Durchführung
DIE DURCHFÜHRUNG:


Die konkreten Personendaten bildeten die Basis für die Umsetzung der Idee auf die verschiedenen Medien.

Das Bild:
Das Datum des Verschwindens ist (soweit bekannt) als Zahlenreihe ohne Zwischenräume verschlüsselt (1). Als zentraler Hintergrund für die Bildmedien steht ein am Computer verfremdeter Bundesadler, der, von uns als elektronisches Wasserzeichen konzipiert, an offizielle Formulare erinnert.

Der Ton:
Für das Radio wurde Herr Kolppacher, ein pensionierter Nachrichtensprecher, der selbst noch Rotkreuzlisten verlesen hat, engagiert. Diese “offizielle” Radiostimme - zugleich ein Verweis auf eine tatsächlich existierende Form - war für den Erfolg der Personenrufe sehr wichtig.
Die Hintergrundmusik für Radio- und Fernseheinschaltungen bildete ein eigens für dieses Projekt neu gemischtes Intro des Stückes “Nicht Schuldig” von ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT. (2)

Das Netzwerk:
Für die Einspielung in das BTX-System und in andere Netzwerke, FIDO und ZEROnet wurden 7 Seiten Bildschirmtext mit den gesuchten Personen gestaltet.

Das Fernsehen / Scheitern:
Im Dezember 1992 wurden im Landesstudio Tirol 11 Fernsehspots zu je 40 Sekunden produziert. Diese Spots erinnern in ihrer Gestaltung an die Listen der Spender von “Licht ins Dunkel” (das codierte Datum spielt dabei die Rolle des Spendenbetrages). Parallel dazu ist versucht worden Sendezeiten für die Ausstrahlung der Radio- und Fernseh-Spots zu bekommen.
Bei einer Arbeit, wie den “Personenrufen” sind die (Massen-)Medien, für die diese geschaffen wurden, ein integraler Bestandteil derselben. Radio, TV und die elektronischen Medien sind hier nicht nur Träger der Information, sondern auch Teil des Gestaltungsprozesses. Der Rundfunk ist hier einmal nicht aufgefordert, ein Abbild einer “draußen” liegenden Aktivität zu liefern (also Berichte), sondern im Gegenteil, selbst Teil eines künstlerischen Prozesses zu sein (es gibt ja “echte” Personenrufe!). Die den Massenmedien immanenten Mechanismen und Funktionsweisen sind Gegenstand der Betrachtung und auch der Gestaltung, denn der Rezipient soll zum Assistierenden, zum Mitwirkenden bei der Suche nach den Vermißten werden.
Um diese beabsichtigte Wirkung zu erreichen, mußten die “Personenrufe” zwischen den regulären Sendungen, im alltäglichen Sendeablauf untergebracht werden. Dagegen hat es von Seiten des Rundfunks, vor allem des Fernsehens, große Widerstände gegeben - nach verschiedenen Gesprächen und mehrmaligen Vertröstungen wurde die Ausstrahlung, der immerhin im ORF schon fertig produzierten TV-Spots schließlich abgelehnt.
Hier wurden wir mit dem mangelnden Interesse und damit dem Fehlen von (Sende-)Räumen für eine medienspezifischen Kunst, innerhalb des ORF, konfrontiert. Nicht die Distribution von Videobändern oder anderer “externer” Arbeiten sei hier gemeint, sondern das Schaffen von Originalen mit dem Medium (3). Es zeigt sich, daß Entscheidungen über Sendung oder Nichtsendung fallen, ohne daß den Künstlern die Möglichkeit einer Stellungnahme gegeben ist. Dies verdeutlicht das Fehlen einer Ansprechperson, bzw. eines Gremiums innerhalb des ORF, welches die Kompetenz hat über solche künstlerische Fragen zu urteilen.


AUSFÜHRUNG:

Das Plakat:
Die Poster waren im Februar 1993 österreichweit an den angemieteten Plakatflächen von Bahnhöfen (in Wien, Graz, Innsbruck, Klagenfurt und Villach), als Schnittstellen des Kommens und Gehens, der Flüchtigkeit, zu sehen; weiters in Lokalen und anderen öffentlichen Plätzen. Viele der “gesuchten” Personen kehrten so an ihren Ausgangspunkt zurück, wurden “zurückgerufen”.

Das Radio:
Die Radioeinschaltungen waren in der Woche vom 15. 2 - 19. 2. 1993 in der Sendereihe “5 vor 4” in Österreich 1, sowie vor den 4 Februarsendungen “Kunstradio-Radiokunst” (Do. 22 Uhr 15, Österreich 1) unmittelbar nach den Nachrichten zu hören.

Das Netzwerk:
7 Seiten Bildschirmtext mit Namenslisten konnten auf jedem öffentlichen (z.B. in Bahnhöfen) und privaten BTX-Terminal unter der Seitennummer * 51115 # abgerufen werden. Darüberhinaus wurden die Daten über das Kulturnetzwerk ZEROnet in das weltweite Computernetzwerk FIDO eingespeist. (4) Dieses Eindringen in den elekronischen Raum war von Beginn an ein wesentlicher Bestandteil des Projektes.


ERGEBNIS / REAKTIONEN:

Auf dieses Projekt hat es, nachdem der Inhalt erst einmal erkannt worden war, einige Reaktionen gegeben. Sie erstreckten sich von einer anonymen Klagedrohung durch eine Person, die sich in den Radioinschaltungen wiederzuerkennen glaubte, bis zu verschiedensten zustimmenden Rückmeldungen. Diese Reaktionen bestätigen die Wirkung, den Erfolg der “Personenrufe”.
Bernhard Loibner, März 1993


aus TRANSIT#2
Materialien zu einer Kunst im elektronischen Raum

  • Personenrufe index

  • Konzept

  • Literatur

  • Thomas Feuerstein: Anmerkungen

  • Biographien

  • Bekanntmachung

  • Bildmaterial

  • Emblematisches Konnektiv...symbolischer Korrelation

  • Personenrufe bei ORF Kunstradio


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    (1)z.B.: 13.3.38 wurde zu 13338. Das blieb auch der einzige direkte Eingriff in das Material. Reduktion erschien uns hier als notwendig.
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    (2)Es handelt sich dabei um die stilisierte alte Kaiserhymne, jetzt Hymne der BRD. Intro des Stückes “Nicht Schuldig” auf der LP/CD ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT, Groove Records, 1990
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    (3)Hier sei auf ein Interview mit Wolfgang Lorenz, Chef der Planungsabteilung des ORF, in der Zeitschrift Bühne 1/93 verwiesen, in der er genau dieses heftig fordert.
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    (4)Wir danken der Steirischen Kulturinitiative, die uns die Bildschirmtextseiten zur Verfügung gestellt hat.
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