Infotext
(1) BESUCH

Am 20./21. Juni 1992 trafen sich Ausstellungsmacher, Radioproduzenten und Theoretiker aus vier Ländern auf Einladung von Beusch/Cassani in einem Gasthaus im südwestfranzösischen S. zum BESUCH (VISITE) IN S. Die Besucher beschäftigten sich intensiv mit Cognacschnecken, Charentesischem Landwein und Iles flottantes, einige zusätzlich mit der “Situation des Huhns in der Bahnhofshalle”*. Wie hätte diese jedoch an einem einzigen Wochenende, erst recht unter den gegebenen Bedingungen, schlüssig erörtert werden sollen? Ende September wurden die Gespräche, im Anschluß an die erste Ausstellung/Sendung zum BESUCH (VISITE) IN S., im Zürcher Niederdorf in kleinerem Kreis fortgesetzt. Der Lokalschluß setzte den Diskussionen allerdings ein vorzeitiges Ende.
Und so kam es, daß für Januar 1993 im Absamer Gasthof Bogner ein Folge-Besuch angesetzt wurde, mit dem Ziel, in bewußter thematischer Reduzierung auf einen Teilaspekt des BESUCHS (VISITE) IN S., die Behauptung des Besuchers und Theoretikers Friedrich Kittler mit den Argumenten von Medienkünstlern zu konfrontieren.
* ”Und wenn Beusch/Cassani dann montieren, dann montieren sie auch hinein in ein Medium, das niemandem von uns gehört, und dessen Verwendungszweck viel weiter ist als alles, was mit Kunst beschrieben hätte werden können. Also Kunst ist es bestimmt nicht. Es ist ein verzweifelter Versuch - Diskurse würde ich auch nur noch zögernd sagen -, etwas von dem, was früher mal Kommunikation, Menschen, Sprache, Rede, Nachrichten waren, trotz allem hin-überzubringen in dieses seltsame Reich aus Silizium und Hochfrequenzwellen, das absolut nicht für uns gemacht ist. In einer Bahnhofshalle steht ein Huhn, und das Huhn gehört da nicht hin, weil die Bahnhofshalle nicht für es gebaut ist”.

(Friedrich Kittler am 21. Juni 1992 in S., vgl. Seite 35 der Publikation/CD zum BESUCH (VISITE) IN S.)


(2) IN EINER BAHNHOFSHALLE STEHT EIN HUHN
(ALSO KUNST IST ES BESTIMMT NICHT)

16./17. Januar 1993, Absam bei Innsbruck

Das elektronische Moderationssystem REFLECTOR, der eine Spur weniger fiktive kleine Bruder des in S. präsentierten Hybridwalkmans VISITOR (wie dieser gemeinsam von Ingenieur Arno Vanloon und Beusch/Cassani entwickelt) funktionierte, gemäß dem Prinzip wonach die Kunst der Moderation eine Kunst der Moderation ist, als inszenierter Ausgangspunkt der Absamer Gespräche. Im Nebeneinander von elektronischer Aufnahme-/Wiedergabetechnologie und einem Mikrofongalgenträger aus Fleisch und Blut provozierte REFLECTOR die entscheidenden Fragen bezüglich der “Hybridform des Medienkünstlers”.
Ein UKW-Sender (107.2 MHz, Reichweite 2 km) spielte Ausschnitte aus den Gesprächen zeitverzögert über vor den Teilnehmern plazierte Radioempfänger wieder ein, mit der unvorhersehbaren Folge, daß ein unbeteiligter Passant die Botschaft von der “illusorischen Kommunikation im elektronischen Raum” in alle Winde bzw. den Pool der FRIENDS OF trug...


(3) FRIENDS OF

Am 16. Januar 1993 fährt Lorenzo Iaderosa durch Tirol Richtung Feldkirch. Ungefähr zehn Kilometer vor Innsbruck, auf der Höhe von Absam, bleibt der Auto-Search seines Autoradios auf 107.2 MHz stehen. Jemand spricht über Zeitachsenmanipulation. Dann folgt eine lange Pause, worauf jemand anderes über Hühner in Bahnhofshallen referiert. In der nächsten Pause legt Iaderosa eine Kassette ein: “Das schneid’ ich mit”. Um herauszufinden, in welchem Umkreis die Gesprächsfetzen zu empfangen sind, dreht Lorenzo Iaderosa einige größere und kleinere Runden um Absam, bevor er sich aus dem Sendebereich von REFLECTOR Richtung Westen entfernt.
Drei Monate später tauchen im Pool der FRIENDS OF BEUSCH resp. CASSANI Ausschnitte aus den Absamer Gesprächen auf. Nachforschungen ergeben, daß Iaderosa, selber nicht Mitglied der FRIENDS OF, seinen Wagen und damit die Kassette an eine Bekannte von Karola Roncey, eine Freundin von Tom Dill, ausgeliehen hat. Dill, seines Zeichens ein FRIEND OF der ersten Stunde, hat die Kassette an Reto Amrein, Anhänger der Amreinschen Strömung innerhalb der FRIENDS OF, weitergegeben, der die Absamer Ausschnitte schließlich im April in den Pool einspeist etc.
Fortsetzung im Kunstradio (voraussichtlich Herbst 1993).

(Ende 1992 wurden Beusch/Cassani in einer lakonischen Mitteilung über die Gründung der Gruppe FRIENDS OF BEUSCH resp. CASSANI informiert. Seither beschäftigen sie sich mit der Beobachtung dieser Gruppe, deren Zielsetzung offenbar, anders als zunächst vermutet, über den Aufbau einer “Welt aus lauter FRIENDS” hinausgeht.)


aus TRANSIT#2
Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum

  • In einer Bahnhofshalle steht ein Huhn index

  • Teilnehmer des Kunstgesprächs

  • Aus den Absamer Gesprächen

  • Beusch/Cassani Biographie

  • Bildmaterial


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