Thomas Feuerstein: eprom
“Erst seit wir elektromagnetische Bilder, unterlagenlose ‘reine’ Information haben, können wir hoffen, dem Fluch des Vergessen-werdens zu entrinnen.”
Vilem Flusser

In den derzeit gängigen Computersystemen werden zwei unterschiedliche Speichersysteme eingesetzt: DRAM-Bausteine, (Dynamic Random Access Memory) die den flüchtigen Arbeits-speicher bilden und nur für winzige Bruchteile einer Sekunde (ca. 15µs) Daten speichern können, und EPROM-Bausteine (Eraseable Programmable Read Only Memory), Festwert-speicher in denen meist das Betriebssystem von Computern gespeichert ist.

“Doch ist nicht alles, was im Augenblick zu sehen ist, nur ein Trug der Unmittelbarkeit? Ist nicht alles nur die unangebrachte Durchsuchung einer Kolonne vorüberziehender Elemente, aus denen der Blick sich seine Kriegsbeute zusammensucht?”
Paul Virilio

Während DRAMs dauerhafte Stromversorgung und eine permanente Erneuerung der in ihnen gespeicherten Daten benötigen, können EPROMs einmal programmiert ihre Daten dauerhaft speichern. Nach dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik neigt jedes System zu wahrscheinlicheren, ungeordneten, chaotischen Zuständen; zu Informationszerfall. Die in einem EPROM gespeicherten Daten können durch Energiezufuhr gelöscht werden. Durch ein “Fenster” das am Gehäuse des Schaltkreises angebracht ist, wird der Speicherchip mit UV-Licht bestrahlt, wodurch sich die Speicherzellen entladen und in der Folge neu programmiert werden können.

“Man muß sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will. Alles verschwindet.“
Paul Cézanne

Die Makro-Fotografie eines Silizium Speicherchips wird digitalisiert und in einem externen EPROM fest gespeichert. Die Speicherzellen dieses EPROMs werden von einem Computer permanent ausgelesen, und die darin gespeicherte Bildinformation auf dem Computermonitor dargestellt. Der EPROM der ohne Lichtschutz-Etikette vor dem Computermonitor plaziert ist, wird so dem Licht des Computerbildes ausgesetzt. Durch die von der Bildröhre des Monitors emittierten UV-Strahlen wird der Speicherinhalt des EPROMs zunehmend zerstört. Jede gelöschte Speicherzelle wird zu einem weißen Bildpunkt, die Gesamtstrahlung des Monitors nimmt zu und beschleunigt den Prozeß. Die Betrachtung des eigenen Abbildes löst die Information darüber auf.
Im Gegensatz zur herkömmlichen Vorstellung vom Bild, benötigt das Computerbild keine äußere Lichtquelle um sichtbar zu werden. Der Monitor ist nicht nur sein eigener Beleuchtungskörper, das Bild selbst ist das Licht seiner Darstellung. Erreicht die Lichtstrahlung die zur Bildbetrachtung notwendige Energie so beginnt sie zugleich das dargestellte Bild auszulöschen. Das in seiner physischen Realität anwesende, abgebildete Material wird mit der Information über seine äußere Form konfrontiert. Das immaterielle elektronische Bild des Monitors negiert den Objektcharakter der dargestellten Dinge. Der Gegenstand löst sich auf in den Anfang einer Informationskette. Der Gegenstand der Darstellung ist das informierte Objekt selbst, als Träger der dargestellten transitorischen Information.
x-space - Gerfried Stocker / Horst Hörtner

“Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht”
Friedrich Nietzsche

Für die rein formale Praxis der Herstellung von Bildern sei die Annahme gestattet, daß sowohl Produktion als auch Reduktion bildlicher Elemente transformative Prozesse darstellen, um einen “Zustand zwischen Entropie und Form” zu finden. Den ersteren könnte man mit Tendenz, den zweiteren mit Latenz beschreiben. Am geläufigen Beispiel einer Schwarz-Weiß-Graphik läßt sich die Thematik der Produktion “eraseable and programmable” und der Rezeption “read only memory” exemplarisch belegen. Da konventionelle Kunstwerke grundsätzlich passiv geschaut werden wollen und allein auf einer intellektuell interpretatorischen Ebene mit ihnen interagiert werden kann, stellen sie klassische Festspeicher dar. Sie können als “factory roms” bezeichnet werden, die nur der Hersteller, also der Künstler (später eventuell der Restaurator), nicht aber der Betrachter, in ihrem Inhalt oder ihrer Form ändern kann. Nur bei der Produktion oder - im Falle einer Überarbeitung - wieder bei der Postproduktion sind die Bilder entsichert, d.h. beschreibbar oder löschbar. Eine außerhalb dieses Rituals der symbolischen Entsicherung des Werkes Einfluß nehmende Energie wurde in der gesamten Kunstgeschichte als störende und das Werk gefährdende Wirkung angesehen. Peinlichst genau suchte man Techniken zu entwickeln, die die Lösungsmittel- und Lichtechtheit der Pigmente gewährleisten, um Farbtonveränderungen zu vermeiden, oder zumindest so lange wie möglich hinauszuzögern. Erst an der Schwelle vom 18. zum 19.Jhd. begann man sich für diese Störeffekte zu interessieren, und Bilder nicht nur unter den symbolischen Bedingungen der Repräsentation, sondern auch unter ihren physikalisch realen Bedingungen zu untersuchen. Mit der Fotografie wandelten sich Bilder von “factory-roms” zu “eraseable and programmable roms” und im heutigen Monitor Stadium ist das Bild kein Festwertspeicher mehr, sondern ein flüchtiges “dynamic-random-access-memory”.

Entscheidend war also die Frage, was mit Farben oder allgemeiner mit Bildern unter physikalisch realen Bedingungen geschieht, und die Photo- bzw. anfangs die Heliographie, die vom Sonnenlicht geschwärzte (eigentlich gehärtete) Grafik gab darauf die Antwort. Man nahm erstmals Materie selbst und beschränkte sich nicht allein auf ihre Gestaltung beziehungsweise ihre Symbolwerte. Die Bildproduktion war nicht mehr auf Transzendenz, sondern auf ihre eigenen Produktionsbedingungen ausgerichtet. Die “vom Licht des Bewußtseins erhellte Oberfläche” verbirgt eine diesseitige Tiefe, “die ebenso unergründlich ist wie das Jenseits, aber trotzdem zum irdischen Hier und Jetzt gehört”, und dieser Einsicht entspringt nach Gotthard Günther “die erkenntnistheoretische Situation der Kybernetik”. Günther setzt der Transzendenz die “Introszendenz” entgegen, “weil hier das Denken nicht aus der Welt zu einem jenseitigen Himmel emporsteigen, sondern immer tiefer in das Innere der “Materie” und ihre Reflexionsfähigkeit hinabsteigen will”. Dieser entscheidende Vorgang, den wahrscheinlich keine Kultur je zuvor in dieser Radikalität vollzogen hatte, läßt sich auch innerhalb der Kunst in der Reflexion ihrer medialen Bedingungen ablesen.

Die Installation “eprom” von Gerfried Stocker und Horst Hörtner thematisiert die realen Bedingungen ihrer medialen Arbeit. Ihre Intervention provoziert eine Konfrontation des Rechners mit seinen Teilen: keine Kommunikation zwischen Rechnern oder Mensch und Rechner, sondern - viel fataler ! - ein solipsistisches Operieren des Rechners mit sich selbst.

Die Metaphysik des Rechners liegt nicht in seiner Software versteckt, sie verbirgt sich in seiner Hardware. Der Chip, der das Bild seiner äußeren Erscheinungsform in codierter Form in sich trägt, wird über Monitor mit seiner eigenen Oberfläche konfrontiert. Der angesprochene Wandel der Bilder kommt hier voll zur Wirkung, denn das Bild bleibt nicht als Schein an der Oberfläche, sondern wandert in die realen Bedingungen seines Entstehens ab. Das Bild geht sozusagen unter seine eigene Haut und unterwandert seine eigene Repräsentation. Umgelegt auf konventionelle Malerei bedeutet das, daß das Bild hinter der Leinwand zu liegen kommt. Es werden keine Abbildungen von den Dingen der Welt mehr produziert, sondern das Bild wird in einem kontinuierlichen Wandel in Einklang mit dem Wandel des Milieus als Resultat der Auswirkungen seiner Interaktionen gebracht, d.h. das Bild rechnet sich nicht für seine Produzenten und Rezipienten, es rechnet für und mit sich selbst. Mit “eprom” wird ein mögliches “Bild” der Zukunft, der sich selbst programmierende Ontologie-Chip mit implementiertem Zufallsgenerator (Bildschirm) heraufbeschworen. Der Rechner als Philosoph, als Platoniker auf der Suche nach seinem Urbild - oder doch nur die gefürchtete insufficientia data?

Thomas Feuerstein


aus TRANSIT#1 Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum

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