Jon Rose: Monolog eines Geigers
Nun, eigentlich sollte ich Sie wohl im Cafe willkommen heißen. Etwa mit “Guten Abend” oder “Hatten wir nicht wunderbares Schiwetter” oder “Wie hat Ihnen die Bergwanderung gefallen” - - - aber das werde ich nicht sagen. Das ist alles so deprimierend. Ja, so ist es - ich bin hier im Cafe Central der Hausgeiger und ich sage dir, nach 19 Jahren in diesem Job suchst du dir die Leute aus, die du begrüßt. Es ist eine sehr gemischte Kundschaft, die wir hier bekommen. Da sind die Künstlertypen, wie der eine mit dem lächerlichen Hut - wie war eben sein Name. Ach ja, Joseph Beuys. Ich glaube, sie haben für ihn irgendwo einen Erlebnispark errichtet, als er starb - eine Menge von Hüten und Kunsttheorien. Ja, mit diesen Typen ars est celare artem. Aber genaugenommen sind die meisten dieser Kaffeehaussitzer einfach unscheinbar, stumpfsinnig und langweilig. Das war auch Fidel Castros Meinung. Das letzte Mal, als er zu einer Konferenz hier war, kam er auf einen “Schnaps” herein - auch er schien ziemlich deprimiert. Aber ich verstehe seinen Standpunkt - er muß sich mit all diesen amerikanischen Touristen abfinden! Ich hatte nichts gegen Fidel und spielte einige lateinamerikanische Nummern für ihn. Er war doch auch ein Fremder so wie ich. Manchmal spielst du etwas, von dem du annimmst, daß es gut ankommt (du weißt, gepflegt ausgedrückt, sehr entre nous und en rapport) und sie brechen in Tränen aus und fangen an mit Heimat und all diesem Unsinn. Das bringt dich dann so weit, daß du dich auf die Gitarre oder irgend ein anderes einfaches Instrument verlegst. Ich seh’ das so, wenn jedermann vergäße, wo er geboren wurde, könnte sich das Geschäft des Kaffeehaus-Geigers wieder etwas erholen. Seit Jahren geht es damit bergab. Es kann - wie ich schon sagte - sehr deprimierend sein. Oh, da ist Demetri wieder mit seiner Tango Nummer - tempus fugit, ja, und ob. Er hätte warten können, bis ich von der Küche herausgekommen bin, bei dieser Melodie komme ich immer einige Takte zu spät. Das ist das faute de mieux Militärstück, der Tango handelt in Wirklichkeit vom Krieg - er ist überhaupt nicht sexy. Als ob du es zu Tangomusik machen würdest. Du tätest dir dabei weh. Die Leute haben einen abwegigen Geschmack. War da nicht ein junges Mädchen letzte Woche, die einen Schönberg verlangte. Schönberg! In einem Kaffeehaus? Nun, wir haben unter den Umständen unser Bestes gegeben - ein kleines Arrangement des dritten Satzes aus seinen Variationen für Orchester Opus 31, wenn ich mich richtig erinnere. Machen wir uns nichts vor, das ist alles nur wegen der Atmosphäre. Die meisten Leute hier könnten keine Monk von einem Mozart unterscheiden. Heutzutage kannst du alles als “Jazz” bezeichnen und sie werden sagen: “Wie schön”! So wie die Yuppies glauben, das müssen sie sich anhören, sobald sie ihren zweiten roten BMW gekauft haben. So wie sie erwarten, der Disco-Zeit zu entwachsen - weltmännischer oder so zu werden. Dann kommen sie daher und sagen Dinge wie “Hey, spiel etwas Leichteres”. Das deprimiert mich wirklich, glaube mir. Dann fange ich an, falsche Noten zu spielen. Das wiederum führt dazu, daß ich noch mehr falsche Noten spiele, so als ob falsche Noten noch mehr falsche Noten nach sich ziehen würden. Es fängt an, mir wirklich Spaß zu machen, all diese falschen Noten zu spielen, so wie Jascha Heifitz zu spielen pflegte. Dann gibt es Beschwerden. Tut mir leid, sage ich non compos mentis. Und dann ersuchen sie das Management, mich leiser zu stellen. Mich leiser stellen! Mein Gott, die haben einen Vogel, ich spiele akustisch! Ich bin kein verdammter Roboter. Weißt du, es ist einfach verwunderlich, wie sehr die Leute in diesem Lokal beschimpft werden wollen. Ich glaube, sie sind alle auf einer Art sado-masochistischem Trip. Letztes Jahr hatten wir Frank Sinatra hier und direkt vor ihm hab ich aufgehört zu spielen und hab ihm eine meiner Sicherheitsnadeln durch seine Nase gestochen. Er verdrehte nicht einmal die Augen, sagte: “Guten Tag” und “Sind Sie mein Fahrer?”, zuckte ein paarmal, gab mir $100 Trinkgeld und fragte nach der Toilette. Ich vermute, daß er im obersten Teil seines Körpers nichts empfindet. Zufällig saß Sigmund Freuds Enkelin gerade am Tisch daneben. Sie war entsetzt und gleichzeitig irgendwie entzückt. Sie kam direkt herüber und sagte mit einem Lächeln, das sei aber keine Art für einen Juden, sich zu benehmen. Ich sagte, ich sei kein Jude, aber sie ließ das Nein nicht als Antwort gelten. Sie sagte, Sie spielen doch Geige. Ganz sicher haben Sie den verdrängten Wunsch, ein Jude zu sein, abgesehen davon kommt es zur Zeit auch in Mode. Viele Musiker rennen herum und sagen, sie seien Juden, obwohl sie es gar nicht sind. Dann ging sie zur Herrentoilette, wahrscheinlich um Frank die gleiche Frage zu stellen wie mir. Ich bewundere solche Leute und trotzdem macht es mich sehr niedergeschlagen. Dann beginne ich, den Kunden leid zu tun, sie bestellen mir ein Getränk - - - und kommen mir mit Floskeln wie “Mensch, wie schaffen Sie es, sich all diese Stücke zu merken?” Dann komme ich ihnen mit Simonides. Er war einer jener griechischen Philosophen, du weißt ja, die auf Moussaka und reichlich Ouzo stehen. Also beschließt Scopas, dieser politische Typ, im Tempel ein großes Fest zu geben; so etwas wie eine Acid House party, nur daß sie alle sitzen und Pilze statt Drogen zu sich nehmen. Nach einigen Stunden ist Simonides wirklich vollgetankt mit Retsina und geht hinaus zum Pinkeln. Im nächsten Moment entscheidet sich einer der Götter für seine Nummer - ein Erdbeben. Der Tempel stürzt ein, jedermann wird zermalmt in eine unkenntliche Masse, Ende der Party - - - aber noch nicht das Ende der Geschichte. O.K., also erscheint der Leichenbestatter mit einer Anzahl von Namensschildern unterm Arm, um die Leichen zu sortieren. Da gibt es viel Wehklagen und Zähneknirschen, niemand kann herausfinden, welcher Fleisch- und Knochenstoß zu wem gehört, die Überreste sind einfach unkenntlich. Wie in einer normalen Massenkarambolage auf der Autobahn. Kommt Simonides daher: beruhigt euch, alles wird ex more. Ich habe mir die Sitzordnung aller 243 Gäste am Tisch genau gemerkt, keine Angst; aide-toi, le ciel t’aidera. Ich habe eine revolutionäre und gerade aktuelle Untersuchung über das Erinnerungsvermögen durch örtliche Zuordnung angestellt. Schlußendlich waren die Angehörigen in der Lage, den richtigen Stoß von Überresten zu sammeln; der Bestatter konnte die Namensschilder in der richtigen Reihenfolge anbringen; Simonides wurde reich und berühmt; alles war leiwand. Wenn ich die Geschichte beendet habe, sehe ich normalerweise eine Reihe verständnisloser Gesichter vor mir - was hat das alles zu bedeuten? Und das ist wirklich deprimierend. Ich hoffe auf ein Erdbeben, aber es kommt keines. Wozu brauchen wir Bedeutung? Der gute Renoir hatte die Antwort parat - er würde einer seiner Nackten über den wunderbaren Arsch streicheln und dabei lächeln. Vor einigen Tagen habe ich einen dieser Kunstkataloge durchgesehen, das war - na ja, ein wenig bedrückend. Diese jungen Künstler haben wohl gelernt, ihr Werk in den höchsten Tönen anzupreisen, wenn du es dann aber betrachtest, wirst du sehen, daß da kein Inhalt, keine eigene Vision ist und absolut kein Blut in den Adern rinnt. Auch das gehört zu diesem Job, du hast Zeit, alles in dich aufzunehmen. Die Leute glauben, du konzentrierst dich auf die Musik. Das ist Unsinn. Ich verbringe hier meine Zeit damit, jedes einzelne dieser Kaffeehausgesichter zu studieren und ich betrachte, was hinter jedem Gesicht vor sich geht. Nicht viel. Das hat mich früher sehr bedrückt. Jetzt sammle ich einfach die Informationen und lege sie ab unter verschiedenen Überschriften wie - Nicht So Deprimierend, Normale Depression, Sehr ernste Depression, etc. Ich könnte dir eine ziemlich vollständige Liste jener Leute geben, die zum Beispiel an Tisch Nummer 13 saßen und sich in einem Endgültigen Sehr Ernsten Depressiven Zustand befanden. Edward Teller (der Erfinder der Wasserstoffbombe) war ein solcher Fall, nachdem er erkannt hatte, daß seine kleine Erfindung nie zur Anwendung gelangen würde. Auch Paul McCartney erging es so, als er bemerkte, daß es niemand der Mühe Wert fand, ihn umzubringen. Laurie Anderson - so erinnere ich mich - war ein weiterer Fall, aber jeder Geiger hätte für ihre mißliche Lage Verständnis. Mehr überraschen würde es dich wahrscheinlich, wenn ich dir von Leuten erzähle, die bei ihrem Besuch hier de profundis kaum bedrückt waren. Saddam Hussein zum Beispiel ist in seinem Innersten ein unbekümmerter Kumpel und stets zum Lachen aufgelegt; ich habe ihn in die Kategorie Selten Deprimiert eingestuft. Auch Kaiser Nero muß wohl ein solcher Typ gewesen sein; heute ein paar Christen ausradieren, morgen Rom anzünden und alles beobachten, während er auf der Geige die Notenskala übte. In meinem Beruf kann man das alles sehr gut verstehen, de gustibus non est disputandum. Ein Fall von que sera sera oder vielleicht noch besser von quid pro quo oder gar sic transit gloria mundi. Meine Einstellung ist die eines Logischen Positivisten - du kennst ja Wittgenstein, Schlick und die anderen. So wie sie würde auch ich sagen, Deo gratias, daß es mehr Möglichkeiten gibt, als entweder richtig oder falsch. Etwas könnte auch bedeutungslos sein. Brauchen wir zum Beispiel wirklich Statements über die Bedeutung des Lebens, die reine Tautologie oder nicht überprüfbar sind? Wenn ich plötzlich an Tisch Nummer 23 etwas zu spielen anfange, hat mir dann Gott aufgetragen, meinen Arsch dorthin zu bewegen, oder habe ich das aus meinem eigenen freien Willen gemacht? Ich erinnere mich, gerade diese Frage einmal Jean-Paul Sartre gestellt zu haben, als er an Tisch Nummer 15 saß - kurz vor seinem Tode. Er war hier auf der Flucht vor seinen Pariser Studenten und einer Schar von Geliebten. Ecce homo; er schaute auf, legte eine längere Pause ein und sagte dann “Es gibt nur Eines, was man als Beweis für einen existierenden Gott ansehen könnte; wenn es möglich wäre, in einem deutschsprachigen Land ein Steak zu essen, das nicht zu lange gebraten wurde”. Nun gut, das ist ein Standpunkt. Ich glaube es wäre möglich, den Beweis zu erbringen. Er entschuldigte sich für seine deprimierte Stimmung, meinte aber, er fühle sich nicht wohl nach dem Steak und überhaupt. Als er zur Toilette eilte, schrie er noch jenes berühmte klassische Zitat zurück “der Weg hinauf und hinunter ist ein und derselbe - Heraklith”. mens sana in corpore sano oder veni, vidi, wc. Ich ging nach ihm hinunter und sah, daß er an seinen eigenen Worten noch zu kauen haben werde. Er mag früher vielleicht kerngesund gewesen sein, aber die Zeichen waren klar an der Wand. Er hatte in der Tat die Katze aus dem Sack gelassen und mußte sich jetzt damit abfinden. In vino veritas. Als etwas später am Tisch daneben ein junger Zeitgeistler, den zeitlosen Konnex zum Griechischen erkennend, fortissimo herausschrie “Mögen Sie Kronos?”, glaubte ich für einen Augenblick, er meinte das neue Designer Klopapier In memoriam Jean-Paul S., das erst seit kurzem ipso facto zum Einsatz gelangt. “Das ist ein super Streichquartett und die machen alles super und wunderbar und leicht verständlich und sie kommunizieren wirklich und man findet wirklich einen Zugang und es steckt so viel drin und es ist super und alles und ” - - - die Depression wurde plötzlich drückender. Seit wann wurde etwas in der Musik Interessantes in der Volkskultur sofort ein erfreulicher Hit? Ich kenn’ mich da aus. Wenn ich anfange, etwas Ausgefallenes zu spielen, wird die Kundschaft gleich sauer und bestellt keine weiteren Getränke mehr. Wie der Chef es ausdrückt - - - Sie sind nicht da, um Musik zu machen, Sie sind das menschliche Antlitz des Geschäftes. Schauen Sie, daß die Leute kaufen und kaufen und kaufen, bis es Zeit ist zu gehen. Ich habe immer geglaubt, daß die Künstler in einer anderen Umgebung arbeiten als ich. Aber das hat sich alles geändert, jetzt wollen sie Teil dieses Geschäftes mit der Volkskultur werden - unterstützen die gleiche Wirklichkeit, in der ich zu arbeiten habe. Einige von ihnen fragen sogar mich um Geigenstunden - keine Chance, ich habe Besseres zu tun, als ein paar Papa- geien zu füttern. Hättest Du Interesse daran, heute im Unterhaltungsgeschäft weiter zu kommen? Dann, dernier cri, gleich mit Cage. Ja, wir haben ihn natürlich auch schon da gehabt. Erst mußte er mit I Ching herausfinden, an welchen Tisch er sich begeben solle. Mein Kollege Boris Becker glaubt, John Cage wurde der offizielle Prügelknabe unter den komplexbeladenen Musikwissenschaftern und er sollte wissen, wovon er spricht (Boris ist in der Tat einer der Intelligenzriesen unserer Zeit - sein Geschwindigkeitslesen von Goethe’s gesammelten Werken auf einer CD erweist ihn als Meister in der Beherrschung seines Faches). Dieser Kerl Cage also schrieb gute Bücher mit guten Ideen. Ich meine, du könntest sie nicht mehr anzweifeln als die Mutterschaft. Es ist einfach nett. So wie Stille umweltfreundlich ist, aber eben nicht existiert. Also, nett. Aber was bringt es einem arbeitenden Musikanten? Wenn ich in jemandes Salat ein Kontaktmikrophon plaziere, beschwert sich 1. der Küchenchef, daß ich sein French Dressing ruiniere, 2. verläßt der Kunde verärgert das Lokal und 3. bekomme ich kein Gehalt mehr - die Arbeitsbedingungen werden zunehmend unfreundlicher. Wie dem auch sei, er schwebt jetzt sowieso in höheren Sphären, aber ich glaube, er hat’s nicht leicht, dort oben im Himmel. Muß sich eine Ewigkeit lang diese Stille anhören. Ich glaube, nach einigen Millennien wird er darum betteln, in die Hölle zu kommen. Dort unten ist es ziemlich laut, glaube ich, mit all dem ständigen Schreien und dem Gebrüll der Prediger: “Seht, wir hatten doch recht!”. Immerhin hat er für mich einige Servietten signiert, die ich gut an den Mann brachte, seit er die Kartoffeln von unten ansieht. Ja, die Berühmtheiten kommen wirklich zu uns. So wie jener Rosenberg. Mein Gott, was für ein Wichser. Er hat mehr Theorien à bon marché entwickelt, als ich warme Mahlzeiten gehabt habe. Er glaubt, daß seine Unified Music Theory das “Zeitalter des Shopping” voraussagt - es beschreibt die heutige Kultur als den permanenten Schlußverkauf. So wie: da gibt es eine Menge Dosen im Regal mit den verschiedensten Etiketten, aber alle sind leer. Auch die Entwicklung der Kultur dauert an, aber da ist kein Inhalt - und wie wir alle wissen ars longa, vita brevis. Also Rosenberg glaubt, daß die Dosen alle voll Nichts sind und Cage glaubt, es sind alles Dosen randvoll mit großartiger Musik. Was ist zu tun? Laß deine Piepen da und wähle aus, das ist es. Und ich glaube, ihnen beiden fehlt eine Schraube im Gehirn. Was ist mit mir, was weiß denn ich, ich bin hier ja nur der Hausgeiger und ein bißchen deprimiert. Amende honorable. Es ist wohl Zeit, daß ich mich zu Tisch Nummer 17 begebe, ich sehe gerade, daß heute Abend Christa Wolf da ist. Vielleicht kann ich sie ein bißchen aufheitern - nun gut, das ist doch eine Aufgabe, nicht? Se non è vero, è ben trovato.


Auszug aus “Violin Music in The Age of Shopping” von Jon Rose.
Übersetzung: Jacqueline Schweighofer-Smith


aus TRANSIT#2
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