Albert Mayr: Die Gesprächsrunde
Zeit-Design als ästhetisches Konzept


Seit Jahren beschäftigt sich Albert Mayr mit Zeit-Design als ästetischem Konzept. In zahlreichen Workshops und Seminaren setzte er mit immer neuen PartnerInnen seine Vorstellungen von der Gestaltung der Alltagszeit in künstlerische Arbeit um. Für die Radio-Gesprächsrunde lud Albert Mayr zwei RundfunkredakteurInnen, einen Kulturveranstalter, einen Komponisten und einen bildenden Künstler ins ORF-Landesstudio Tirol.

Aufgabe der Geladenen war es nach Vorgaben von Albert Mayr aus den eigenen Wortmeldungen zum Thema “Zeit/Alltagszeit” und unter Beachtung von Parametern wie Dauer, Lautstärke, Verhältnis von Geräusch und Stille, Sequenz usw. eine Kollektivkomposition zu gestalten.




Zur Rundfunkfassung der Gesprächsrunde


Rundfunkarbeit, auch künstlerische, ist - von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen - Arbeit mit und innerhalb von vorgegebenen, festen zeitlichen Gerüsten. Dauer, Häufigkeit und Sendezeit von Programmen sind weniger das Resultat von übergreifenden Gestaltungskonzepten, nach denen jeder Rundfunktag, jede Rundfunkwoche eine immer neu in Angriff zu nehmende Komposition darstellen: Dauer, Häufigkeit und Sendezeit werden vielmehr in den oberen Etagen der Anstalten nach Kriterien festgelegt, die nicht nur Medien-Laien, sondern auch den Machern häufig nicht so ganz einsichtig sind. Zeit gilt dabei allemal als linear zu verrechnende und verhandelbare Dimension. Damit fügt sich der Rundfunk bruchlos in die Zeitorganisationsschemata der industriell-bürokratischen Zivilisation. Ob das für immer so zu sein habe, ist eine Frage, die es sich lohnte, einmal grundsätzlich angegangen zu werden. In der Kunstradio-Sendung, von der hier die Rede ist, klingt sie wenigstens an.

Die “gesprächsrunde”, Grundlage der Sendung, ist ein schmales Büchlein, das 1992 als erstes Heft der Workshop-Reihe Zeit-Design erschienen ist. Darin habe ich in geraffter Form einige Übungen festgehalten, die ich seit mehreren Jahren bei Seminaren über kreative Zeitgestaltung einsetze. Solche Seminare halte ich an verschiedenen Orten: in Galerien, Ausbildungsstätten, im Rahmen von Veranstaltungen zeitgenössischer Musik, usw. Das Büch-lein besteht im Wesentlichen aus einer Reihe von graphischen Partituren mit Gebrauchsanweisungen. Die Partituren sind, von der Anlage her, durchaus anderen Partituren im Bereich der experimentellen Musik vergleichbar.

Neu ist hingegen das “Material”, für das die Partituren Strukturierungsmodelle bereitstellen: es geht um die zeitliche Gestaltung, also um die formale Komponente, einer Reihe von Gesprächsrunden, wie sie bei Arbeitstreffen, Round-table-Diskussionen oder ähnlichen Gelegenheiten vor sich gehen können. Kennzeichnend für unseren Umgang mit Klang und Zeit ist es, daß wir bei solchen Gesprächen unser Augen- bzw. Ohrenmerk ausschließlich auf die inhaltliche Seite richten. Das zeitliche Gerüst dafür wird meist nach konventionellen und banalen Schablonen zurechtgezimmert und keiner schert sich besonders darum, außer wenn ein präpotenter Redner es über den Haufen wirft. Wir haben vergessen, daß in traditionellen, hochstrukturierten Gesprächssituationen, etwa in der Liturgie der verschiedenen Religionen, aber auch in alltäglichen Transaktionen präindustrieller Gesellschaften, der zeitlichen Struktur der Lautäußerungen fast das gleiche Gewicht wie der inhaltlichen Seite zukommt.

Dies scheint uns heute schwer nachvollziehbar. Doch denken wir daran, daß wir uns im räumlichen Bereich anders verhalten: wir erwarten - und werden darin auch nicht enttäuscht -, daß auch die alltäglichsten Gebrauchsgegenstände, Autos, Zahnbürsten, Zeitungen, daß die Räume in denen wir leben und arbeiten, nach nicht nur funktionalen, sondern auch formalen Gesichtspunkten gestaltet werden. Eine vergleichbare Verbindung von Funktionalem und Formalem versucht das Zeit-Design für die zeitlichen Abläufe des täglichen Lebens zu erreichen. Die gesprächsrunde ist ein Beispiel dafür, wie in einem begrenzten Rahmen verschiedene Personen ihre Vorstellungen zur zeitlichen Gestaltung eines Vorgangs in der Gruppe klarer erkennen können, wie sie ihr gestalterisches Potential einsetzen und zu einer kooperativen Zeitgestaltung gelangen können. Wesentlich dabei ist der Vergleich mit der Ausarbeitung und Ausführung einer kollektiven Komposition, also der Bezug auf die ästhetische Komponente, darin unterscheidet sich Zeit-Design vom Time Management mit seinem vordringlich auf Effizienz ausgerichteten Zugriff. Die inhaltliche Seite der gesprächsrunde besteht darin, daß die TeilnehmerInnen über ihren Umgang mit Alltagszeit berichten, über zeitliche Konflikte wie positive Zeiterlebnisse. Die Gruppe erarbeitet mehrere Versionen mit verschiedenen formalen Lösungen.

Die Ausgangsfragen sind: Wann? Wie lange? Wie oft? Darauf beziehen sich die Paramater:
- Unterteilung der für jede Version verfügbaren Gesamtdauer;
- Reihenfolge der Wortmeldungen der TeilnehmerInnen;
- Laut/Stille/Verhältnis im Rahmen der Wortmeldungen;
- Überlagerung der Wortmeldungen.

Für jede Version wird die Partitur erstellt und ausgeführt. Dabei wird die Zeit streng quantitativ, mit der Stoppuhr gehandhabt. Das mag auf den ersten Blick den erklärten ästhetischen Zielsetzungen zuwiderlaufen: doch einerseits soll damit keineswegs eine linear-quantitative Konzeption von Zeit verabsolutiert werden, andererseits ist in diesem Fall der Ansatz genau umschrieben: in einer Situation des Alltagslebens, aus der quantitativ gemessene Zeit nun mal nicht wegzudenken ist, eben mit solcher Zeit gestalterisch umzugehen. Gerade dadurch ergibt sich ein ausdrücklicher Bezug zu den “Rundfunkzeiten”, wie ich sie eingangs skizziert habe.

Für den Rundfunk, bzw. die vorgegebene Sendedauer von 42 Minuten, habe ich die gesprächsrunde folgendermaßen eingerichtet: nach vier Versionen, oder Vorrunden, in denen die Teilnehmer und Hörer mit einigen Möglichkeiten der Gestaltungsparameter vertraut gemacht wurden, haben wir gemeinsam eine Gesprächskomposition von 12 Minuten erarbeitet. Das Wegfallen der visuellen Komponenten der Partituren (für die Hörer) wurde teilweise durch klangliche “Veranhorchlichungen” der Strukturen im Zeitraffer kompensiert.

An der Aufnahme der gesprächsrunde am 16. April 1993 im Landestudio Tirol des ORF wirkten mit: Hellmut Bruch, bildender Künstler; Gerhard Crepaz, Kulturveranstalter; Heidi Grundmann, ORF Kunstradio; Albert Mayr, Gesprächsleiter; Wolfgang Praxmarer, ORF Tirol; Gunter Schneider, Komponist.


aus TRANSIT#2
Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum

  • Die Gesprächsrunde index

  • Albert Mayr Biographie

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