Dort Hitler, Ich Reportage
Auch der Minister für Propaganda, 36 Jahre alt, ist bereits ein versierter und erfahrener Radiomacher, als er am 11. Februar 1933 in sein Tagebuch den berüchtigten Satz notiert: “Der Lautsprecher ist ein Instrument der Massenpropaganda, das man in seiner Wirksamkeit heute noch gar nicht abschätzen kann. Jedenfalls haben doch unsere Gegner nichts damit anzufangen gewußt. Um so besser müssen wir lernen, damit umzugehen”. (1)

Anfang Februar ‘33 hatten die Nazis den Reichstag aufgelöst. Sie sollten schließlich durch eine gewonnene Wahl die Macht ergreifen. In seinen Tagebüchern, die über tausende von Seiten nur aus Haupt- und Befehlssätzen bestehen, sich lesen wie die Abfolge eines kärglichen maschinellen Sprachprogramms, Tagebücher, die die Sprache regelrecht verdrängen und nicht einen einzigen zweifelnden Gedanken, keine Überlegung und keine Reflexion enthalten, - in diese Tagebücher notiert Goebbels zwischen Februar und März 1933 wenigstens sieben Inszenierungen einer Radio-Allmachts-Szene, die erkennen lassen, wie die März-Wahl, mit Hilfe von Reichstagsbrand, Kommunistenhatz, Radio und Flugzeug vor allem eine, vielleicht nicht überhaupt die erste Medien-Wahl der Geschichte werden sollte.

world wide waiting

Eben an jenem 11. Februar 1933 beginnt das ganze im Berliner Sportpalast. Goebbels im “off”, also nur für den deutschen Rundfunk zu hören, beschreibt die Szene in und um den Sportpalast in nicht enden wollenden Einleitungsformeln, pathetischen Ritardandi und Hinhaltefloskeln, die nur den simplen, aber äußerst effektiven Zweck erfüllen, die Spannung zu steigern. Er notiert in sein Tagebuch: “Allerdings ist es ein eigentümliches Gefühl, plötzlich vor einem toten Mikrophon zu stehen, während man bisher nur gewohnt war, vor lebendigen Menschen zu sprechen, sich von ihrer Atmosphäre hochheben zu lassen und aus ihren Gesichtern die Wirkung der Rede abzulesen. Zwanzig Minuten lang geht das so, und dann spricht Hitler. Zum Schluß gerät der Führer in ein wunderbares, unwahrscheinliches, rednerisches Pathos hinein und schließt mit dem Wort ‘Amen!’. Das wirkt so natürlich, daß die Menschen alle auf das tiefste davon erschüttert sind. Diese Rede wird in ganz Deutschland einen Aufstand der Begeisterung entfachen. Die Nation wird uns fast kampflos zufallen. Die Massen im Sportpalast geraten in einen sinnlosen Taumel. Nun erst beginnt die deutsche Revolution aufzubrechen.” (2)

So wird die Märzwahl vom Radio gewonnen werden. Radio plus Flugzeug plus Schallplatte. Um die Omnipräsenz des Radios zu verstärken - und nur darum - fliegen Hitler und Goebbels in den folgenden Wochen bis zum 5. März oft mehrmals am Tag kreuz und quer durch Deutschland. Um immer woanders und doch überall zu sein, wie das Radio. Minutenlange Vorrede, eine verklärend-beschreibende Reportage von Goebbels, dann Hitler redend vor brüllenden Massen, das Ganze jedes Mal live über “Hier ist der Deutschlandsender. Hier sind alle Deutschen Sender”, Aufzeichnung auf Wachsplatte und Wiederholung am folgenden Tag. Am 15. 2. Stuttgart; am 17. 2. Dortmund, Westfalenhalle; am 18. 2. München; 19. 2. Köln; 23. 2. Hannover; usw. usw. Goebbels Tagebuch verkürzt schließlich dieses iterative Radioproganda-Konzept in der lakonischen Formel: “Nachmittags nach Cöln. Dort Hitler. Ich Reportage.”(3)

Dort Hitler. Ich Reportage. Die faschistische Propagandamaschine bringt das Radio auf den Begriff. Der Ort des Radios ist, das entdeckt Goebbels sehr genau, die Achse, die den Ort und den Raum des Radios teilt und zerschneidet. Dort der Vorführungssaal, wie Kisch sagt, hier der Verstärkerraum. Dort sprechen, hier hören. Dort Hitler, hier Reportage. Eine Achse, die auch durch die Zeit und den Zeitbegriff geht: Dort früher, hier später: Dort technisch-physikalische Zeit, hier die simulierte Fiktion absoluter Gegenwart. (4)

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Nein wir träumen nicht: 600.000 SA-Männer, Menschen an Zahl einer Großstadteinwohnerschaft, fanden sich am Abend des 8. April 1933 überall auf den Plätzen der Städte des Reichs gleichzeitig ein, um in der Tat im Angesicht von Lautsprechern stramm zu stehen; und damit vor wahrhaft körperlosen Wesenheiten; paradiert wurde vor den Stimmen von Goebbels und Hitler. 1 Million Menschen werden dann auf dem Flughafenfeld in Berlin antreten, um vor der bis dahin größten je aufgestellten Lautsprecherbatterie der Technik-Geschichte zu jubeln, die übrigens versagt, weil am Ende die Transformatoren durchbrennen. Der 1. Mai, ein Tag des Radios, beginnend am Morgen mit Reportagen von der Ankunft der Arbeiterdelegationen, dann Hörspiele und Hörbilder und am Abend: die Hitler-Rede.

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Goebbels Kalkül wußte, wozu das alles dienen sollte. Das macht den Unterschied zu allen Radiotheoretikern vor ihm. Wir wissen aus Goebbelschen Reden, die im Orginalton erhalten sind, daß er sehr genau die Zeitdimension seines Radiokalküls kannte: Simulation ist eine Funktion der Zeit oder einfach gesagt: Man darf nicht immer trommeln. (5) (6)


aus TRANSIT#2 Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum

  • Ein Medium zwischen Krieg und Digitalisierung

  • Die Tarnkappe

  • Weh dem, der sieht

  • Die Funkwellen und der geistige Strom

  • Fiktion und Simulation

  • Die Auswanderung der Klänge

  • Über das Radio (hinaus)


  • beyONd RADIO Index

  • Wolfgang Hagen Biographie


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    (1) - (3)
    Elke Fröhlich (Hrg), Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Sämtliche Fragmente, München
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    (4)
    Der mediale Ort des Radios, wo ist er? Vor oder hinter dem Mikrophon? Der Propagandatechniker Goebbels entdeckt ihn planmäßig im dazwischen. Dort Hitler, Ich Reportage bringt die changierenden Achsen des Radioraums in Bewegung und bewirkt dadurch die Initiierung einer kognitiven Macht, die sich als fortgesetzter Ersatz, als verschobenes Supplement einer unwirklichen Allmacht technisch real inszenieren kann. Aber nur, indem es jene Allmacht weder einfach abbildet, noch selbst Allmacht sein will, wird das Unwirkliche kognitiv wie eine Bewegung von Allmacht wirksam. Denn: “Die Allmacht ist nicht; es ist deshalb, daß sie sich denkt”, sagt der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan. Das Radio ist das ausgezeichnete Medium dieses prekären Allmachts-phantasmas, das, weil es sich fortwährend teilt, nicht ist und umso wirksamer wird. Das ist Allmachts- Simulation auf Zeit, Inszenierung von Wirklichkeit.
    Jacques Lacan, Radiophonie, in: Scillicet 2/3, 1970, S. 89
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    (5)
    Wolfram Wessels, Trommeln für die Volksgemeinschaft, Süd-West-Funk 1983
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    (6)
    Mit der Programmreform 1934 verschwinden praktisch alle wortlastigen Propaganda-Sendungen der gehabten Art aus dem Tagesprogramm des Reichsrundfunks. Denn die Wirkung von Radio ist nie zeitlos absolut. Und noch einmal: Dort Goebbels, hier Kolb. Mitschnitt und Schnitt, also Manipulation der Zeitachsen und rhetorische Verschiebung, die einfachen mechanischen Effekte des Produktionsapparats, mit denen Goebbels das Radio nutzt muß Richard Kolb verleugnen. Während Goebbels den Kanal benutzt und mit seinen Zeitachsen spielt, um Phantasmen zu simulieren, muß Kolb, um den Trick zu verbergen, den Kanal wieder rückstufen auf seine Einlinigkeit. So verweigert der einflußreichste Hörspieltheoretiker dieses Jahrhunderts, Richard Kolb, dem Hörspiel, was für uns heute eher kurios klingen mag, ganz konsequent jegliche Voraufzeichnung und Speicherung. “Bei einem Hörspiel, das uns vorschwebt, handelt es sich um so feine seelische Schwingungen - jeder Hauch wird spürbar - ,daß sie durch Schallplatte nicht wiedergegeben werden können. Das seelische Erleben hat ... seine Kraft nur durch die Gegenwart, durch das gleichzeitige Erleben.” Richard Kolb, a.a. O., S. 502.
    Für Kolb gibt es einen Kurzschluß von Technik und Semantik. Für Goebbels nicht. Kolb erklärt die nachrichtentechnische Basis des Radios, immer und nur Übertragungsmedium zu sein, für eine schlichtes metaphysisches Gesetz. Goebbels handhabt diese Metaphysik wie ein Propagandawerkzeug. Das genau ist der Unterschied zwischen Fiktion und Simulation.
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