Thomas Madersbacher: Attack
Das digitale Radio der Zukunft wird seinen Beitrag zur Steuerung von Menschen-, Verkehrs- und Informationsströmen möglichst unaufdringlich, in angenehme Klänge eingebettet, vornehmen.

ATTACK hat seine Maskierung fallengelassen und zeigt das wahre Gesicht eines zynischen Lenkungssystems. Agressiv lockt es Passanten in seine Falle, attackiert sie, um sie für sein Programm zu mißbrauchen.

ATTACK entreißt das Publikum unmittelbar aus seiner unbeteiligten, passiven Rolle, zwingt es zur Teilnahme am Programm. Die erzwungene Integration des Publikums dient in Wahrheit aber nur als human aspect für ein System, das auf Menschen längst nicht mehr angewiesen ist.

ATTACK funktioniert vollautomatisch, erstellt sich seinen eigenen Programmablauf und okkupiert andere Programme. Wie ein Virus taucht es unberechenbar zu verschiedensten Zeiten in allen möglichen Radioempfängern auf.



Die Steuerung interaktiver Benutzer

Das Radio, ein Produkt der Kriegstechnologie, ist sehr bald als effizientes Steuerungsmedium erkannt und eingesetzt und als Massenbeeinflussungsinstrument mißbraucht worden.
In der Nachkriegsgeschichte wurde versucht, den Mißbrauch durch staatliche Kontrolle zu verhindern, der Steuerungscharakter blieb weitgehend erhalten.
Wir sind mit der Vorstellung aufgewachsen, Radio und Fernsehen seien übergeordnete Instanzen. Entsprechend groß ist die Distanz zwischen Sender und Empfängern. Das allgemeine Verhalten gegenüber den elektronischen Medien ist durch massive Berührungsängste und Passivität gekennzeichnet.
Seinen Ereignischarakter hat das Medium Radio, durch effektvollere Vermittlungssysteme abgelöst, mittlerweile weitgehend verloren. Produktionen werden durch Programmierung ersetzt, die immer häufiger automatisch erfolgt. Menschen spielen im Geschehen zunehmend eine untergeordnete Rolle, liefern den menschlichen Aspekt für ein Programm, das einen kommunikativen Charakter simuliert.
Zur Steigerung der Attraktivität werden aber Eingriffe in den Programmablauf erlaubt. Interaktive Benutzer werden zum wesentlichen Bestandteil eines Systems, dessen Effizienz als Steuerungsinstrument auf einer breiten Publikumsakzeptanz basiert. Die Möglichkeit der Mitgestaltung ist durch klare Vorgaben geregelt und beschränkt sich auf ein Klischee von Scheinkommunikation.



fast, cheap and efficient

Demnächst wird das Radio vom elektronischen in den digitalen Raum überwechseln. Kompatibel zu allen Datennetzen ergibt sich mittels digitaler Kodierung ein schnelles und effizientes Verbreitungsmedium für Verkehrs- und Sicherheits-Leitsysteme. Radio bekommt im understatement zum akustischen Begleitprogramm etwas Ereignishaftes zurück, als Lenkungssystem, das die wegen ihrer Komplexität und Überbeanspruchung kurz vor dem Zusammenbruch stehenden Ströme gezielt steuert.



Realisierung

Wir schaffen eine Schnittstelle, an der Medium und Publikum aufeinanderprallen. Der Kontakt zum Medium wird unmittelbar hergestellt. Das Publikum gerät in die Zwangslage, mit einem unkommunikativen Programm kommunizieren zu müssen. Das Radio gibt als übergeordnetes System den Ablauf vor.
Der zweite Bereich ist die Übermittlung an das breite Publikum. Der Konflikt zwischen eingespielten Programmabläufen und Hörgewohnheiten und einem Durchbrechen dieses Schemas ergibt ein Spannungsfeld für eine Auseinandersetzung mit der Definition dessen, wie Radio funktioniert. Es geht um die Okkupation vorhandener Räume und um ein möglichst offensives Aufbrechen von unreflektierten Mechanismen.

Thomas Madersbacher


aus TRANSIT#2
Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum

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