stefan banz:
die auflösung der medien
im elektronischen raum
Meine sehr verehrten Damen und Herren, durch meine Tätigkeit als Ausstellungsmacher bin ich besonders an der Vielfalt der Medien und ihrer Pflege interessiert. Ich bin kein Experte auf dem Gebiet des elektronischen Raums. Ich gehe aber davon aus, daß der Titel dieses Kunstgesprächs “Die Auflösung der Medien im elektronischen Raum”, wörtlich zu verstehen ist und hier ein unwiderrufliches Ziel künstlerischer und theoretischer Auseinandersetzung darstellt. So ist meine Frage: Was können wir dabei gewinnen? Inwiefern aber ist es überhaupt sinnvoll nach dem Gewinn dieser Transformation oder Vereinheitlichung zu fragen? Denn was passiert, was verändert sich, wenn wir dieses gesteckte Ziel - die Auflösung der Medien im elektronischen Raum anvisieren und letztlich vielleicht sogar erreichen? Würde das nicht bedeuten, daß sämtliche bildnerischen, haptischen und akustischen Aspekte einer bildnerischen Arbeit verschwinden? Wo liegt die fruchtbare Essenz - sofern es sie gibt - begründet, Malerei auf Leinwand, Skulptur oder von Menschenhand gespielte Musik nur noch digitalisiert oder simuliert im elektronischen Raum, quasi als imaginäres Relikt oder als bloße Erinnerung aufscheinen zu lassen?

Die Auflösung der Medien im elektronischen Raum scheint mir als letzte Konsequenz eine fragwürdige Zielsetzung zu sein, weil sie in erster Linie die Standardisierung des Sehens, Hörens und Schreibens fördert und unsere Wahrnehmung und Erkenntnisfähigkeit auf einer eindimensionalen Hochgeschwindigkeitsbahn einzugleisen versucht.

Die Simulation, Transformation oder Auflösung von spezifischen Disziplinen oder Medien durch den binären Code des Computers benötigt die Differenz zum bereits Existierenden, wenn sie verändernde oder stimulierende Wirkung haben will. Die Reduzierung der Phänomene auf ein formallogisches Elementarsystem kann seine Stärke erst im Bewußtsein zu seiner vorangegangenen Komplexität ausspielen, indem sie sich an ihr reibt und ihre Voraussetzungen immer wieder in Frage gestellt werden. Es ist wichtig, das Wahrgenommene, das gedanklich, sinnlich oder elektronisch Hervorgebrochene, unmittelbar in seiner offenen Konsistenz festzuhalten und als ein fortwährend interaktives Kontinuum zu fassen und gleichzeitig ebenso auf die Verzögerung, den Umweg, das Aus- und Zurückhalten, Ausdehnen, Überlappen und/oder Schichten des nach Ausdruck Drängenden zu achten. Dadurch entsteht ein doppelter, paradoxaler Erkenntnisprozeß, jenseits einer explizit metaphysisch oder systematisch konstruierten Weltaneignung. Die Medien lösen sich nicht auf, sondern öffnen sich für eine zunehmend barockisierende und zersplitternde Notationsstruktur, die sich im differenzierten Konglomerat, im verdichteten Bündel der Motive, Sujets, Bilder und Klänge strukturieren oder zerfasern und je nach Mentalität bild- oder eben bindegliedhafter, vorläufiger erscheinen.

Eine offene und gleichzeitig kompakte, medial vielfältige Struktur würde entstehen, eine - wie es Novalis formulierte - “Synthese des Systems und des Nichtsystems” oder die “Systemlosigkeit, in ein System gebracht”. Novalis hatte Zeit seines Lebens versucht, ein Buch zu schreiben, das aus Fragmenten, Briefen, Gedichten und streng wissenschaftlichen Aufsätzen gleichzeitig entstehen sollte. Er glaubte, durch eine solche Durchmischung der Genres und durch die Zerstückeltheit der Ausdrucksformen eine Vielfalt der Darstellung zu finden, in der das unerreichbare Ideal, das Wahre, allegorisch fühlbar gemacht werden könnte. Dieses Ideal jedoch würde wiederum der Auflösung der Medien entsprechen und nicht einer Verdichtung des Nebeneinanders, die sowohl die Unauflöslichkeit eines Problems in seiner Unauflöslichkeit reflektiert als auch die Gewißheit dieser Unauflöslichkeit in ihrem Wesen in Frage stellt, sobald sie sich zum Prinzip oder zur Behauptung aufschwingt.

Wie könnte man also die Medien im Verhältnis zum elektronischen Raum gleichzeitig von außen und von innen betrachten, ohne einem von ihnen zu einem unumschränkten Auftritt zu verhelfen? Und wie könnte man den Aspekten, die dem Konsens widersprechen und innerhalb des jeweils gültigen Rahmens nicht beweisbar sind, die Möglichkeit einräumen, wichtige Perspektiven zu eröffnen? Wie könnte man mit elektronischen Mitteln neue Erkenntnisräume schaffen, ohne zum vorneherein “Struktur- und Bedeutungsmöglichkeiten im Namen der Regeln einer begrenzten diskursiven Praxis” auszuschließen? Jacques Derrida schlägt vor, daß man “in dem Augenblick, da man die Sprache der Metaphysik dekonstruiert, zugleich immer in ökonomischer und strategischer Weise auf ihre syntaktischen und lexikalischen Quellen zurückgreifen muß”. Er sagt: “ Wir müssen also daran arbeiten, diese metaphysischen Zugriffe zu erkennen und die Form und die Verortung der Fragestellungen ständig umzugestalten.”. Das heißt: “Jeder übertretende Schritt, der uns die Abgrenzung faßbar macht”, führt “wieder mitten in sie zurück. Aber durch die Vorgänge auf beiden Seiten der Grenze verändert sich der innere Bereich, und es vollzieht sich eine Übertretung, die nirgends als vollendete Tatsache präsent ist. Man richtet sich nie im Überschreiten ein und man wohnt nie außerhalb. Die Übertretung setzt voraus, daß die Grenze immer wirksam sei.”. Das heißt auch, daß am Ende einer bestimmten Arbeit “der Begriff des Darüberhinausgehens oder der Übertretung selbst verdächtig werden” kann.

Bereits die Intention der Auflösung der Medien im elektronischen Raum müßte demnach dekonstruiert werden, indem wir die Grenzen der Medien und die des elektronischen Raums sowohl von innen als auch von außen her markieren, um ihre letztliche Konsistenz im Fluß ihres Erscheinens und Wirkens stetig zu verschieben. Die Auflösung der Medien würde durch ein fortwährendes Ausmessen der Neukonstituierung von verschiedenen medialen Bereichen im Zusammenhang mit dem elektronischen Raum verschoben. Dadurch gelänge es, etwas in unser Denken, Sehen und Handeln aufzunehmen, was nicht einfach von der Standardisierung durch binäre Codes vorbestimmt ist. Das würde aber bedeuten, daß die Auflösung der Medien im elektronischen Raum nicht das Ziel, die einzige zukunftsweisende Option sein kann, die wir für unseren fortschreitenden Erkenntnisprozeß benötigen. Um als elektronischer Raum wirksam zu sein, braucht es die Differenz zu den konventionellen Medien, man muß sie aufrechterhalten können unter stetiger gegenseitiger Verschränkung und Neukonstituierung. Das heißt, der elektronische Raum müßte in seinen Voraussetzungen ebenfalls fortwährend in Frage gestellt werden, im Sinne eines doppelten Ausschöpfens seiner Voraussetzungen: nämlich sowohl von innen als auch von außen. Nach Friedrich Kittler hieße das, sich nicht nur von den Effekten des Computers hineinziehen zu lassen, sondern selbst in den Computer hineinzusteigen und die Innereien des Computers als virtuelle Realität für den Benutzer zu implementieren. Benutzer und Maschine könnten sich dadurch gegen sich selbst verschieben und durch Reibung neue Bereiche öffnen. Die Differenz zwischen Programmieren und Benützen würde abgebaut, im Prozeß des Reibens aber wiederaktiviert, verschoben und in einer veränderten Konstitution neu aufgebaut.

aus der Diskussion

  • die auflösung der medien im elektronischen raum (index)

  • intro

  • teilnehmer

  • bernhard vief: digitaler raum

  • heiko idensen/matthias krohn: pool processing

  • heiko idensen/matthias krohn: bild-schirm-denken

  • matthias krohn: bemerkungen zur telematik

  • stichworte der schlußdiskussion


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