wolfgang schäffer: baccacaglia
Die Idee, die der Komposition "Bacchacaglia" von Günther Zechberger zugrunde liegt, ist die Überwindung des (Ein-)Raumes, beziehungsweise die Frage: In welchen Räumen spielt sich Musik ab - im Menschen selbst, in dem Raum in dem er sich befindet (wo also die Musik erklingt), oder fernab dem für uns physisch Wahrnehmbaren?

Den Ausgangspunkt der Komposition "Bacchacaglia" bilden zwei Ensembles in nahezu identer Besetzung an zwei verschiedenen Orten (ORF-Studios Innsbruck und Dornbirn). Beide Musiker-Gruppen sind während der Aufführung mittels Bild- und Tonleitung miteinander verbunden. Weiters existiert in einem der beiden Studios (Innsbruck) ein Computer, der sich durch das Abspielen seiner programmierten Komposition, gleichsam als dritter nur auditiv wahrnehmbarer Klang zu den beiden Ensembles schaltet. Hier kommt die Illusion eines dritten Raumes hinzu.

Durch die Angleichung von synthetischen Klängen an die natürliche Klangfarbe der Instrumente, sollen die Grenzen zwischen Instrumentalklang und Computerklang für den Hörer verwischt werden. Der Ursprung der einzelnen Klangabläufe ist dadurch nicht mehr feststellbar.

Wo spielt sich die eigentliche Musik ab? 
Im Studio I, Studio II, im Computer, 
im Radio, oder schlicht in der vierten 
Dimension der Radiowellen während der 
Übertragung im Rundfunk und zwischen den 
beiden Studios?
Für das Publikum in den beiden Studios, das via Bildschirm- und Tonübertragung, das Ensemble des jeweils anderen Studios sehen und hören kann, entstehen die Fragen: "Was ist Wirklichkeit?" und "Was ist Illusion?"

Dies gilt noch stärker für den Radiohörer. Auch für ihn verschleiert sich das Raumempfinden. Er besitzt jedoch die Möglichkeit sein eigenes Konzert zu gestalten, indem er mittels des Reglers das eine Ensemble auf dem linken Kanal, oder das andere auf dem rechten Kanal abschalten oder leiser stellen kann, sodaß er nur ein Ensemble, bzw. das eine lauter und das andere leiser wahrnimmt. Auch kann er die Musik auf zwei verschiedenen Radioapparaten aufnehmen, um dann später eine eigene Klangmixtur aus dem Zusammenschnitt der Bänder zu produzieren. Weiters kann der Hörer die Radiogeräte auf zwei verschiedene Räume verteilen um so neue Klangaspekte, durch die räumliche Trennung in der Wohnung zu erzielen.

All das wirft zwingend die Frage auf, was eigentlich Musik ist. Ist es die Musik des Ensembles I, des Ensembles II, die des Computers, oder die des Zusammenwirkens aller drei Komponenten im Live-Konzert, bzw. in einer etwaigen Klangmixtur, die sich ein Radiohörer zusammenbastelt?

Wo spielt sich die eigentliche Musik ab? Im Studio I, Studio II, im Computer, im Radio, oder schlicht in der vierten Dimension der Radiowellen während der Übertragung im Rundfunk und zwischen den beiden Studios? Könnte es sein, daß die eigentliche Musik für uns unhörbar im Äther der Übertragung erklingt?

Zechberger richtet diese Frage zunächst an sich selbst, im weiteren jedoch auch an das Publikum. Da Musik heute kaum noch wahrgenommen, geschweige denn bewußt gehört wird, fordert Zechberger uns mit diesem Hörstück auf, uns zu fragen, was das eigentlich ist, was da klingt, woher es kommt, wie es für einen selbst wahrnehmbar werden kann, was es für eine Wirkung hat. Auf alle diese Fragen eine Antwort zu finden, hieße die Quadratur des Kreises zu lösen. Günther Zechberger geht es hier vor allem darum, Anregungen, Denkanstöße und Impulse zu einem anderen, neuen Hören zu geben.

In diesem Sinne ist auch die Bezugnahme auf J. S. Bach im Titel der Komposition zu verstehen. Wie eine Art Leitmotiv sind Passagen aus der 12. Fuge der "Kunst der Fuge" von Bach "permanent in der ganzen Komposition vorhanden - insbesondere im Computerpart (in verschiedenen Versionen, nur unterbrochen durch eine Zwölftonreihe auf dem Motiv b-a-c-h, die anschließend mikrotonal modifiziert wurde). Diese dem Computer gefütterten Fugenversionen werden auf dem Wege der Improvisation (!) = Ändern der "Instrumentation", der Rhythmik, des Tempos, der Dynamik, der Stimmkoordination, Fragmentieren, Zerstückeln ..., in das musikalische Geschehen eingefügt". (Günther Zechberger) Das eigentliche Thema der Fuge wird jedoch nie zitiert, imitiert oder reproduziert. Vielmehr lebt es als fixe Grundidee in der Komposition (= Bezugnahme auf Passacaglia im Titel). Manchmal erscheint sie etwas schärfer, manchmal in Umrissen skizziert. Teilaspekte aus den einzelnen Stimmen der Fuge, die in der "Bacchacaglia" als kleine splitterhafte Passagen auftauchen bilden das Tonmaterial der Komposition.

Der Gedanke, daß Musik von Johann Sebastian Bach permanent im Äther vorhanden ist, brachte den Komponisten auf die Idee, dort anhand der Bacchacaglia ein Treffen zu arrangieren: Musiksignalen von J.S. Bach auf der einen Seite stehen "verwandte" Musiksignale Günther Zechbergers gegenüber.

Auch hier steht wieder die Frage im Raum, was denn Bach nun eigentlich für uns heute ist. Wie wird er gehört, wie wird er empfunden, hat er eine Bedeutung für uns heute oder nicht? Die Antwort bleibt wiederum dem Hörer überlassen bzw. soll sie den Einzelnen dazu anregen sich neu und auf andere Weise mit dem Phänomen Bach auseinanderzusetzen.

Kompositorisch gestaltet sich das Werk in offener Form. Eine Ausnahme bildet lediglich die vorgefertigte Computerkomposition. Für die Musiker existiert ein vorbereiteter Notentext, der ihnen die höchstmögliche Freiheit in der Ausgestaltung der Musik zubilligt (Notenbeispiel 1). Diese freie Ausgestaltungsmöglichkeit der einzelnen Klangabläufe, -Kombinationen und -Reihenfolgen findet ihre größte Entfaltung in den einkomponierten aleatorischen Momenten der Komposition, die im Notentext durch graphische Notation festgelegt sind (Notenbeispiel 2). Die Musiker werden dadurch nicht zu bloßen Reproduzenten, sondern zu aktiven Mitgestaltern des Werkes.

Eine Wiederholung der Aufführung "Bacchacaglia" in identer Form ist daher nicht möglich. Die Musik lebt von der Vitalität der Musiker. Deswegen auch die Beziehung zu Bacchus im Titel des Stückes.

Musikalisch ist die Komposition von den verschiedenen Möglichkeiten der Ton- und Klanggestaltung bestimmt. Zechberger baut ruhige, lang ausgehaltene Klänge ein, entwickelt neue Tonintensitäten durch Glissandostrukturen und nützt die klanggestalterischen Möglichkeiten der einzelnen Instrumente ganz aus, um einen dynamischen Klangablauf zu erreichen. Dabei werden die Mikrointervalle, die der Musik eine eigenwillige Intensität verleihen, miteinbezogen. Ein weiteres wichtiges Moment bilden die Studiotechniker, für die sich ebenfalls Anweisungen in der Partitur einkomponiert finden. Diese werden somit ebenfalls zu Mitgestaltern (Notenbeispiel 3).

Im gesamten gestaltet sich das Werk spannungsgeladen, schwankend zwischen ruhiger Meditation und ekstatischer Explosion. Aber im eigentlichen Sinne ist es eine Musik des Fragens. In der "Bacchacaglia" wird über die Klangkomposition und die Raumkonzepte hinaus an die Hörer, aber auch an die Musiker die Frage gestellt : "Was ist Musik?". Will man sie beantworten, stößt man immer wieder auf neue Fragen, neue Antworten, die wiederum neue Fragen aufwerfen.

Für Günther Zechberger selbst ist diese Fragestellung zur Triebfeder seines Komponierens geworden.

So fasziniert die "Bacchacaglia" nicht nur als spannungsgeladenes Klangstück, sondern fordert jeden einzelnen auf, sich auf die Fragen, die das Stück aufwirft einzulassen, um so vielleicht zu einem neuen, hinterfragten Hörbewußtsein zu gelangen. In diesem Sinne kann die Komposition von Zechberger auch als eine Art musikalisches Philosophieren verstanden werden.


aus TRANSIT#1 Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum

  • bacchacaglia (index)

  • "bacchacaglia" - real audio

  • projektbeschreibung

  • günter zechberger: wiederholbares - nichtwiederholbares

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  • günter zechberger composer

  • biographie günter zechberger

  • ticom tyrolean ensemble of contemporary music


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