Reinhard Braun:
AUTOMATISIERTES RADIO
Das Projekt "Automatisiertes Radio" war einer der Beiträge von TRANSIT für die Ausstellung "Kunst und Kultur im ORF" im Innsbrucker Kongreßhaus vom 17. Dezember 1992 - 6. Januar 1993. Das Projekt ist nicht für diesen Anlaß konzipiert worden, sondern bereits 1991 im Zusammenhang mit Konzepten und Projekten zur Automatisation von klang- bzw. musikerzeugenden Systemen - etwa "Evolution 1,2" 1989, "Reactio" 1990 und zuletzt "Kammerkonzert für Stumme Diener 7" 1992. Dabei handelt es sich um die Arbeit an der Entwicklung von automatisierter Computermusik und von kybernetischen Modellen zur Steuerung von elektronischen Musikgeräten. Mehrere Projekte von Winfried Ritsch, teilweise in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Bernhard Lang, mit dem Ritsch im Jahre 1990 das "Klangatelier Algorythmics" gegründet hat, drehen sich um diese Verbindung eines Klang-Environments und seiner Steuerung durch Computersysteme, d.h. um die Verbindung eines speziellen (digitalen) klangerzeugenden und eines - im weitesten Sinn - ästhetischen Systems. Letzteres wird aber als ein System des Betrachters, Hörers gedacht; Winfried Ritsch geht davon aus, daß diese Systeme ein Ausgangspunkt für eine ästhetische Mikrowelt sein können - die Welt des Besuchers, seiner Assoziationen und Erfahrungen.
Es entstehen objekthältige Systemräume, 
Klangräume, die allerdings mitunter
Klangsequenzen erzeugen, die sich als 
Ton-Stücke von dieser Skulptur abziehen 
lassen und etwa als unabhängige
Radiostücke gesendet werden können.
Die skulpturalen und/oder ästhetischen Ebenen bilden dabei sozusagen das Vehikel für ein spezifisches Konzept: automatisierte musikalische Strukturen zu erzeugen und diese durch den Betrachter/Hörer beeinflussen und teilweise entstehen zu lassen. Um dieses Reaktionssystem in Gang bringen zu können, bedarf es objekthafter Phänomene, Dinge im Raum, um eine aktive Rezeption, eine Aktivität im Raum zu erzeugen, ein räumliches Ereignis zu inszenieren. Die "AusMaschinen" etwa (1992) schalten sich beim Nähern des Besuchers ab; dieser muß erst eine bestimmte Zeit lang unbewegt vor der skulpturalen Maschine, der maschinellen Skulptur stehen, damit sie sich wieder einschaltet und Musik produziert. Es geht immer um den Systembegriff, um die Erzeugung von Systemen und Kontexten. Es entstehen objekthafte oder sozusagen objekthältige Systemräume, Klangräume, die allerdings mitunter Klangsequenzen erzeugen, die sich als Ton-Stücke von dieser Skulptur abziehen lassen und etwa als unabhängige Radiostücke gesendet werden können.

Es geht also nicht allein um die Generierung der Musik, die Erzeugung klanglicher Strukturen und Sequenzen, sondern um deren Einbindung in determinierte, d.h. steuerbare Systeme. Die Musik ist ein Element in diesem System, dem sie meist ihre Erzeugung verdankt. Im Mittelpunkt stehen in jedem Fall die Strukturen, die Prozesse und die Möglichkeiten ihrer Steuerung - auch die algorythmischen Klangskulpturen sind mehr als tönende Objekte, sie sind in diesem Sinn als Systemskulpturen, als Skulpturensysteme zu betrachten.

Es wird nicht mehr am System der Musik 
weitergeschrieben, sondern es werden
jeweils bestimmte Aspekte einer Analyse 
unterzogen und durch eine mathematische 
Funktion (annähernd) beschrieben.
Winfried Ritsch geht in seinem Musikbegriff von einem Endpunkt des Komponierens aus, an dem dem Komponisten die Entscheidungen über die Strukturierung und Ordnung eines Stücks von mathematischen Kalkülen abgenommen worden sind; es wird nicht mehr am System der Musik weitergeschrieben, sondern es werden jeweils bestimmte Aspekte (Zeit, Amplitude, Instrumentation, Tonhöhe usw.) einer Analyse unterzogen und durch eine mathematische Funktion (annähernd) beschrieben; Parameter werden entwickelt, die nach einem bestimmten System variiert werden können und wiederum bestimmte Algorithmen auslösen, d.h. bestimmte schematische und schematisierte Rechenvorgänge, die dann die Klangereignisse erzeugen. Musik wird also mathematisiert, sie wird einer gesetzmäßigen Beschreibung zugänglich gemacht, rationalisiert - d.h. es werden auch musikalische Mythen dekonstruiert. Die mathematische Beschreibung einer bestimmten Musikvorstellung wird entwickelt. Der Vorgang der Komposition wird auf ein völlig anderes Feld verlagert. Vor dem derart verstandenen Komponieren - der Systematisierung und Übersetzung in mathematische Reihen oder Funktionen, Algorithmen - müssen erst Beschreibungsmodelle gefunden werden, die es erlauben, Kalküle für bestimmte Stücke zu entwickeln. Der musikalische Raum wird in einen systemischen Zustandsraum transformiert, die Musik entspricht bestimmten Zuständen spezifischer mathematischer/digitaler Systeme, die Partitur wird zum Programm, zur Software.

Die Zustände repräsentieren dabei bestimmte Positionen innerhalb einer Matrix, die aus der Analyse von musikalischen Elementen (Zeit, Klangzustand zu einem bestimmten Zeitpunkt oder ähnliches) entwickelt wurden. Diese Matrix steuert dann etwa eine Klangdatenbank (wie im Projekt "Evolution 2"); für diese Steuerung wurde ein eigenes Programm - "Neo Loops" - geschrieben, das die Datenbank über Midi-Systeme steuert, verwaltet und diverse Editierfunktionen ermöglicht. Die Datenbank setzte sich aus Klangereignissen zusammen, musikalischen Zellen, die über das Programm aktiviert und modifiziert wurden. Die eigentliche Komposition besteht in der Entwicklung dieses Programms.

Deutlich wird hier, daß es nicht nur um eine Digitalisierung von Musik geht, nicht um eine Neucodierung musikalischen Materials, um es einer anderen (digitalen) Bearbeitungsmöglichkeit zuzuführen, sondern daß ihre Entwicklung, Strukturierung - die Komposition - zu einem Programm-Ereignis wird. Das Material selbst kann dabei völlig unterschiedlich erzeugt sein (zumeist geschieht dies über MIDI-Systeme), indem es formalisiert wird, werden nicht seine Effekte verändert, sondern sein Aufbau. Automatisierte Musik erzeugt eine abstrakte Dekonstruktion von Musik im Sinn einer formalen Analyse, einer Reduktion auf bestimmte Beschreibungswerte und deren Überführung in Parameter, und im nächsten Schritt eine Neukonstruktion/Erzeugung nach diesen formal/mathematischen Gesichtspunkten. Es werden keine Effekte eingesetzt oder digitale Schnittfunktionen, sondern die Entwicklung und Steuerung der Musik wird in die Systemebene übertragen. Nicht das Endergebnis soll verblüffen, die Methode und das System seiner Generierung stehen im Mittelpunkt der Arbeit.

Eine Musik, die sich aus der Beschreibung 
von Musik ergibt, ein System, das aus der 
Beschreibung eines Systems entsteht, dem 
es - doch noch - angehört; eine 
selbstreferentielle Ordnung entsteht, 
mathematische Aussagen über Musik 
werden selbst zu Musik.
Das Schema "Idee - Kalkül - Komposition" wird zum Schema "Konzept - Programmierung - Computergenerierung" umgewandelt. Es geht auch darum, hohe Komplexitäten dieser Generierung zu erzeugen, ohne in eine reine Zufälligkeit zu verfallen, d.h. stochastische Signale zu erzeugen, ohne in eine Beliebigkeit des Klangs zu verfallen. Die Mathematisierung der Musik erlaubt, ein System innerhalb hoher Organisationsdichte aufrechtzuerhalten. Insofern geht es auch um die Etablierung einer Kontrolle über das System Musik; die Analyse erzeugt eine Transparenz, die wiederum in ein Produkt umgewandelt werden kann. Die Frage ist weniger, was hier an musikalischen Qualitäten verloren gehen mag, sondern was an spezifischer Musikalität durch dieses Konzept erzeugt werden kann - eine Musik, die sich aus der Beschreibung von Musik ergibt, ein System, das aus der Beschreibung eines Systems entsteht, dem es - doch noch - angehört; eine selbstreferentielle Ordnung entsteht, mathematische Aussagen über Musik werden selbst zu Musik. Die Musik ist ein Systemraum, der analysiert wird, um selbst ein musikalisches System zu erzeugen - und es handelt sich immer um deterministische Systeme, d.h. es wird nicht mit Zufallsgeneratoren, sondern immer auf der Ebene von selbst entwickelten Algorithmen gearbeitet. Vor dem Hintergrund dieser spezifischen Konzeption von Musik und ihrer Erzeugung muß auch das Projekt "Automatisiertes Radio" gesehen werden, das in einer modifizierten Form speziell für Innsbruck realisiert wurde.

Hier geht es wieder um ein System - das System Radio. Wieder stehen nicht die erzeugten Stücke im Mittelpunkt, sondern die Idee der Automatisierung. Das Projekt arbeitet mit der völligen Delegierung von Abläufen und deren Modifikation im Hinblick auf bestimmte Eingaben und Variablen an digitale Systeme. Es entsteht eine System-Simulation. Das Projekt ist in Zusammenhang mit dem Institut für elektronische Kunst in Graz entwickelt worden und stellt eine Verbindung von elektronischen und digitalen Geräten dar zu dem Zweck, eine Radiosimulation zu erzeugen, eine Maschine, die manche Eigenschaften des Radios thematisiert und gleichzeitig selbst leistet.

Das Projekt ist ein Modell und gleichzeitig 
ein Gegenmodell der Erscheinungsform Radio, 
seiner Sendungen, der Form der Hörerbeteiligung, 
der Form der Moderation, der Themen usw..
Es entsteht darüberhinaus ein Kommentar zum System Radio; einerseits seiner technischen Ebene (durch die Automatisierung der Abläufe - die Makrostruktur), und andererseits seiner inhaltlichen Ebene (die Beteiligung der Benützer/Hörer, die Möglichkeiten ihrer Eingriffe, d.h. die einzelnen Elemente - die Mikrostruktur). Das Projekt ist ein Modell und gleichzeitig ein Gegenmodell der Erscheinungsform Radio, seiner Sendungen, der Form der Hörerbeteiligung, der Form der Moderation, der Themen usw.. Das "Automatisierte Radio" ist ein ironischer Kommentar zur Sozialisierung durch Medien, der Art und Weise, Inhalte zu verbreiten und Verhalten zu konditionieren, Sinn und Bedeutungen zu erzeugen, d.h. gesellschaftlich relevant zu sein. Winfried Ritsch thematisiert die Talk-Show, das Talk-Radio, eine Sendung, in der Anrufer beliebige Themen zur Sprache bringen können.

Um diese Dialog-Situation in Gang zu bringen, ein Sprechen zu initiieren, werden dem Hörer des automatisierten Radios von diesem selbst Fragen gestellt. Für die Beantwortung dieser Fragen stehen zwei Telefonhörer zur Verfügung und eine bestimmte Zeitspanne, die vom System zugeteilt wird. Auf diese Antworten oder Statements etc. reagiert dann der digitale "Moderator": mit programmierten Stereotypen, die die Spontaneität solcher Radio-Sendungen ironisieren, eine Subjektivität des Systems suggerieren und damit eine unmittelbare Reaktion imitieren - oder aber das System schweigt. Das Radio wird hier durch eine automatisierte Inszenierung ersetzt. Diese Inszenierung steuert den Ablauf der Radiosendung und reagiert auf den Besucher/Hörer bzw. die von ihm vorgenommenen Einstellungen.

Teile der Sendung - die Mikrostrukturen - können vom Hörer beeinflußt werden. Er hat die Möglichkeit, durch Regler Parameter zu verändern. Die Hörerbeteiligung in Radiosendungen, die Abstimmung innerhalb bestimmter Sendungen - etwa von Wunschprogrammen - wird mittels dieser "Meinungssensoren" simuliert. Das "Automatisierte Radio" besteht dementsprechend aus der "Welt des Hörers" und der "Welt des Radios".

Erstere besteht aus mehreren Kopfhörern, über die die Sendungen abgehört werden können, den Meinungssensoren, dem Bildschirm und den zwei Telefonen, durch die sich der Besucher/Hörer in die Sendung begeben kann, indem er einen Hörer abnimmt und sich in das System schaltet, zu einem Teil des Systems wird. Über diese Telefone ist ebenfalls die laufende Sendung zu hören. Beide Telefone können auch gleichzeitig bedient werden, dann befinden sich beide Hörer im gleichen Stück und können sich aufeinander beziehen. Das System ermöglicht damit seine zeitweilige Ausblendung, die Kommunikation der Hörer untereinander über Kanäle des automatisierten Radios.

Letztere - die Welt des Radios - besteht aus einer Datenbank, auf der die Stimme des Moderators (Fragen und Antworten bzw. "Reaktionen" und Einwürfe), Sender- und Programmkennung gespeichert sind und von dort über den Computer eingespielt werden, der Steuerung, den Midi-Geräten, sowie aus vier Radiogeräten. Diese sind auf verschiedene fremdsprachige Sender eingestellt, das typische Rauschen nicht genau abgestimmter Empfänger bleibt erhalten. Von diesen Radios werden die Zuspielungen realisiert, die in Zeitdauer und Tonhöhe verändert und mit Klangräumen versetzt werden. Das Programm fragt die Stellung der "Meinungsdetektoren", der Parameter-Regler, in einem Intervall von 60 Sekunden ab und richtet allmählich die Einspielungen der Fragen und Reaktionen - die Parameter sind: Objektivität, Aggressivität, Dichte, Variation, Echtheit, Musikanteil, Höreranteil und Komplexität - aber auch die Zeitdauer der einzelnen Teile danach aus. Der Wert "Variation" etwa beeinträchtigt den Grad der Veränderung pro Zyklus, die Größe "Komplexität" erhöht die Mehrschichtigkeit der Sendung bis hin zur komplexen Collage. Darüberhinaus wird die Stimme des Hörers am Telefon manipuliert: eine bestimmte Zeitdauer wird ihm zuerkannt, es werden Klangräume hinzugemischt, die nicht der Situation entsprechen (eine Telefonzelle auf einem Bahnhof, Vogelgeräusche, Hall usw.) und/oder die Stimme wird verfremdet (Tonhöhe). Diese Effekte werden alle nicht zufällig erzeugt, sondern orientieren sich an den eingestellten Parametern bzw. der programmierten Auswertung dieser Parameter.

Es genügt nicht der schnelle Blick
auf die Geräte und die Anzeigen, um die 
Installation zu "lesen"; es 
muß mit ihr gearbeitet werden.
Die Intervalle der Parameterabfrage richten sich mit dem Wert von 60 Sekunden eindeutig auf die Welt des Hörers und nicht auf systeminterne Rechnerzeiten; es handelt sich um eine Zeitspanne, die ein Nachvollziehen der Veränderungen erlaubt, ein Beobachten des Radiosystems. Es bedeutet aber gleichzeitig, daß eine gewisse Zeit notwendig ist, dem System und seinem Ablauf auf die Spur zu kommen. Es genügt nicht der schnelle Blick auf die Geräte und die Anzeigen, um die Installation zu "lesen"; es muß mit ihr gearbeitet werden, die Einstellungen müssen verändert werden, damit das Motiv der Sendung erkannt werden kann. Der Rezipient ist zu einer Aktion und zu Aussagen aufgefordert.

Der Ablauf eines möglichen Radiostückes - das Grundmotiv - ist vorgezeichnet, der Besucher/Hörer bestimmt die Modifikationen und damit die jeweilige Erscheinung dieses Motivs im Zusammenspiel mit dem System. Die Teile sind: Kennung, Ansage, Zuspielung, Frage an den Besucher/Hörer, die Telefoneinschaltung mit der Antwort des Hörers, Reaktionen auf diese Einschaltung. Die Kennung als eine Art Signation ist fixiert, es wird aus zwei Kennungen ausgewählt. Die Ansage einer Zuspielung ist fest gekoppelt mit der Zuspielung selbst, d.h. mit dem folgenden Radioausschnitt aus den vier Weltempfängern - die an Live-Berichte angelehnt sind. Es folgt die Frage an den Besucher/Hörer. Die Phase der Telefoneinschaltung durch diesen ist die komplexeste, da sie bereits zur Zeit der Frage erfolgen kann und sofort durchgeschaltet wird. Es wird also ein direkter Zugriff, eine buchstäblich unmittelbare Beteiligung ermöglicht. Es folgt die Antwort, das Statement des Hörers. Nach der zugeteilten Zeit schaltet das System wieder auf automatischen Betrieb, d.h. es folgt eine neue Kennung, Ansage, Zuspielung, Frage und Antwort einer anderen Sendung, da jede Sendung abgespeichert wird und aus diesem Material nach einem ebenso programmierten Prozeß ausgewählt wird. Auch ohne Hörerbeteiligung ist deshalb eine Sendung des "Automatisierten Radios"zu hören, d.h. im Zustand des automatisierten Betriebs funktioniert es wie ein traditionelles Radio als alltägliche Black-Box - es produziert Sendungen.

Der Rezipient ist zu einer Aktion 
und zu Aussagen aufgefordert.
Das "Automatisierte Radio" greift in der Abwicklung seiner Grundmotivik auf eine Sample-Datenbank zurück. In dieser Datenbank sind alle Fragen, Antworten, Kennungen, Ansagen, Reaktionen - der "Moderator" - gespeichert, kategorisiert und in mehreren Schichten abrufbar. Jede Kategorie wird aufgrund spezifischer Parameter ausgewählt und aufgrund weiterer Parameter mit den anderen Kategorien verknüpft: eine Kennung etwa wird gewählt, es folgt eine der acht möglichen Ansagen und eine der ebenfalls acht Einspielungen, die allerdings in Viererblöcken vertauscht werden können, um die Zuordnung zu erhalten. Daraufhin wird nach den Kriterien Allgemein, Persönlich und Konkret eine Auswahl der Fragen getroffen und nach den Kriterien Allgemein, Neutral, Rückbezüglich, Ablehnend, Zustimmend, Absurd eine Reaktion des Moderators eingespielt. Die eingestellten Meinungssensoren werden unterschiedlich gewichtet und bestimmen dementsprechend die Auswahl der Fragen, Reaktionen und Einwürfe des Moderators. Der Besucher kann die Abläufe auf einem Bildschirm verfolgen, er sieht die Einstellungen der Meinungssensoren und die Stellung im Ablauf, d.h. welches der Radios gerade zuspielt oder welcher Hörer betätigt wurde und wann der Zeitraum für die Antwort, das Statement durch den Hörer zur Verfügung steht. Der Bildschirm als Ausgabegerät wird so zu einem Fenster in das System, ein Fenster, das normalerweise durch das Radio nicht erzeugt wird. Schließlich wurde in Innsbruck auch die Ausstrahlung der Sendung, d.h. das konstitutive Moment des Systems Radio eingelöst: sie war - zwar nur innerhalb des Stadtbereichs - auf der Frequenz 107,2 MHz zu empfangen. Bei dieser Frequenz handelt es sich um die Testfrequenz des ORF, die dieser von der Post zur Verfügung gestellt bekommt. Nur in dieser Frequenznische ist das Senden möglich. Das "Automatisierte Radio" von Winfried Ritsch nützte diese Situation und löste damit den Anspruch der Simulation des Radiosystems auf allen Ebenen ein.

Das "Automatisierte Radio" ist ein Beispiel für jene kybernetischen, algorithmischen Systeme, die die Frage nach der Musik, nach der Kunst, ihrer Erzeugung, ihren Qualitäten etc. auf eine ganz andere Ebene transponieren, auf die Ebene der Steuerung, der Steuerungssysteme. Der Künstler wird zum System-Operator, zum System-Designer. Winfried Ritsch erzeugt deterministische Systeme, die die Frage nach dem - noch? - möglichen Ort von Kunst aufwerfen bzw. längst die Synthese zwischen künstlerischen und technischen Strategien realisieren. Diese in sich selbst völlig definierten Systeme erzeugen dennoch Erfahrungsmöglichkeiten und Spielräume für den Betrachter, der diesen Systemen gegenüber wie ein weiteres - externes - System erscheint - die künstlerische Inszenierung einer Begegnung der anderen Art.


aus TRANSIT#1, Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum

  • Automatisiertes Radio Index

  • Kurzbeschreibung

  • Biographie Winfried Ritsch

  • Aufbauplan/Geräteliste

  • Bildmaterial


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