lucas gehrmann: transit
Der radiophone Raum schützt ihn 
vor zermürbender Kontinuität.
Hans Augustin schreibt als Kommentar zu seiner Arbeit “Transit” am 19.9.1992: “Eigentlich bedarf ein 30-Minuten OT von Verkehrslärm keiner Erklärung. Dennoch - nach den Gesetzen der Radiophonie - kann dem Hörer eine unbearbeitete Information dieser Zeitdauer nicht zugemutet werden. Der radiophone Raum schützt ihn vor zermürbender Kontinuität.
“Transit“ ist nicht bloß ein Synonym für Bewegung. Von hier nach dort und wieder zurück. Und das ununterbrochen. Transit ist darüberhinaus ein Euphemismus für eine Verletzung geworden, die Menschen seit der Inbetriebnahme von Verkehrssträngen bei ständig wachsendem Verkehr zugefügt wird. Transit ist damit zu einem politischen Faktor geworden.
Nur in der Transformation der realen Geräusche
in einem Kunstraum ist eine Manipulation
bzw. Unterbrechung überhaupt möglich.
Ich habe mit meiner Arbeit versucht, ein Dokument anzufertigen, das diese Verletzungen, diese Schmerzen hörbar machen soll, sie sozusagen radiophon appetitlich zu servieren. Realität als Hör-Genre. Nur in der Transformation der realen Geräusche in einem Kunstraum ist eine Manipulation bzw. Unterbrechung überhaupt möglich. Der Kunstraum besteht in der Digitalisierung des Tonmaterials. Diese Methode jedoch steht den Leidtragenden nicht zur Verfügung. Sie sind Tag und Nacht dem Geräusch-Müll ausgesetzt”.
Die realistische Komponente des Radiostücks tritt nicht nur durch die Digitalisierung, sondern vor allem durch die Isolierung auf das rein akustische Ereignis der Autobahngeräusche zurück. Was in der Kombination mit dem Bild als “belebt” empfunden werden kann (Bewegung, unterschiedliches Aussehen der Fahrzeuge, Sicht der Insassen etc.), reduziert sich hier auf die Wiederholung von wenigen Geräuschvariationen bei prinzipiell gleichartiger Struktur der einzelnen Geräusch-“Kompositionen” (kurzes Crescendo - Decrescendo gemäß Dopplereffekt). Bedingt durch diese Reduktionen und Transformationen, sowie durch die Länge des Stückes wird hier letztendlich eine “meditative” Atmosphäre geschaffen.
Es entsteht gelegentlich der Eindruck, als ob sich die Straßengeräusche zu einer stets tiefer werdenden Baßuntermalung verbänden, was einen dramatisierenden Effekt im musikalischen Sinne bewirkt.
Trotz der Verfremdungen bleibt ein starkes Assoziationsfeld zur Realität bestehen, die - in Erinnerung an eigene Erfahrungen bezüglich “an einer Schnellstraße stehen” - ausgeprägte Erwartungshaltungen aufbauen können (bei kurzfristiger Stille lauschendes Warten nach nächstem Geräuschereignis = Fahrzeug - mit eingeschlossener Möglichkeit einer Veränderung der Szene, z. B. durch Reaktion eines Fahrzeuges auf den “Betrachter” / Hörer). In bezug auf die Neugierde /Hoffnung auf ein nächstes Fahrzeug wird diese Hoffnung auf eine Änderung des “für wahr gehaltenen” Szenarios. Dieses wird lediglich durch besagte Einblendungen kurzfristig unterbrochen, die dann den Hörer zum Medium Radio zurückbringen.


aus TRANSIT#1 Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum

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  • Biographie Hans Augustin

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