Fiktion und Simulation
Die Fiktion hat ihre Heimat in der schönen Literatur, einer entfalteten Welt der sprachanalogen Schrift. Bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein wurde laut gelesen, vorgelesen; die leise Intimität der literarischen Romantik, Goethes, Flauberts und Dostojewskijs, still gelesen, entfaltet aus dem einfachen Buchkanal die vollendete “fiction” des bürgerlichen Individualfirmaments.

In dieser Welt gibt es ein Ja und Nein, gibt es Affirmation und Negation, das fortgesetzte Spiel von Ab- und Anwesenheiten. So einfach, so alphabetisch und analog geht es auch im eindimensionalen Nachrichtenkanal Radio zu, solange hier nur ein Sprecher, dort nur ein Hörer steht. Die Negativität des Sichtbaren verschiebt sich unmittelbar zur Affirmation einer nahezu kosmischen Fiktion.

Das verändert sich völlig, wenn dieser Kanal unterbrochen wird durch den Einschub von Speichermedien, die die analogen Flüsse der Information manipulieren. Und das heißt: wenn der Zeitfluß, die Zeitachsen und die zugehörigen Raumsymmetrien der Klangereignisse planmäßig durcheinandergebracht werden. Das Zuvor und Danach, das Zugleich, die Längen und Kürzen werden kalkulierbar, und das ist Simulation. Simulatio ist ein alter römischer Rechtsbegriff: “Simulo”, das heißt: ich sage, daß etwas ist, das nicht ist, oder dissimulo: ‘ich verhehle’, ich negiere das, was ist. (1)

Die Simulation tritt in die Medienwelt, sobald diese mit Maschinen aufwarten kann, die Realitätsausschnitte, Informationen und Daten berechnen, in Teile zerlegen und wieder zusammensetzen können. Und zwar nicht mehr im Kopf bei der stillen Romanlektüre, sondern ganz real. Simulation wird erzeugt schon um die Jahrhundertwende im Film und seinem getakteten Einzelbildschnitt; gemildert wird der filmische Simulationseffekt durch den abgeschlossenen Raum der Vorführung: das Kino, das, wie ein Theater, die fiktionalen Einheitsbedingungen von Raum und Zeit noch scheinbar aufrechterhält. Aber jenseits des Kinos existiert der Film damals schon auch - als ein industrielles und psychologisches Medium, aus dem Sigmund Freuds Psychoanalyse die Patterns der Traumdeutung beziehen wird (2) und Fredrick Winslow Taylor seine “time and motion studies” zur Einführung der industriellen Fließbandproduktion gewinnt. (3)

Der Unterhaltungsrundfunk aber blieb lange eine analoge Fiktion, weil er ein strategisches Dispositiv militärischer Befehlsflüsse zu repräsentieren hatte, das zu unterbrechen, zu manipulieren und damit selbst zum Thema zu machen fast einer bolschewistischen Sabotage gleichkam. (4)

Goebbels hat zwischen März und Mai 1933 das Radio, das eindimensionale kosmogene Medium, das wegen seiner Einlinigkeit Schuld, Angst und kosmogene Affekte fiktiv werden läßt, gnadenlos in den Dienst der Simulation faschistischer Allmacht gestellt. Das faschistische Radio hat hunderttausende Menschen mobilisiert, nicht aus Zufall, wie im War of The World-Hörspiel des Orson Welles fünf Jahre später, sondern nach einem kalkulierten Plan.

Immerhin kam ja wenigstens die Hälfte der Tiraden, die die SA-Männer auf Straßen und Plätzen paradieren ließ, von Wachsplatte, während Orson Welles vor seinen Mikrophonen noch immer live agierte und nachher vollkommen überrascht war, als tausende Hörerinnen und Hörer planlos und kopflos auf die Straße stürzten, noch während die 57 Minuten Fiction von der Invasion der Marswesen gesendet wurde.

Bei der technisch so aufwendigen Reichsrundfunkfeier vom 1. Mai, durchsetzt mit vorproduzierten Platteneinspielungen und gestellten Live-Takes hatte Goebbels nichts dem Zufall überlassen. Die metaphysische und fiktionale Tarnkappe dient Goebbels nur zum Zweck und also endet die Inszenierung wie es im Tagebuch bereits Monate zuvor zu lesen war: Gewerkschaftsverbot und Kommunistenverhaftungen am Tag danach.

Der 1. Mai 1933 war auf den deutschen Sendern ein Tag, wie es radiohistorisch keinen zweiten mehr geben sollte. Der Höhepunkt der Allmachtsphase des Radios, wie ich sie nennen möchte, und zugleich ihr Abschluß. Nur einmal noch, am Beginn des Krieges, also für den Auftakt dessen, auf das die Nazis offen und klar von Beginn an Alles angelegt hatten, mußte auch ein faschistischer Medienzauber noch einmal in Gang gesetzt werden. Für den Überfall auf Polen haben Goebbels-Hitler im August 1939 bekanntlich einen simulierten Angriff auf den Rundfunksender Gleiwitz inszeniert. (5)

Zwei Wochen später steuert General Guderian seinen Kommandopanzer tief in polnisches Gebiet hinein und kann stolz verkünden, er sei der erste Kommandierende, der seine Korps und Panzerdivisionen unmittelbar auf dem Gefechtsfeld befehlige. (6) Ausgerüstet mit modernstem UKW-Funk hält er Verbindung mit allen Einheiten, zu der nachfolgenden Infanterie ebenso wie zu den Luftverbänden. UKW ist selbstredend nicht freigegeben für den Unterhaltungsrundfunk, obwohl das Ultrakurzwellenband schon seit den 20er Jahren technisch dafür reif gewesen wäre, wie der inzwischen verjagte Hans Bredow und auch der entlassene Oskar Czeija im RAVAG-eigenen Entwicklungslabor in Wien hatten demonstrieren können. Radio-Simulation spielt im finalen Szenario faschistischer Macht, im II. Weltkrieg selbst, also nur noch einen schwachen Part. Was jetzt zählt, sind die realen Funkverbindungen. Radio ist wieder fest in militärischer Hand und wichtigstes Werkzeug an allen Kriegsfronten.

Was die ungetümen Wachsschallplattenmaschinen z.B. im Berliner Haus des Rundfunks betraf, so reichte es, daß sie die Wiederholung der gelegentlichen Hitler-Reden garantierten, und im übrigen für Sportsendungen zu Diensten waren. Wie auch in Österreich werden Sportübertragungen vor Ort live aufgenommen und dann von Wachsplatte im Funkhaus als sogenannte “Stochersendung” gefahren. Zahllose versierte Techniker heben auf den markierten Stellen der Platte den Tonarm ab und lassen ihn Millisekunden später auf eine gleichfalls markierte Einsatzstelle niedersinken.

Und so kommt es, daß solche revolutionären Innovationen, wie die Einführung des Spulentonbandgerätes im Reichsrundfunk im Jahre 1941, ebenfalls nur Sekundärprodukt des Kriegs sind. Um die hochspezialisierten Techniker, für jene Stochersendungen unentbehrlich, an die Front entlassen zu können, wird die weit bedienerfreundlichere Tonbandmaschine angeschafft. Und es entsteht ein uns so vertrautes Berufsbild: die Frau als Cutterin an der K1, T9, M10 und M15. Schnitte und feinste Manipulationen im Audio-Material sind nun in bester Frauenhand.


aus TRANSIT#2 Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum

  • Ein Medium zwischen Krieg und Digitalisierung

  • Die Tarnkappe

  • Weh dem, der sieht

  • Die Funkwellen und der geistige Strom

  • Dort Hitler, Ich Reportage

  • Die Auswanderung der Klänge

  • Über das Radio (hinaus)


  • beyONd RADIO Index

  • Wolfgang Hagen Biographie


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    (1)
    “Das Verhalten des Redenden hat - indem zu der einfachen Affirmation oder Negation: 1. affirmo id quod est und 2. nego id quod est, noch die Kombinationen: 3. affirmo quod non est und 4. nego id quod est hinzutreten - 4 Möglichkeiten. Die 3. und 4. Möglichkeit werden im Lateinischen als Verhalten speziell begrifflich bezeichnet durch die Verba simulo ‘ich simuliere’ (etwas nicht Vorhandenes) und dissimulo ‘ich verhehle’ (etwas Vorhandenes).” Johannes Lohmann, Philosophie und Sprachwissenschaft, Berlin 1965, S. 274. Und weiter: “Insbesondere stellt sich so gesehen dann auch die Entwicklung der Mathematik im lateinisch bestimmten Abendlande, gerade in ihren wesentlichen Zügen, als ... ‘Integration der Negation (in der Gestalt einer der ‘positiven’ Setzung gleichberechtigten Operation) in das Denken’, und also nur als die Weiterführung der, wie ausgeführt, in der lateinischen Sprache bereits formal begonnenen Entwicklung der Heraushebung der ‘operationellen’ Funktionen der Aussage aus dieser dar. (...) Die Idee der ‘Wirklichkeit’ als Gegenstand eines operativen ‘Kalküls’ stellt nach dem Ausgeführten den Abschluß einer Entwicklung dar, die von der in der Gestalt der klassisch-lateinischen Schriftsprache zuerst faktisch verwirklichten, und später dann allmählich aus dem Status einer ‘effektiven’ in den der bewußten Reflexion überführten Denkform der sprachlichen Aussage als ‘Urteil’ letztlich ideell bestimmt wird.”, ebd., S. 277 f.
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    (2)
    Thorsten Lorenz, Der kinematographische Un-Fall der Seelenkunde, in: F.A.Kittler u.a. (Hrg), Diskursanalysen 1 Medien, Opladen 1987, S. 108 f.
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    (3)
    Fredrik Winslow Taylor, The Act of Cutting Metals, 1906. Uns an Taylor so dringend gemahnt zu haben, bleibt sein Verdienst: Alfred Sohn Rethel, Materialistische Erkenntniskritik und Vergesellschaftung der Arbeit, Berlin 1971, S. 52
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    (4)
    Bestenfalls den Geheimdiensten waren Overspeed-Technik, Backtracking oder Millisekunden-In-serts zu Verschlüsselungszwecken erlaubt. Canaris hat bekanntlich für seine Geheimcodes das Magnetophon benutzt.
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    (5)
    Wie alle Wiederholung von Tragödien eine schwache Farce: Als polnische Soldaten verkleidete reichsdeutsche Spezialeinheiten überfielen jenen Sender, um einen Vorwand zum Losschlagen zu liefern.
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    (6)
    vgl. Heinz Guderian, Erinnerungen eines Soldaten, Heidelberg 1951, S. 60 (zurück zum text)