktion gelenkt, auf symbolische Handlungen mit Objekten, die Metaphern für bestimmte Aufgaben und Aktionen darstellen. Programmieren ist nicht mehr ein reines Schreiben von Befehlscode, sondern ein Design-Entwicklungs-Prozeß, in dem Umgebungen und Modellszenarien für das ‘Drama der Interaktion’ entworfen werden. Der Bildschirm wird zu einer Bühne, auf der sich Interaktions-, Gedanken- und Entwurfsprozesse abspielen: Spektakel, Handlungen, Mensch-Maschine Rollenspiele unter Beteiligung aller Sinne. Statt nur zu lesen und zu schreiben werden Aktionen ausgeführt. Das Schauspiel des Denkens auf den Bildschirmen nicht als ein bloßer Simulationsvorgang, sondern als eine Aktionsform des Denkens selbst: Computer als Theater.


transferieren

Wir gehen damit vom Konzept der Traduktion zu dem des Transports in seiner allgemeinen Bedeutung über, vom Begriff der Referenz zu dem der Interferenz. Wir finden zur reinen Form des Hier-Anderswo zurück, nachdem wir das Hier-Überall erschöpft haben - zur reinen Form des Hier-Anderswo, das heißt des Transfers in einem endgültig dezentrierten oder mit beliebig vielen Zentren versehenen Raum, der nur noch als Raum des Austauschs begriffen werden kann und in dem die Pseudozentren nichts anderes als Verkehrskreuze oder Verteiler sind. Hier stoßen wir nun auf die strukturale Methode, die eine nicht-referentielle, nicht-zentrierte Methode ist, eine Methode im etymologischen Sinne des Wortes, nämlich der Weg eines Transfers.


transformieren

Welche Verbindungen können zwischen Schreibtechnologien und kulturellen Wissensformationen / kognitiven Operationen gezogen werden?
Die historischen Umbrüche in den Symbolsystemen und -technologien strukturieren auch die menschliche Psyche (Geist, Verstand, Denken) - das komplexe Sensorium der Konfiguration von Verstand und Sinnen um.
In der oralen Kultur spielt sich das Denken ganz im akustischen Raum gesprochener Sprache ab (dialogische / dialektische Denkoperationen, Sprachfiguren und Rhetorik der Rede), während die Druckkultur unter dem Paradigma des Sehens und der Visualität graphische Verzweigungsformen, tabellarische Logiken (Baumstrukturen, Thesauri) des Denkens entwickelt.
(->visualisieren)
Die Symbolmanipulation innerhalb verschiedener Medien entwickelt im historischen Verlauf die Operationsmöglichkeiten vorangegangener Medien weiter. Kunstformen - neue ästhetische Praktiken und Rhetoriken - bilden sich als Ersatz für verlorengegangene Qualitäten überwundener Medien: die Typographie bildet auch Notationsformen für Klang und Stimme heraus, entwickelt dialogische Textformen - auf dem Gedankendisplay des Bildschirms erscheint das Schauspiel des menschlichen Denkens als ein kommunikatives kulturelles Netzwerk auditiver, typographischer, bildlicher Gedankenanimationen. Strukturen und rhetorische Formationen anlegen für etwas, das noch nicht existiert. (->Sichtweisen einnehmen)


transportieren

Eine ‘Poetik des Transports’ könnte vielleicht das alte Konzept der Metapher als Netzwerkladungen verfügbar machen, die durch Ankunft und Abreise, Import und Export, Ein- und Ausgänge in Wissenspartikel organisiert werden. Hypertextuelles - nicht-referentielles - Denken heißt nicht beliebiger postmoderner Zitatismus, sondern eine neue Form der Begriffsbildung und der gesellschaftlichen Kommunikation: eine aktive Semiose, in der Schreibende und Lesende fortwährend neue Zusammenhänge entdecken, Spuren nachgehen, Kommentare aufzeichnen - nicht als private ( ‘innere’ ) Tätigkeit, sondern öffentlich, indem sie Wissenspfade in die Netze zurückkoppeln, wieder einspeisen, die Informationen ‘füttern’.


umherschweifen

Unter den verschiedenen situationistischen Verfahren ist das Umherschweifen eine Technik des eiligen Durchgangs durch abwechslungsreiche Umgebungen. Der Begriff des Umherschweifens ist untrennbar verbunden mit der Erkundung von Wirkungen psychogeographischer Natur und der Behauptung eines konstruktiven Spielverhaltens, was ihn in jeder Hinsicht den klassischen Begriffen der Reise und des Spaziergangs entgegenstellt. (->reisen) ... Vom Standpunkt des Umherschweifens aus haben die Städte ein psychogeographisches Bodenprofil mit beständigen Strömen, festen Punkten und Strudeln, die den Zugang zu gewissen Zonen bzw. den Ausgang daraus sehr mühsam machen.

Diese Wahrnehmungsübung und mobile Aktionsform der Situationisten ist mit dem ständigen Kontextwechsel und dem Durchqueren (->Passagen durchschreiten) virtueller Landkarten in hypermedialen Systemen zu vergleichen: zerschneiden bestehender Landkarten, Eindringen in fremde Territorien, Konstruktion eigener Karten und Pläne ... (->entwenden)


veröffentlichen

Was in anderen kulturellen Zusammenhängen der Marktplatz, das gedruckte Buch als soziale / mediale Schnittstelle zur Veröffentlichung von Gedanken und Texten war, wird jetzt nach und nach der Bildschirm: Entstehungs-, Durchgangs- und Präsentationsort für den Austausch von Ideen, Informationen, Bilder, Geschäftsgrafiken, Zugverbindungen, Marktanalysen, Wahlprognosen ...
Der Bildschirm als Projektionsoberfläche (nicht mehr die Buchseite) ist die Schnittstelle des einzelnen Users zur Öffentlichkeit. (->projizieren) Operationen am Bildschirm als Gestaltungen von Ideenobjekten geben diese externalisierten Gedanken zum Gebrauch durch andere frei: elektronisches Schreiben als ein von vornherein öffentlicher sozialer Akt. (->entwenden)


zitieren

Vor dem Aufkommen des Buchdrucks setzt sich die Bibliothek aus einem Mosaik von Textkompilationen zusammen, die in einer kollektiven Schreibarbeit von Lesern, Bibliothekaren und Buchbenutzern aller Art erstellt werden. Das Buch als Körper ist kein abgeschlossenes Werk, sondern ein Werkzeug, dessen man sich zur Wissenstransformation bedient: was man in einem Buch findet, ist nicht der Gedanke einer bestimmten Person, sondern Bruchstück eines Wissens, das jemand von langer Zeit von jemand anderem erworben hat.
(->abschreiben)
Die Frage ist, ob man ein Netz konstruieren kann, das frei von Kreuzungen, Verteilern und Schnittpunkten wäre, an denen sich Parasiten niederlassen. Wo jedes beliebige Element mit jedem anderen in Beziehung treten könnte, ohne auf einen Vermittler angewiesen zu sein. Es gilt entschieden, eine Philosophie ohne Verteiler zu schreiben. (->finden)

BILD-SCHIRM-DENKEN (die vollversion)

  • die auflösung der medien im elektronischen raum (index)

  • intro

  • teilnehmer

  • stefan banz: die auflösung der medien im elektronischen raum

  • bernhard vief: digitaler raum

  • heiko idensen/matthias krohn: pool processing

  • matthias krohn: bemerkungen zur telematik

  • stichworte der schlußdiskussion


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