Lucas Gehrmann: Stretch Cadillac
“STRETCH CADILLAC”, 1. Satz
Do. 22. April 1993, 22 Uhr 15
ORF Kunstradio, Österreich 1

In einem langgestreckten (“stretch”) Cadillac lassen sich ManfreDu Schu, der Künstler Klaus Scherübel und der Philosoph Andreas Lindermayer durch Stadt und über Land chauffieren. Dokumentierende Reisebegleiter sind zwei Richtmikrophone: eines im Fahrgastraum, eines unter der Motorhaube des “Stretch” montiert.

Teil der Arbeit ist diese Information, die beim Informierten unwillkürlich ein Bild entstehen läßt, das unvermeintlich wohl mit Erwartungshaltungen verknüpft ist - etwa zwischen Hollywoodschinken, Kunstphilosophiedisput, Three men in a boat und “...drinnen saßen stehend Leute, schweigend ins Gespräch vertieft...” oszillierend, je nach Bildervorrat.

De facto passiert während dem 37-minütigen Hörstück, das ein Zusammenschnitt der Reiseaufnahme ist: nichts. Jedenfalls nichts gemäß der Erwartung. Kein Disput, keine Information, keine Verfolgungsjagd..., nur das von Stadt zu Land (= Autobahn) immer monotoner werdende Blubbern von 12 Zylindern und dann und wann eine eingestreute verbale Banalität, smallest talk, very boring.

Wahrgenommen werden Motorenklang und gelegentlich Stimmliches, und allmählich erhalten diese Geräusche Eigenwert - das von uns zuerst aufprojizierte Bild der Bedeutungsschichten verblaßt und der “innere Klang”, wie Kandinsky wohl gesagt hätte, tritt hervor, die Geräusche werden zu “rein sinfonischer Musik” - als Gegensatz zu Programmusik verstanden. Zugleich aber “erFÄHRT der Hörer einen Zustand der Illusion, der Stereotypisierung, in den die Insassen des Wagens offenbar geraten sind”, schreibt ManfreDu Schu, was auch bedeutet, daß nun doch wieder “Bilder” ins Spiel kommen. Aber solche Bilder sind nicht dem Gehirnvorrat entnommen, sondern sie kommen eher aus der Magengegend, manifestieren sich gefühlszuständlich unbestimmt und werden von uns produziert, nicht reproduziert, der nonverbale Klang wirkt maieutisch. Dazu ein alter Text von Karl Linke über Arnold Schönberg (1912): “Alles, was unter dem Bewußtsein wie ein Traum lebt, kann in einer günstigen Stunde gehört werden und bewußt. Das ist schon Musik. Sie hat eine enorm fließende Kraft und baut nach keinem der Gesetze, die wir kennen. Sie hat einen Rhythmus, wie auch das Blut seinen Rhythmus stößt und wie alles im Leben in uns Rhythmus ist... Sie hat Harmonien, aber wir können sie nicht fassen und nicht analysieren und ihre Themen finden wir nicht...”

Warum gerade Kandinsky, Schönberg, 1912, Zeit des Expressionismus und des Hangs zum Gesamtkunstwerk? Die Utopien sind geplatzt, der Mensch (nach?) der Postmoderne treibt durch die Welt im Bewußtsein des Fragmentarischen seiner Weltsicht - was treibt den Künstler heute wohin? Ich habe den Eindruck, daß ManfreDu Schu in den Gräben und Bruchstellen zwischen den treibenden Fragmenten bohrt und seine Funde mit allen Mitteln der Kunst (musikalisch, sprachlich, zeichen/bildsprachlich) zur Darstellung bringt, ohne sie aber auf einen Haufen, den Haufen der erzwungenen Synthese, zu werfen.

Um aber allfällig lauernden Interpretationsölflecken auf der Kunststraße auszuweichen, seien hier noch einige Bruchstücke aus ManfreDu Schu’s UBIUBI-Theorie hintangestellt, untertitelt mit “Die Form noch Kunst zu treiben oder die Überwindung der Einzelwissenschaft” (Katalog Galerie Theuretzbacher, Wien [1990], S. 7 ff):
“Alles Wirkliche ist das Loslösen von Gesetzen im andauernden Brüchemachen. Es ist was der Kunst hilft, aber die Wissenschaft mißlingen läßt.

Sie, die Wissenschaft, hat keinen Platz geschaffen für UNGEWISSES, sie schenkt uns die Gesetze und will andauernd um uns werben. Um nun weiterarbeiten zu können, um die Kunst wie die Nässe der eigenen Haut zu spüren, muß man TEILE fordern und diese als BRUCH verwenden...”

“Einer der wichtigsten Punkte, der der Kunst zum Experimentieren verhilft, wenn nicht der Hauptpunkt, ist: das LÄRMENDE GROSSE RAUSCHEN. Es ist eine SPRACHE, eine Sprache an sich, die zwischen uns herrscht, und das einen Grund, den Grund der Kunst, in eine Form setzt, - sie denkbar macht! Dieses LÄRMENDE GROSSE RAUSCHEN entspringt dem Werk und ist Träger von Botschaften. - Botschaften die ihren URSPRUNG vergessen haben. Und so bleibt und verharrt es stehend, zu einem weiten RAUM werdend, in diesem Zustand des RAUSCHENS. Dieser Raum, zwischen Werk und Beobachter, füllt sich, die völlige Kohärenz verlierend, immer mehr auf und macht sich eigenständig; - damit die Gesetze als Bruch erscheinen können, die ein Werk bestimmen. Denn die Sprache, dieses seltsam gefiederte Ding, erfüllt sich erst zur Gänze durch ihre vollständige ABLÖSUNG vom WERK, von dessen KLANG.”

“Es muß eine neue Sprache entwickelt werden, die sich nicht auf Begriffe hin klären erläßt, um die Fesseln dieser Begrifflichkeit zu lösen. Es wird eine Sprache sein, angereichert durch Informationen des LÄRMS, des SUMMENS sowie des PFEIFENS ...”
“Dieses Über-hören verstärkt die Sicht auf Realitäten und bringt sie ausgewählt, in einer ÜBERSPRACHE, zum Vorschein, - macht den Beobachter unnütz.
Die Kunst braucht keine Beobachter!”


“AND GOD SAVE US”, 2. Satz
Do. 29. April 1993, 22 Uhr 15
ORF Kunstradio, Österreich 1

Auch diese Arbeit verlangt eine kurze Vor-Information des Hörers: Zwei Menschen boxen mit(gegen)einander - Andreas Lindermayer und ManfreDu Schu stehen im Ring, der Fight ist kein Spiel, folgt den Regeln des Sports, Austragungsort ist das Wiener Prater Stadion. Schiedsrichter ist der Amateurboxer und Galerist Engelbert Theuretzbacher, als Coach fungiert Klaus Scherübel, als Punkterichter Wolfgang Stengl, beide Künstler. Über den Köpfen der beiden Boxenden je ein Mikro.

Die Aufnahme bringt den Kampf pur, ohne Kommentar, ohne Publikumsgeräusche = Reaktion, wir hören/erfahren nichts als den “schweren Atem, die Leichtigkeit der Beine, den Rhythmus der Schritte und der Schläge, Schmerz, Trauer, Hoffnung und Zweifel ...”. Bei Weglassung der Kulisse verdichtet sich der Kampf zum Psychodrama des Zuhörers. Wir sind es, die augenlosen Einzelbeobachter, die der Form einen Inhalt geben. “Die Illusion und Fantasie der Hörer setzt dann ein, wenn das Spiel keinen Regeln mehr folgt, sondern nur mehr der Erzeugung mythischer Klänge und der Initiation des Rhythmischen dient: Kampfphasen und der weitere Verlauf werden aus dem Gehörten eruiert und interpretiert.” (M.Schu)


aus TRANSIT#2
Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum

  • Stretch Cadillac index

  • ManfreDu Schu Biographie

  • Bildmaterial


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