Wolfgang Schäffer: Kommentar
Sprache - Bereich zwischen Artikulation und Musik? Entwickelt sie sich aus Musik? Kommt sie aus Musik? Bilden Musik und Sprache eine Einheit, die sich in zwei verschiedenen Räumen, dem Musikalischen und dem des sich Verständigen-Wollens, bewegt? Gibt es eine vokale Musik jenseits des gesungenen Wortes? Kann Sprache, Sprechen, kann das im Mund gebildete, geformte Wort Musik sein, zur Musik werden? Seit Arnold Schönbergs (1874-1951) “Pierrot lunaire” (1912) und der im Werk angestrebten “Sprachmelodie”, d. h. der Verschmelzung von Gesungenem und Gesprochenem zu einer eigenen vokalen Sprache, stellten sich für die Komponisten des 20. Jhdts., vor allem der Generation nach 1945 immer wieder diese Fragestellungen, auf der Suche nach einer neuen Vokalität abseits der bereits beschrittenen Wege.

Im Laufe der Zeit entwickelten sich daraus neue Konzeptionen im Umgang mit Stimme, Sprache und Wort. Immer mehr rückte dabei die Sprache in den Vordergrund der musikalischen Auseinandersetzung. Aus Sprachmaterialien wurden Klänge ausgewählt und zu neuen Klangstrukturen in Verbindung mit Elektronik zusammengefügt, deren Spektrum vom Sinuston bis zum Geräusch reicht. (1) In der Behandlung der Sprache ging man immer mehr vom Wortklang aus, spaltete Sätze nur nach dem Gesichtspunkt der Wortrhythmik auf, ohne auf den Kontext zu achten. Laute, Vokale, Worte wurden immer mehr als spontane Ausdrücke momentaner Befindlichkeiten wie Angst, Zorn, Freude, Trauer begriffen und in experimentellen Vokalkompositionen als gestisch expressiver Momentausdruck auskomponiert. (2) Sogar die Sprache des Menschen in der Arbeitswelt wurde ein Bereich der gestalterischen Auseinandersetzung. (3) Komponisten wie György Ligeti (* 1923), Karlheinz Stockhausen (* 1928), Maurizio Kagel (* 1931), John Cage (1912-1992) und Luigi Nono (1924-1990) trugen mit ihren Kompositionen wesentlich zur Findung einer neuen Klangsprache in der Vokalmusik bei.

Sprache als Raum der Kommunikation, des sich Ausdrückens, des “sich zur Sprache bringen Wollens”, aber auch Sprache als musikalisches Mittel, bot sich auch für Heimo Wisser als Betätigungsfeld kompositorischer Auseinandersetzung an. Dabei ging es ihm um eine spezielle Sprache. Eine Sprache, die sich elitär, wissend gibt und sich, losgelöst vom herkömmlichen Sprachgebrauch, auf einem ganz anderen Parkett bewegt: die Sprache der Politik, oder besser die Sprache der Politiker. Aus ihr gestaltete Heimo Wisser sein Radiostück “Arien und Chöre der Elite”.

Ausgangspunkte für diese Kompositionen bildeten wieder Fragen: Inwieweit läuft sich die Politsprache tot? Ist sie nicht zur bloßen Phrasendrescherei verkommen? Wie steht es mit der Aufrichtigkeit, oder ist alles bloß belangloses Geschwätz? Welche Musik würde man aus den Stimmen einzelner Politiker gewinnen können? Wie würde sie klingen?

Heimo Wisser wählte für seine Arbeit aus den Rundfunkarchiven Radiointerviews einige an ihrer Stimme leicht erkennbare Politiker aus. Aufwendig digital “gesäubert” begann er das Material zu bearbeiten. Dabei hat Wisser bewußt die Inhalte der einzelnen Aussagen ausgeklammert. Vielmehr stellte er die Floskel, den Gestus, die Monotonie der Politikersprache in den Vordergrund seiner Bearbeitung. Das gesprochene Wort der einzelnen Personen entwickelt sich einmal zur Arie, einmal zum Chor. Auseinandergeschnitten und wieder zusammengefügt und verbunden mit unterschiedlichen Klängen und Hintergrundmusiken, enstanden Sprach- und Klangcollagen voll Ironie. Aus dem Originalton der einzelnen “Politsänger” wurden durch vielerlei Prozesse aus gleichen Stimmen völlig andere Materialien gewonnen, aus denen einerseits flächige Hintergrundchöre zur Arie gebildet, andererseits rhythmisch prägnante Sätze und Satzteile in Silben auseinander geschnitten wurden, die wiederum, in der Tonhöhe korrigiert, neu zusammengesetzt und mittels Zeitexpansion bzw. -kompression im Verhältnis n x 122 gedehnt bzw. verkürzt wurden. Dadurch entstanden rhythmisch idente Chöre in chromatischer Stimmung. Diesen aus dem “Urmaterial” gewonnenen Arien und Chören werden fremde Klänge beigemischt, wie Grillengezirpe, der Klang einer Schere, Perkussionsinstrumente, Blockflöte, Celesta und Theorbe, sowie Blasmusik. Diese zugemischten Klänge bilden sich zu kompositorischen Strukturen, deren musikalischer Gehalt sich bewußt auf die Person und ihren sprachlichen Gestus bezieht. Die Hintergrundmusik liefert gleichsam eine verdeckte Interpretation zur Person und dem Charakter des Politikers, ordnet ihn bewußt oder unbewußt ein. Heimo Wisser will dabei musikalisch verständlich bleiben, um vom Hauptträger des Geschehens nicht abzulenken. Die Musik nimmt vielmehr die Grundmomente der Politikersprache in sich auf und persifliert sie. Dies geschieht oftmals mit an Schlagermusik erinnernde Passagen. Aus kurzen Gedanken, Motiven, Wortfetzen, Satzfragmenten entwickeln sich so unter Heimo Wissers Hand Arien, Chöre und Rezitative, unterbrochen von orgelpunktartigen Zwischenklängen.

Sprache und Musik verbinden sich in den “Arien und Chören der Elite” zu einer heiter, ironischen Paraphrase zum Thema “Sprache und Politik”. Dabei handelt es sich nicht um eine Manifestierung irgendeiner politischen Gesinnung. Heimo Wisser will sich bewußt mit seiner politischen Sicht der Dinge heraushalten. Vielmehr will dieses Stück den Hörer auf die Sprachlosigkeit der Politiker, auf die Verarmung der Politsprache, die sich in einem phrasenhaften, hohlen Gestus verliert, aufmerksam machen. So begegnet man mit Heimo Wissers “Arien und Chöre der Eliten” einem Stück “von uns gewählter Realität” - deren “wahre Inhalte” mit oder ohne uns im Rundfunk tagtäglich gesungen werden - das durch Wisser zu Arien und Chören gestaltet, Sprache einmal anders zur Sprache bringt.

Wolfgang Schäffer


1 Karlheinz Stockhausen “Gesang der Jünglinge im Feuerofen” (1956)

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2 György Ligeti “Aventures/nouvelles Aventures” (1962/65) Boris Blacher/Werner Egk “Abstrakte Oper No. 1” (1953)

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3 Luigi Nono “La fabbrica illuminata” (1964)

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aus TRANSIT#2
Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum

  • Arien und Chöre der Elite index

  • Kurzbeschreibung

  • Heimo Wisser Biographie


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