Über das Radio (hinaus)
Maschinisierte Kommunikation produziert nicht Fiktion, sie produziert und ist selbst ein Teil von Simulation. Die Simulationen des Fin de Siecle waren Zeitschnitte und Zeitsynthesen am analogen Material zum Beispiel kleiner Bildchen, genannt bewegte Photografie, Kintop. Aber der Rohstoff blieben Bilder, analoge Aufzeichnungsmedien als Ergebnis eines bestenfalls elektrochemischen Prozesses.

Jetzt werden die Bildchen selbst zerlegt und berechnet, in Punkte oder Graphen, Vektoren und Pixel und können auf allen Achsen gebogen, zerdehnt, zermalmt und gefaltet werden. Jetzt werden Tonsignale 40.000 mal in der Sekunde elektronisch zerhackt und zerschnitten, und die Amplituden und Kondensatorwerte eines solchen Tonschnitts in der Größenordnung eines 40sten Teils einer Millisekunde in 8 oder 12 Werten abgespeichert. Ein unvorstellbar schneller und unvorstellbar massiver Vorgang, genannt Digitalisierung. Um eine Minute Stereoklang, Ton, Stimme oder Geräusch auf diese Art zu speichern, entsteht mit marktüblicher Technik in meinem PC derzeit ein Berg von 1,6 Millionen Zeichen, was in Buchform gedruckt einen 800 Seiten-Wälzer ergeben würde. Pro Minute.

Alle niederfrequenten Signale, egal ob es sich bei ihnen um Bewegtes, Starres, Verdoppeltes, um Töne, Bilder, oder Schriftzeichen handelt, schlicht also alles Meßbare kann beliebig ertastet, periodisiert und damit simuliert werden, gleichviel ob es überschallschnelle Raketen sind oder nur unsere bekanntlich sehr langsamen Hör- und Bild-Wirklichkeiten. Digitalisierung heißt: Nur was berechenbar ist, ist wahr. Ein Satz, der das schwierigste Erbe beschwert, das uns die Dialektik der Aufklärung überlassen hat.

Wir stehen am Anfang dieser Welt aus digitalisierten Simulationen aller Dinge der Alltags- und Arbeitswelt. Wir müßten verstehen lernen, daß die Bilder, die Töne oder Zeichen, die in diesen Simulations-Systemen gespeichert sind, immer zugleich Werte und Adressen sind. Sie sind also mehr, als sie sind: Werte und Inhalt und Adresse von anderem Wert und Inhalt zugleich. (1) Digitalisierung simuliert also die expandierenden, maschinisierten Sehnsüchte in unserer verbildlichten, vertonten und codifizierten Welt. Digitalisierung ist aber auch ein Produkt jener Etappe auf dem Weg der Eroberung des elektromagnetischen Frequenzbandes, die ein militärisches Strategem war und bleibt. Mediale Vervielfachung heißt sein derzeitiges Gesetz. Die Welt ist heute mit hunderten und aberhunderten Satellitenkanälen vernetzt, die das einlinige Übertragungsproblem aus den Anfängen unseres Mediums Hörfunk längst erledigt haben. Vervielfachung von Übertragungsmedien, die ihrerseits nur eine Codierung kennen, nämlich die digitale, das macht jeden denkbaren Zeitmultiplex- und maschinisierten Austausch von Medien in Medien möglich.

Es geht dann schlicht darum, dort wo ein Bild ist, noch mehr haben zu wollen, wo eine Tonkulisse tönt, weitere zu etablieren. So sieht die Tarnkappe unseres Medienmixes heute aus. Das ist der Kommunikationsfortschritt unserer Gesellschaften seit den 60er Jahren, die sich derzeit vor allem in der Expansion nutzbarer Frequenzen, und d.h. zu deutsch: in noch mehr und noch mehr Hörfunk- und Fernsehprogrammen materialisiert. Eine Expansion, wie gesagt, die direkt und ganz immanent aus der Maschinisierung von Kommunikation folgt, welche im zivilen Bereich erstmals in den Aufzeichnungsmedien der 60er und 70er Jahre, Multitracking und Frequenz-Analysing, sichtbar wurde.

Ihr rezeptives Gegenstück bei Hörern und Zuschauern ist jenes dumpfe Haben-Haben-Haben-Wollen, das derzeit die Szene des Massenmedienkonsums durchherrscht. Es greifen nahezu pseudoarchaische Riten einer Potlatch-Begeisterung Platz, wo es doch nur um neueste Gags einer expandierenden Simulation geht. Auf diesem Feld der elektronischen Kommunikation herrscht, wenn die Türe einmal so weit aufgestoßen ist, nur ein schlichtes Gesetz: mehr, mehr und noch einmal mehr.

So war die Einführung der kommerziellen Medien in Deutschland (das duale System), wie ZDF-Intendant Stolte sagt (2), in der Tat durch technische Veranlassung erzwungen. In Österreich ist das ganz ähnlich. Was soll denn ökonomisch oder gar kulturell daran genannt werden, wenn reale technische Simulationsmaschinen schlicht aufgrund ihres inneren Gesetzes danach drängen, ununterbrochen readressiert zu werden?

Dieser Prozeß der Medienexpansion ist also alles andere als außer Kontrolle geraten. Vielmehr kontrolliert er sich selbst so gut, wie es keine Zensur besser vermöchte. Jeder von uns ist heute gezwungen, wenn wir nicht der Botho Strauss’schen Eremitenideologie folgen wollen, in Systemen maschinisierter Kommunikation zu agieren, sowie auch kein Musiker mehr anders kann, als sich der computergestützten Selbstzerlegung seiner Musik zu unterwerfen und zu bedienen. Und also haben wir alle auch Teil an der technisch erzwungenen Expansion der elektronischen Simulationswelten.

Eine weitere Folge: Elektronische Medien operieren auf allen Übertragungskanälen mit militärischen Signal- und Befehlsflüssen nahezu gleichrangig, - der Golfkrieg war dafür ein guter Beweis. CNN, der Satellitenkanal, konnte sich - zunächst ziemlich einsam - auf der Höhe des Krieges befinden, weil dies der wohl erste vollständige Satellitenkrieg war. (3)

Die Korps der Marines, die Panzer- und Artillerieverbände in den Wüsten von Desert Storm benutzten im Rahmen ihrer Airland Battle Doktrin nun auch handelsübliche Laptops und Portables, um Aufmarschpläne und Angriffsziele graphisch abzubilden und vernetzten sich über Leitungsdrähte oder kleine Satellitenempfänger mit dem Ziel, die follow on forces, also die zweite Staffel des Gegners zerstören. (4)

Dies zeigt die neue Qualität des militärisch-industriellen Dispositivs vernetzter Digitalsysteme: die für das Militär ganz problemlose und ganz offen proklamierte Koexistenz von zivilen und militärischen Signalflüssen auf ein- und demselben Kanalgeflecht. Da es sich bei digitalen Informationsströmen um kein analoges Material mehr handelt, steht der Empfänger solcher Botschaften vor einem Berg aus Zahlenreihen, vor einer beliebig großen Riesenzahl, die in seine Summanden zu zerlegen nach Adam Riese prinzipiell unmöglich ist. Sender und Empfänger digitaler Datenströme bringen also auch das Marconi-Problem, nämlich daß Rezeption immer auch Interzeption bedeutet, zu einem für die Militärs praktikablen Abschluß. Nur exorbitante Super-Computer einer feindlichen Macht könnten jedes gegebene Übertragungsprotokoll wieder rekonstruieren, nicht aber Entwicklungsstaaten wie der Irak, denen zuvor noch wochenlang jede elektronische Empfangsmöglichkeit zerbombt wurde, und schon gar keine Radiobastler einer nicht mehr existierenden Arbeiterbewegung

. Computernetze dieses Ausmaßes, die mittels Satelliten und Digitalisierung die Position einzelner Soldaten über zehntausende Kilometer in Echtzeit in die Lagezentren des Pentagon übermitteln, sind schon während “Desert Shield”, also in der Simulationsphase des Golfkrieges, in Aktion gewesen. Man hat in Amerika Pläne aufgelegt, diese zielgenauen Kommunikationssysteme auch für Leitsysteme im polizeilichen Bereich einzusetzen, z.B. für die Drogenbekämpfung. Gewiß jenseits solcher direkt militärischen Einflüsse stehen wir in Deutschland, Österreich und Europa an der Schwelle der Einführung eines neuen Rundfunk-Systems, das eine neue Art der Kontrolle und Leitung wichtiger Zivilbereiche unseres Lebens übernehmen soll: Sein Name ist DAB (5) (Digital Audio Broadcasting) und es wird ab 1995 in den großflächigen Test gehen.

Zunächst 6 Stereo-Hörfunkkanäle können damit auf Gleichwellensendern betrieben werden, was heißt: Von Rosenheim bis Flensburg kann, ohne den Sender zu wechseln, digital Radio gehört werden. Das wird am Anfang der Kanal 12 im Zweiten Fernsehband sein, der europaweit für DAB vorgesehen ist. Die Gleichwelleneigenschaften von digitalen Übertragungssignalen sollen dann auch im UKW-Bereich Eingang finden.

Digitales Radio aber heißt: Übertragung ist Steuerung; das Datenpaket, das hier versendet und von einer neuen Generation intelligenter Empfänger verarbeitet werden wird, enthält nämlich nicht nur die Audio-Daten und -Werte der übertragenen Musik und Sprache; sondern auch beliebig viele parallele Steuersignale, die Musik von Wort, laut von leise, Pop von Klassik, Hörspiel von Feature, Nachricht von Kommentar beliebig trennen lassen; jede Audio-Information wird codierbar sein und also sind die Empfänger dieses Radios kleine programmierbare Computer. Damit ist das Ende des Radios eingeläutet, das Ende der einlinigen Übertragung einer Quelle von einem Sender zu einem Empfänger. (6)

Und also lassen Sie über Nacht das digitale Autoradio in ihrer Garage auf Sparschaltung angeschaltet und werden feststellen, daß am Morgen alle Lampen auf rot stehen: und im kleinen Display, das solche Geräte haben, steht: Auto heute zwecklos. Ein kleiner Drucker, wie er in den Taxen schon für die Quittungen existiert, könnte ihnen aber gleichzeitig ein von BMW gesponsertes Ticket für die nächste Bahn auswerfen; und die wiederum, über den gleichen Kanal getriggert, würde bereits in verstärkter Frequenz fahren, um auch all die anderen BMW-Besitzer zu ihrer Arbeitsstelle zu bringen. Am Bahnhof erwartet sie ein kleines nettes Frühstückspaket und ein heißer Kaffee der BMW-eigenen Catering-Firma. Dies wäre der Anfang der harmlosesten aller möglichen Geschichten aus der Zukunft unserer westlichen Industrienationen, die auf Verkehrsinfarkte und ökologische Katastrophen unaufhaltsam zugeht und paramilitärische Leitungs-Instrumentarien wie DAB und andere braucht, um nicht, wie noch vorgestern einige amerikanische Städte und heute in den Städten des Ostens, urplötzlich nihilistische Götterdämmerungen zu erleben. Neue Plots für kommenden Dramaturgien von Radiokunst dämmern heran: sie warten darauf, geschrieben und das heißt: programmiert zu werden.


aus TRANSIT#2 Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum

  • Ein Medium zwischen Krieg und Digitalisierung

  • Die Tarnkappe

  • Weh dem, der sieht

  • Die Funkwellen und der geistige Strom

  • Dort Hitler, Ich Reportage

  • Fiktion und Simulation

  • Die Auswanderung der Klänge


  • beyONd RADIO Index

  • Wolfgang Hagen Biographie


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    (1)
    Digitalisierung produziert keine romantische Sehnsucht, sondern eine andere Art von Sucht: nämlich eine maschinisiert optimierbare. Bilder, Töne und Zeichen werden durch Bits und Bytes repräsentiert, die z.B. die Amplitudenwerte eines Tons oder eines gesprochenen Satzes, eine Klangfolge, beinhalten, und also zum Ausgangspunkt, zur Referenz oder Adresse von Operationen herhalten können, die mit dem, was Töne und Worte beinhalten, nichts zu tun haben. Eine Speicherstelle im Computer ist immer Wert und Referenz; gespeicherter Inhalt und Adresse von Inhalt, die auf andere Speicherstellen zeigt, die wiederum Inhalt und Adresse repräsentieren. Call by reference oder call by value; wer diese in beliebig viele Dimensionen zeigenden Achsen in digitalen Systemen verstanden hat, kann sie auch programmieren.
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    (2)
    Dieter Stolte, Fernsehen am Wendepunkt, München 1992, S. 20
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    (3)
    Nach dem Vietnam-Desaster wird der Generalstabschef der USA, Admiral Moorer, so zitiert: “If there is a World War III, the winner will be the side which controls the use of the electromagnetic spectrum”. Und natürlich war und ist die Kontrolle eines erdumspannenden Abtastnetzes aller elektromagnetisch aufspürbaren Informationen heute wie vor zwanzig Jahren eine Sache gigantischer militärischer Computernetze. Aber der Computer ist selbst zum Medium geworden, spätestens seit der Marktfreigabe des IBM-PC’s im Jahre 1981. Heute dürften schätzungsweise 100 Millionen PC’s auf der Welt in Funktion sein und auch ihre Vernetzung durch hunderte von weltweiten inter- fido- und anderen Netzen steht quantitativ den militärischen Netzen wohl kaum nach.
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    (4)
    Ute Bernhard/Ingo Rühman, Computer im Krieg: die elektronische Potenzmaschine, Typoskript 1991, S. 12 ff.
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    (5)
    Georg Plenge, DAB - Ein neues Hörfunksystem - Stand der Entwicklung und Wege zu seiner Einführung, in: Rundfunktechnische Mitteilungen 1991, Jg. 35, Heft 2, S. 45 ff.
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    (6)
    Denkbar wird und vorgesehen ist mit DAB, daß Sie nicht einen Sender wählen, sondern die Wunschtaste - Easy-Listening, Hörspiel, oder Nachrichten oder Sport - drücken und dann wird der Empfänger in einem der 6 oder 12 oder 24 Sender das Gewünschte suchen und einstellen, follow-ups berücksichtigen oder automatisch wichtige Meldungen durchschalten. Digitales Radio ist, mit einem anderen Wort: ein intelligentes Hör-Leitsystem und ein raffiniertes Verkehrs- Leitsystem dazu. Deswegen wird es auch massiv von der Industrie finanziert und deswegen, denken Sie an unsere Verkehrsinfarkte, wird es auch kommen und Massenmedium werden. (zurück zum text)